Verzichten Sie auf “gute Vorsätze”

Prosit Neujahr!

“Welche Vorsätze haben Sie für das kommende Jahr gemacht?” ist wohl die am häufigsten gestellte Frage zum Jahresende. Mich wundert es manchmal schon regelrecht, dass die nette Supermarktverkäuferin mir nicht mit einem: “Das macht 53, 20 Euro… und irgendwelche  guten Vorsätze für das neue Jahr?” verbal begegnet. Abgesehen von der Tatsache, dass die “guten Vorsätze” ein sehr willkommener, wenn auch saisonal bedingter, Redeanlass sind, bringen Sie uns arg unter Zugzwang. Sie sind in der Tat weniger “gut” als wir glauben.

Gute Vorsätze sind versteckte Vorwürfe an sich selbst

Mit guten Vorsätzen für das kommende Jahr sollte man vorsichtig sein. Ja, Sie haben richtig gelesen. Vorsätze werden zwar vordergründig als Ziele formuliert, enthalten aber zumeist einen Selbstvorwurf. Vor allem die Formulierung “Ich sollte weniger…” oder “Ich sollte mehr…” leitet einen versteckten Vorwurf ein. “Ich sollte weniger essen”  oder “Ich sollte weniger rauchen…” sind zwar an und für sich in vielen Fällen gesundheitlich sinnvolle Ziele, sie beinhalten jedoch die Feststellung, dass das Bisherige schlecht war. Mit so einem “guten Vorsatz” gehe ich davon aus, dass ich als Person hinter meinen Erwartungen zurückbleibe und nicht meinen Werten (oder jenen Werte, die mir mitgegeben wurden)  entspreche. Anders formuliert: Vorsätze sind in vielerlei Hinsicht eine Bestandsaufnahme, dessen was ich bin und dessen, was ich sein möchte. Und Hand auf’s Herz: Diese beiden Vorstellungen passen nicht immer zusammen. Ein innerer Konflikt ist vorprogrammiert. Zudem wissen wir, dass lieb gewonnene Gewohnheiten nur sehr schwer abgestellt werden können.

Vorsätze sind pure Selbstüberschätzung

Wir schätzen uns besser ein als wir sind. Das ist in Lebensläufen und bei Bewerbungsgesprächen so, das ist auf dem Hochzeitsmarkt so und das ist in vielen anderen Bereichen des Lebens absolut eine Tatsache. Prinzipiell ist daran nichts auszusetzen.  Ein gesundes Maß an Selbstüberschätzung ist fast ja schon (über)lebenswichtig. Umso wichtiger ist es, realistische Ziele zu setzen. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Oft sind wir voller Tatendrang und schon nach kurzer Zeit bleibt außer dem Drang zu neuen Taten nur mehr wenig übrig. Grund ist das “False-Hope-Syndrom” das von Janet Polivy und  Peter Herman von der Universität Toronto (Kanada) untersucht wurde. Die beiden gehen davon aus, dass ein Verhalten, das nicht direkt belohnt wird, irgendwann relativ unattraktiv wird. Dennoch ist es erstaunlich, dass Menschen gerne dazu neigen, Gescheitertes zu wiederholen oder sogar zu intensivieren. Selbstüberschätzung ist ein Auslöser für falsche Hoffnungen – vor allem wenn wir den Aufwand und meistens die persönliche Ausdauer unterschätzen. Dieses Phänomen soll ja bereits Albert Einstein beschrieben haben. Wir kennen alle seinen berühmtem Spruch: “Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Selbsterfüllenden Prophezeihungen…

Robert Merton hat 1948 das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiungen beschrieben. Der Glaube spielt hier eine wichtige Rolle. Die meisten “guten Vorsätze” erfüllen jedoch nicht den Umfang einer “selbsterfüllenden Prophezeiung”. Vor allem funktionieren sie dann nicht, wenn wir die “guten Vorsätze” lediglich treffen, weil es sozial angemessen oder vorteilhaft erscheint.

“Robert King Merton definierte den Begriff der self-fulfilling prophecy, der selbsterfüllenden Vorhersage, und erklärte mit dieser Theorie eine unbewusst ablaufende Verhaltensänderung bzw. -steuerung, die dazu führt, dass sich eine Erwartung oder Befürchtung tatsächlich erfüllt. Auf diese Art und Weise funktionieren beispielsweise Prophezeiungen von WahrsagerInnen, aber auch die normalen Horoskope, denn die Voraussage, man werde in den nächsten Tagen einen Unfall haben, kann manche Menschen derart verunsichern, dass das eigene Verhalten einen Unfall provoziert.” (Onlinelexikon für Psychologie und Pädagogik)

