Fast ein Viertel der Wiener Lehrlinge fällt durch…

23,71 Prozent der Wiener Lehrlinge fielen 2016 bei der Lehrabschlussprüfung durch. Wien bekleidet damit im Bundesländerranking den zweiten Platz. Nur in Tirol fallen noch mehr Lehrlinge bei der LAP durch (24,71 Prozent). Die Lehrlingsstatistik, die von der WKO jährlich publiziert wird, wird von der Wiener Gratiszeitung gewohnt plakativ aufgegriffen. Bereits ein erster Blick in die Statistik zeigt, dass die Situation in Tirol und in Wien besonders dramatisch ist. In Ober-und Niederösterreich fällt „nur mehr“ jede/r Fünfte bei der Lehrabschlussprüfung durch. In Kärnten und in der Steiermark sind es knapp über 15 Prozent.

Ein genauer Blick auf die (Wiener) Statistik erscheint mir besonders wichtig. Tatsächlich ist es so, dass die Ergebnisse auch innerhalb der Branchen sehr stark auseinanderdriften. So weisen die „Überbetrieblichen Lehrausbildungen“ eine besonders hohe Durchfallquote auf. In Wien sind es immerhin 32,31 Prozent aller überbetrieblichen Lehrlinge, die bei der Lehrabschlussprüfung durchfallen. In der Sparte „Gewerbe und Handwerk“ sind es immerhin auch 32,67 Prozent (1.800 Lehrlinge wurden 2016 in Wien in dieser Sparte geprüft). Im Handel sind es hingegen „nur“ 18,24 Prozent und in der Sparte „Tourismus und Freizeitbetriebe“ lediglich 16,45 Prozent. Zusätzlich werden all jene, die zwar die Berufsschule absolvieren, jedoch nicht zur LAP antreten, erst gar nicht in der Statistik angeführt.

Die unterschiedlichen Ergebnisse zeigen, dass es gar nicht so leicht ist, eine eindeutige Antwort auf die Frage, wieso in Wien über 23 Prozent der Lehrlinge ihre LAP negativ benotet bekommen. Der Umstand, dass in einigen Branchen ein Drittel der Lehrlinge die Lehrabschlussprüfung nicht schaffen, zeigt, dass derzeit viele Dinge falsch in der dualen Ausbildung laufen. Der ÖGB sieht die Ursache in der schlechten Ausbildung durch die Betriebe, wo die Lehrlinge nur Kaffee kochen müssten, statt etwas zu lernen. Diese Ansicht wird jedoch durch das Angebot der überbetrieblichen Lehrausbildung alles andere als gestützt. Die „Überbetrieblichen“ mit ihren Stützkursen, Praktika und Lehrwerkstätten sollten ja geradezu der Garant für eine qualitativ hochwertige Lehre sein.

Woran liegt es also?

Die Ursachen sind komplexer. Eine Ursache für die vielen negativen Abschlüsse liegt vielleicht auch darin, dass in einigen Branchen die Gehaltsunterschiede zwischen gelernten und angelernten Kräften nicht allzu hoch sind. Man kann also auch „gutes“ Geld ohne LAP verdienen. Die Gründe liegen aber auch bei den Lehrlingen selbst. Viele sind einfach im falschen Job. Für etliche Lehrlinge ändern sich die Interessen während der Lehre. Man darf nicht vergessen, dass viele Lehrlinge als Teenager eine Lehre beginnen und als Erwachsene einen Lehrabschluss machen. Viele habe die Lehre aus den falschen Gründen begonnen („weil nichts anderes frei war…“, „weil die Eltern es so wollten…“) und einigen fehlt es am nötigen Talent. Viele Lehrlinge treten nur an, um einen Abschluss zu machen und sind eigentlich nicht mehr am Beruf interessiert. Und last but not least: Es gibt auch Betriebe, die ihre Lehrlinge schlecht ausbilden. Welche Gründe nun auch ausschlaggebend sind für das schlechte Abschneiden bei der LAP… Fakt ist: Zu viele Lehrlinge „verhauen“ ihren Lehrabschluss. Diese Lehrlinge fehlen als Fachkräfte in den Betrieben und ein Mangel an Fachkräften ist schlecht für die Unternehmen.