Die drei Weisen aus dem Morgenland

Gute Vorsätze funktionieren meist nur als “Dreiergespann” – so wie die drei Weisen aus dem Morgenland. Statt Balthasar, Caspar und Melchior haben wir es allerdings mit “Vorsatz – Maß – Disziplin”  zu tun. Klingt nicht unbedingt sexy. Aber wahrscheinlich scheitern die meisten guten Vorsätze genau daran, dass sie alles andere als sexy sind. Was ist jedoch gemeint? Sie brauchen einen Vorsatz; besser noch: Sie ersetzen das Wort “Vorsatz” durch das Wort “Ziel”. Das Ziel soll positiv formuliert werden und zu ihrem Lebensstil passen. Statt “Ich will weniger essen…” kann man ja auch sagen: “Ich esse noch bewusster”. Die positive Steigerungsform ist deshalb sinnvoll, weil Sie den Selbstvorwurf teilweise entkräftet. “Ich esse noch bewusster”  bedeutet, dass ich mir meines Essverhaltens bereits bewusst bin.

Der zweite der drei Weisen ist das richtige Maß. Präzise umschriebene Ziele sind wichtig (vor allem wegen der Erfolgsmessung). Außerdem sollten Sie Ihren Fokus auf die Umsetzung eines Zieles setzen und sich nicht eine ganze Einkaufsliste an Zielen vollschreiben. Die meisten schmeißen Sie dann eh wieder in kürzester Zeit in die Rundablage Ihres Vertrauens. Weniger ist auch hier eindeutig mehr. Ein Ziel konsequent umsetzen ist oft viel erfüllender als ein bunter Strauß an Vorsätzen und Zielen.

Der letzte im Bunde

Der dritte Weise ist die gute alte Disziplin. Ekliges Wort! Ich weiß! Aber es ist richtig und wichtig. Nichts wird von alleine gehen. Sie können es aber langsam angehen und das sollen Sie auch. Überfordern Sie sich nicht. Planen Sie nicht den Marathon, wenn Ihnen das Stiegensteigen schon Mühe bereitet. Planen Sie nicht das Nie-wieder-Rauchen-Projekt, wenn Sie nicht einmal einen Tag durchhalten ohne die Stummeln aus einem Aschenbecher zu sammeln und aus den Resten eine Zigarette zu drehen. Machen Sie es dosiert und konsequent. Der Fokus soll positiv ausgerichtet sein. Zeigen Sie, dass Sie es wollen und können. So habe ich mit dem Rauchen aufgehört. “Heute rauche ich nicht…”. Am nächsten Tag: “Heute rauche ich nicht.” Es wurden volle neun Jahre daraus. Und nach neun Jahren habe ich mich auch wieder dazu entschlossen zu rauchen – und das ist absolut kein Scheitern, da ich weder in der Arbeit noch zu Hause rauche, sondern nur wenn ich Lust drauf habe.

Spielen Sie des Teufels Anwalt

Was wären die drei Weisen ohne die richtige Motivation?  Hinterfragen Sie ihre Motivation und zwar etwas eindringlicher als nach dem “Eh kloar-Prinzip”. Bleiben wir beim Beispiel Essen (passt so schön zu den Feiertagen und mir selbst).

Frage: Warum will ich bewusster Essen und somit abnehmen?
Antwort: Damit mir meine Kleidung besser passt?
Entgegnung Anwalt des Teufels: Das geht leichter. Kaufen Sie sich von den Gutscheinen, die Sie erhalten haben, einfach neue Kleidung in der passenden Größe.

Gleiches Thema, anderer Ansatz: Nun… vielleicht weil Sie sich auf Ihren Selfies und Schnappschüssen zu dick vorkommen? Auch hier gibt es eine einfache Lösung. Fotografieren Sie sich nur mehr von oben oder vermeiden Sie fotografiert zu werden. Auch das ist einfacher.

Sie wollen mit dem Rauchen aufhören, weil es billiger kommt? Auch hier gibt es eine einfache Lösung. Wieso schnorren Sie sich nicht durch? Raucher*innen sind doch so sozial.

Drum prüfe sich selbst, wer gute Vorsätze trifft

Fazit: “Drum prüfe sich, wer gute Vorsätze trifft” sollte das wichtigste Thema sein. Prüfen Sie in einer ruhigen Minute Ihre Vorsätze. Sollten Sie diese nur aufgrund der Gruppendynamik getroffen haben, lassen Sie es gleich sein. Antworten Sie Silvester also lieber auf die Frage: “Und welchen Vorsatz triffst Du für 2018?” mit der vielleicht wenig charmanten, aber sehr aufrichtigen Antwort: “Ich habe den Vorsatz, keine Vorsätze zu treffen.” Sollten Sie dennoch einen echten Vorsatz haben, schreiben Sie diesen auf, verschließen Sie ihn einem Kuvert und schreiben Sie außen das Kontrolldatum drauf. Sie werden überrascht werden. Ich  wünsche Ihnen viel Kraft, Energie und good vibrations im neuen Jahr 2018!

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