Aus all den genannten Gründen bringt es auch wenig den schwarzen Peter der einen oder der anderen Gruppe hinzuschieben. Mit einer besseren Orientierung der zukünftigen Auszubildenden und der Betriebe, einer genaueren Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen und einer guten Portion Aufgeschlossenheit für neue Wege im Lehrlingsrecruiting könnten wir den Trend, dass von Jahr zu Jahr immer mehr Lehrlinge ihre Abschlussprüfung sprichwörtlich in den Sand setzen, wieder umkehren.

 

dieser Artikel wurde zur Verfügung gestellt von der “Lehrlingsbox”

Österreich ist Europameister

Euroskills Team Österreich

Österreich ist Europameister. Wie gern hätten Österreichs Fußballfans diesen Spruch gelesen! Das Nationalteam schied in Frankreich bekanntlich in der Vorrunde aus. Trotzdem wurde Österreich Europameister. Allerdings nicht in Frankreich, sondern im Norden Europas, in Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens. Hier fand die “EuroSkills” vom 30. November bis zum 04. Dezember statt. Insgesamt nahmen 493 Facharbeiter/innen aus 28 Ländern statt an der “Europameisterschaft der Fachkräfte” teil. Das Euroskills-Team-Austria bestand aus 35 Teilnehmer/innen – 9 Damen und 26 Herren – , die sich in  29 Einzel- bzw. Teamberufen mit Unterstützung von 29 Expert/innen (=Trainer/innen) den einzelnen fachlichen Herausforderungen stellten.

Österreich wurde Europameister vor Finnland, Frankreich, Deutschland (sic!!) und den Niederlanden. Der Präsident der Österreichischen Wirtschaftskammer sieht dieses Ergebnis als Bestätigung für die duale Ausbildung in Österreich: „Die Erfolge in Göteborg sind eine Bestätigung für die Leistungsfähigkeit des österreichischen Dualen Bildungssystems, der berufsbildenden Schulen und der heimischen Ausbildungsbetriebe bei der Heranbildung qualifizierter Fachkräfte, die Österreich benötigt, um auch in Zukunft im internationalen Wettbewerb bestehen zu können“. Die zahlreichen Medaillen und Diplomauszeichnungen für die Facharbeiter/innen stellen angesichts der PISA-Debatte ein wichtiges Signal für den Ausbildungsstandort Österreich dar. Es mutet fast schon wie Ironie an: Im PISA-Ranking sackt Österreich im europäischen Vergleich ab, im direkten Vergleich der Facharbeiter/innen ist  Österreich “europäische Weltklasse”, wie es der Fußballspieler Mario Sonnleitner angesichts der Leistungen des SK Rapid in der Euroleague 2015 so schön formulierte. Selbst der ORF sprach angesichts des Titels der österreichischen Fachkräfte von einem “rot-weiß-roten Wintermärchen.”

And the winner is…

Österreich holte in fünf Kategorien Gold.  Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass Lisa Janisch nicht nur die Goldmedaille in ihrer Disziplin gewann, sondern auch noch mit einem Sonderpreis als ‘Best of Europe’ ausgezeichnet wurde. Die Steirerin hatte das beste Punkte-Ergebnis aller Teilnehmer/innen erzielt. Auch die Veranstaltung in Göteborg  an sich war rekordverdächtig und ein Riesenerfolg. Normalerweise finden in der Scandinavium Arena große Sportveranstaltungen wie die Eishockey-WM 2002 statt. Doch heuer zog der Wettbewerb der besten Fachkräfte 75.000 Besucher/innen an, was eine enorme Resonanz darstellt – und die Herausforderung für die Wettbewerbsteilnehmer/innen noch einmal verstärkte. Denn ähnlich wie bei Wettkämpfen im Sport mussten sich die jungen Fachkräfte nicht nur der Expert/innen-Jury stellen, sondern arbeiteten vor (vorbei)laufendem Publikum. Erschwerend wirkte sich die Tatsache aus, dass die Besucher/innen meist Schulkinder waren, die zur Euroskills kamen, um sich Berufe live und in Farbe anzusehen. Schön für die Kids, extrem herausfordernd für die Wettbewerbsteilnehmer/innen, die bisweilen auch mit der Technik kämpfen mussten – und das unter Zeitnot und Wettkampfbedingungen.

Die weiteren Goldmedaillengewinner für Österreich sind:  Fabian Gwiggner (Grafiker) und Christoph Schrottenbaum (Restaurantservice) sowie Markus Thurnes (Sanitär- und Heizungstechnik) und Thomas Rudlstorfer (Steinmetz), der seine Goldmedaille ziemlich cool kommentierte: “Jetzt kann ich einfach sagen; ok – ich bin Europas bester Steinmetz. Das ist unbeschreiblich.”

Silber ging an: Matthias Moser (Elektrotechnik), Stefan Fuchs (Fliesenleger) und Daniela Lengauer (Hotel Rezeptionistin), die es mit besonders gefinkelten Aufgaben, wie vermeintlich betrunkenen Gästen zu tun hatte, sowie Manuela Wechselberger (Köchin) sowie Katharina Strasser und Gabriel Rauch (Landschaftsgärtner/innen).

Bronze holten Thomas Schwarzinger (Anlagenelektrik), Katrina Pichlmayer und Johannes Ladreiter (Entrepreneurship), Isabella Schierl und Eva-Maria Resch (Mode Technologie) sowie Michael Kranawetter (Spengler).  Zusätzlich müssem 9 sogenannte Medaillon-Gewinner/innen erwähnt werden. Das Diplom „Medallion for Excellence“ ergeht an Facharbeiter/innen, die eine sehr hohe Punktzahl erreicht haben, es allerdings nicht auf das “Stockerl” schafften. Ein “Medaillon” erging an: Sandro Zupan (CNC-Fräsen), Verena Paar (Floristik), Sandra Wimmer (Friseurin) sowie Bernhard Simader (Kälteanlagentechnik), Kevin Rath (KFZ-Technik), Dominik Stauffer (Landmaschinentechnik), Oliver Pieber (Maurer), Hannes Scheba und Michael Steinbauer (Mechatronik) sowie Markus Kieslinger (Schweißen). Insgesamt erreichte Österreich damit den ersten Platz in der Nationenwertung noch vor Finnland, Frankreich und Deutschland. Es wäre also angebracht den Fußball-Cordoba-Mythos von 1978 zu begraben und mit einem Augenzwinkern auf die Euroskills zu verweisen…

Rechnet man die Anzahl der Medaillen nach Geschlecht, fällt auf, dass die insgesamt 9 Damen vom Team Austria nicht weniger als 7 Medaillen und 2 Medaillons holten, was eine beeindruckende Ausbeute ist. Anders formuliert: Alle weiblichen Facharbeiter/innen des österreichischen Teams konnten eine Auszeichnung gewinnen und holten mit Lisa Janisch auch noch die “Best-of-Europe”-Wertung. Die österreichischen Facharbeiterinnen schlagen mit diesem Ergebnis die männlichen Kollegen um Längen. Neben der bereits erwähnten Lisa Janisch,  sollte man auch Manuela Wechselberger erwähnen. Auf den ersten Blick scheint es nicht unlogisch, dass eine Köchin eine Silbermedaille holt. Dies ist allerdings ganz und gar nicht der Fall. Auf diesem Level ist die Küche eine Männerdomäne und Manuela Wechselberger steht stellvertretend für die wachsende Anzahl an Spitzenköchinnen, die ihr Können unter Beweis stellen. Auch wenn Lisa Janisch und Manuela Wechselberger in eher männlichen Bereichen gewannen, erfolgt die Berufswahl in Österreich auch noch 2016 so, dass es nachwievor typische Männer- und Frauenberufe gibt. Ein Blick auf die Medaillenträger/innen bestätigt dies bis zu einem gewissen Grad – da Janisch und Wechselberger sicherlich Ausnahmen von der Regel sind.

Der österreichische Erfolg ist kein Zufall

Der Erfolg des österreichischen Teams in Göteborg war kein Zufall. Um als Facharbeiter/in bei der Euroskills dabei sein zu können, müssen erst einmal die heimischen Staatsmeisterschaften geschlagen werden. Danach erfolgt eine präzise Vorbereitung. Lisa Janisch trainierte neben ihrer Arbeit 900 Stunden zusammen mit ihrem Trainer. Darüber hinaus ist es unabdingbar, dass das (berufliche) Umfeld mitspielt. Ähnlich wie beim Fußball, müssen die Betriebe ihre Fachkräfte für die Teamtrainings, die Bewerbe und die offiziellen Anlässe abstellen. Die Teilnehmer/innen werden durch die sogenannten “Expert/innen” auf den Bewerb vorbereitet, die in der Regel nicht die vertrauten Ausbildner/innen, Kolleg/innen oder Lehrer/innen sind. Das österreichische Team hatte zudem mehrere Trainingslager  – so zum Beispiel am  21. und 22. September 2016 in Linz. Neben dem fachlichen Können und der Maßarbeit (oft im Millimeterbereich) sind bei der Euroskills auch Disziplin, Teamgeist und Durchhaltevermögen gefragt. Beim Teamseminar in Linz standen mentale Trainings sowie Teambuilding auf dem Programm, um die Teilnehmer/innen sowohl körperlich als auch geistig zu stärken. Es ist also nicht so, dass man “en passant” diesen Bewerb gewinnt und die Euroskills als nette Abwechslung gesehen werden. Um Chancengleichheit zu gewähren, werden die Aufgaben des Bewerbs  vorher bekannt gegeben; um jedoch die Aufgabe zu erschweren und einen Überraschungseffekt zu erzielen, ändern die Expert/innen 30 Prozent der vertrauten Aufgabe vor dem Bewerb. Die Leistungsdichte wird bei der Euroskills dadurch noch größer, da es eigentlich nur Pflicht und kaum eine Kür gibt. Auch in punkto Ausrüstung und Werkzeug überließ das österreichische Team nichts dem Zufall. Es wurden knapp 4 Tonnen eigenes Werkzeug nach Schweden mitgenommen, um die Facharbeiter/innen bestens auszustatten.

Hohe Erwartungen

Das rot-weiß-rote Team trat 2014 mit 36 Teilnehmer/innen in Lille (Frankreich) an. Man holte damals 7 Goldmedaillien, 5 Silbermedaillen und 5 Bronzemedaillen – insgesamt 19 Auszeichnungen, davon 17 in Einzeldisziplinen. Damals erreichte der oberösterreichische Anlagenelektriker Oliver Anibas die höchste Punktezahl unter allen Teilnehmer/innen und gewann den Titel “Best of Europe” – ein Kunststück, das 2016 von Lisa Janisch wiederholt wurde. Auch wenn man 2016 weniger Goldmedaillen erzielte, war das Endergebnis mehr als zufriedenstellend. Man konnte den Titel als beste Nation verteidigen. Die Leistung in Schweden ist also noch höher einzustufen als jene von Lille, denn die Titelverteidigung ist in den meisten Wettbewerben erst das wahre Meisterstück.

Interessant ist noch ein Detail: Während die meisten Mitglieder des Euroskills-Teams aus Oberösterreich und der Steiermark stammten, wartete das bevölkerungsreichste Bundesland Wien “nur” mit drei Lehrlingen auf. Das Burgenland schickte leider keine Vertreter/innen nach Göteborg. Kärnten und Vorarlberg waren jeweils “nur”mit einem Teilnehmer dabei; allerdings trat der  Vorarlberger Christoph Schrottenbaum – der übrigens Gold in seiner Kategorie holte – als “Legionär” an. Er arbeitet seit gut drei Jarhen bei “About Dinner by Heston Blumenthal” in London und kann sich rühmen bereits die Queen getroffen zu haben. Das Lokal wurde 2014 mit einem zweiten Michelin-Stern ausgezeichnet und zählt zu den besten 50 Restaurants der Welt. Der Chefkoch Heston Blumenthal hat ein Faible für historische englische Gerichte, die er neu interpretiert.

Euroskills 2020 in Graz

Insgesamt ist diese Bundesländer-Verteilung vielleicht auch ein Indiz für die Tatsache, dass bei allem “Raunzen” über fehlende Fachkräfte die lokale Komponente sicherlich eine Rolle spielt – und der Mangel an Fachkräften nicht nur auf die demografische Entwicklung abgeschoben werden kann. Vielleicht braucht es mehr Legionäre oder Talente, die aus dem vertrauten Umfeld ausziehen um sich ihrer Passion hinzugeben und sich nicht nur mit dem unmittelbar Greifbaren zufrieden stellen.

Neben dem österreichischen Euroskills-Team gewann insbesondere die Stadt Graz.  Die “Euro Skills 2020” wird in der steirischen Landeshauptstadt stattfinden: In vier Jahren wird es also ein Heimspiel in Graz werden, was den Druck sicherlich noch einmal steigern wird. Die steirische Landeshauptstadt hat sich in der Endausscheidung gegen die finnische Hauptstadt Helsinki durchgesetzt. Das stand allerdings bereits vor dem Bewerb fest. Die “Euro Skills” kommt nach 33 Jahren erstmals wieder nach Österreich. Die Auswirkungen seien jetzt schon positiv. Man habe in Graz ein Plus von 3,5 Prozent bei den Lehrstellen  zu verzeichnen, was u.a. auch auf die Euroskills-Euphorie zurückzuführen sei.

Die nächste Auflage der europäischen Berufsmeisterschaften findet 2018 in Budapest statt, wo es natürlich nicht nur darum geht, erneut viele Medaillen zu gewinnen. Auch in Ungarn will man zeigen, wie gut der österreichische Fachkräftenachwuchs ist. Außerdem stellt die Euroskills als Veranstaltung eine unschätzbare Quelle des Austausches dar. Vertreter/innen aus Behörden, Handwerk und Bildungseinrichtungen sowie Partnerunternehmen bekommen mit den Berufsmeisterschaften  eine einmalige Plattform für den direkten Austausch untereinander.

Außergewöhnliche Leistungen sind nur mit den richtigen Partner/innen zu leisten. Neben den zahlreichen Expert/innen, die den Facharbeiter/innen zur Seite standen und auch in den einzelnen Fachjurys beim Bewerb vertreten waren, wird das “Skills Austria-Team” von Engelbert Strauss aus Deutschland unterstützt. Das Engagement des Arbeitsbekleidungsherstellers für das österreichische Team liegt nicht unbedingt auf der Hand. Das Unternehmen mit einem Standort in Linz, bildet in Österreich selbst keine Lehrlinge und Fachkräfte aus, verfügt aber in Deutschland über ein weitreichendes Ausbildungskonzept. Engelbert Strauss zeigt, dass das duale Ausbildungskonzept – mit praktischer Erfahrung im Betrieb und theoretischer Ausbildung in einer pädogogischen Einrichtung – auch auf das Studium ausgeweitet werden kann. Nebenbei bemerkt könnten die österreichischen Bronzegewinnerinnen Isabella Schierl und Eva-Maria Resch (Mode Technologie) sicher spielend für den Teamausstatter Engelbert Strauss arbeiten. Ihre Aufgaben im Bereich Modetechnologie bestanden aus folgenden Themen: Eine vorgegebene Arbeitshose nachschneidern und drei Jacken respektive Hosen designen, schnittzeichnen und selbst nähen. Die Teile sollten an Workwear angelehnt sein…

Die neuen Jobmotoren? Was steckt dahinter?

Ein neues Wort hat sich in die Unternehmenskommunikation eingeschlichen. Viele Unternehmen – vor allem größere – präsentieren sich gerne als Jobmotoren. Auch die Medien nehmen dieses Wort gerne auf und benutzen den Begriff, sobald die Diskussion sich um das Thema Arbeitsplätze und Wirtschaftsentwicklung dreht. Auch der Duden kennt das Wort. Das wundert nicht.

Wikipedia definiert den Begriff wie folgt:

“Der Jobmotor (auch: die Jobmaschine) ist ein Schlagwort, mit dem die Massenmedien je nach Wirtschaftslage einzelne Unternehmen, Wirtschaftszweige oder Veranstaltungen bezeichnen, die eine besonders hohe Zahl an neuen Arbeitsplätzen schaffen. Jobmotoren können auch regional begrenzt sein, wenn sich beispielsweise ein Unternehmen an einem neuen Standort ansiedelt oder an einem bestehenden Standort vergrößert.”

Jobmotoren können vor allem dann regional positiv wirken, wenn sie in einer bestimmen Region neue Unternehmen anziehen – etwa in Form von Zulieferbetrieben – und somit neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Das Bild von der Fabrikhalle auf der grünen Wiese, um die herum ein regelrechtes Industriegebiet entsteht, ist durchaus angebracht. Lange Zeit war die Stahlproduktion ein richtiger Jobmotor für ganze Regionen. Generell wirken “Jobmotoren” auf andere Unternehmen. Keine Frage. Nur sie können auch in beide Richtungen wirken. Durch geschicktes Employer Branding können Arbeitskräfte von anderen Firmen abgezogen werden, sehr expandierende Unternehmen verdrängen andere Unternehmen und durch eine geschickte Standortpolitik können größere Betriebe dazu animiert werden, zu wandern. Der Jobmotor wirkt in diesen Fällen nur lokal oder regional.

jobmotorJobmotoren – nicht nur positiv

Meine These ist: sogenannte Jobmotoren wirken zwar in einem bestimmten Bereich positiv, man sollte jedoch vorsichtig mit einer vorschnellen Lobhudelei sein, denn oft arbeiten die “Jobmotoren” mit Abgasen, die sich an anderer Stelle negativ auswirken – um im etwas schiefen Bild der Metapher zu bleiben. Und vor allem, was passiert, wenn ein Jobmotor ins Stottern kommt und eine gesamte Region dadurch zum Erliegen kommt. Auch dies kennen wir aus der Stahlindustrie sehr gut. In Wien gibt es so eine regionale Entwicklung nicht. Wien als ganze Stadt sieht sich natürlich immer wieder als Jobmotor. Dies ist jedoch aufgrund der demografischen Sondersituation von Wien nicht wirklich verwunderbar. Eine zweite “Region”, die im Zusammenhang mit dem Wiener Arbeitsmarkt immer wieder als “Jobmotor” genannt wird, ist der Wiener Flughafen, der natürlich eine Vielzahl an Jobs bereit hält.

Lidl, Hofer und die anderen: Jobmotoren oder Verdrängungswettbewerb?

Die Firma Hofer bezeichnet sich in einer Presseaussendung als Jobmotor, was in Bezug auf das Unternehmen, sicherlich stimmt und natürlich positiv hervorgestrichen gehört. In einer Presseaussendung heißt es: “Von Anfang 2014 bis September 2015 schuf das Unternehmen 1.900 neue Arbeitsplätze in Österreich und dieser Wachstumstrend wird sich weiter fortsetzen.” (OTS0107, 25. Sep. 2015, 12:00). Wenn man dann im November 2015 hört, dass ein anderes Unternehmen in der Branche nämlich “Zielpunkt” vor einer Insolvenz steht und 2.500 bis 3.000 Arbeitsplätze in der Branche bedroht sind, relativiert sich die Aussage in Bezug auf den Arbeitsmarkt und die Branche insgesamt. Und in der Tat: etliche Unternehmen, wie z.B. “Denn’s Biomarkt” die in der Tat durch einen expansorischen Kurs zu einem “Jobmotor” wurden, nutzen – verständlicherweise – das Angebot an ehemaligen Zielpunkt-Mitarbeiter/innen. Es kommt also zu einer Verschiebung. Vor allem sagen statistische  Zahlenspielereien wenig über die Qualität der Jobs aus. Handelt es sich bei den vielen neuen Arbeitsplätzen um Vollzeitäquivalente oder um Teilzeitangebote. Bei der Firma Hofer ist eher anzunehmen, dass das Gros der Jobs Teilzeitangebote (wenn auch überdurchschnittlich bezahlt) ist. Wie auch an anderer Stelle festgestellt wurde, ist das Thema Jobmotor dort kritisch zu beobachten, wo es zu vermehrten Teilzeitangeboten kommt.

Wien: Tourismus als Jobmotor mir Babuschkawirkung

Allgemein wird der Tourismus und besonders der Kongresstourismus als allgemeiner Jobmotor in Wien angesehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Studie des Meinungsforschungsinstituts IFES. Der Arbeitsmarktklimaindex Tourismus wird mit einer interessanten Titelzeile überschrieben: “Arbeitsklimaindex Tourismus 2014 – der Jobmotor stottert”. Was ist gemeint: Der Tourismus schafft nachwievor Jobs in Wien (auch 2015 war dies der Fall), doch die generelle Arbeitszufriedenheit in der Tourismusbranche läge unter jener anderer Branchen. Viele Aspekte – von der Einkommenszufriedenheit, über Weiter- und Ausbildungsmöglichkeiten etc. – würden negativer abschließen als in anderen Branchen, was natürlich alles dazu führen kann, dass der “Jobmotor Tourismus” durch eine hohe Fluktuation und Abwertung des Ansehens ins Stolpern geraten würde. Oder anders formuliert: Jede Medaille hat zwei Seiten. Generell sind Branchen, die dauernd “neue” Stellenangebote generieren, auch auf die Fluktuation innerhalb der Branche zu hinterfragen. IFES Studie

Jobmotoren sind also nicht nur Unternehmen oder Branchen, die laufend neue Arbeitsplätze schaffen, es geht auch darum, ob die Branche eine gewisse Zufriedenheit ausstrahlt. Der Promotion-Bereich schafft laufend neue Jobs, würde sich wahrscheinlich jedoch nicht wirklich als “Jobmotor” oder “Jobmaschine” – im Sinne von dauerhaften Vollzeittätigkeiten – wahrnehmen.

Auf der anderen Seite wurde in einem Hearing im Österreichischen Bundesrat über die Chancen und die Perspektiven des Tourismus in Österreich gesprochen. Dabei wurde natürlich noch einmal demonstriert, dass besonders in Wien der Tourismus und die Hotelnächtigungen ein wesentlicher Faktor auf dem Arbeitsmarkt seien. Es erscheint in diesem Kontext ebenso klar, dass der Begriff “Jobmotor” gerne eingesetzt wird, um weitere Forderungen zu stellen (ich nenne es: Babuschkaeffekt): “Präsidentin Michaela Reitterer (Österreichische Hoteliervereinigung) machte auf den “Jobmotor” Tourismus und auf 3-prozentige Nächtigungszuwächse in Wien, zugleich aber auf den wachsenden Hotel-Wettbewerb in der Bundeshauptstadt aufmerksam. Die dritte Landepiste in Schwechat hielt Reitterer für lebensnotwendig, außerdem forderte sie die Abschaffung der Ticketsteuer und eine Beschleunigung der Visa-Abwicklung. Da Gäste vom Wachstumsmarkt Asien in erster Linie nach Europa kommen, um in den Städten einzukaufen, sollte man nicht nur in Bad Kleinkirchheim, sondern auch in der Wiener City auch am Sonntag einkaufen können, sagte Reitterer pointiert.” Städtetourismus als Wachstums- und Jobmotor.

Tourismuszonen als Jobmotor

Ins gleiche Horn stößt die Wirtschaftskammer Wien. Die WK Wien sieht in der Gründung von sogenannten Tourismuszonen einen weiteren Jobmotor. Was ist damit gemeint? Die WK Wien hat drei mögliche Tourismuszonen identifiziert, in denen Unternehmen auch an Sonntagen aufsperren dürfen – Die Organisation verspricht: Zwei Drittel der Touristen würden shoppen – Potential: 140 Mio. Euro Umsatz, 800 neue Jobs. (OTS0085, 26. März 2015, 11:04, WK Wien). Man vergleiche die Zaheln 140 Millionen Euro Umsatz gegenüber 800 neuen Jobs. Natürlich würde eine Öffnung der Ladenzeiten zu mehr Jobs führen – die Frage ist allerdings, ob es sich um Vollzeitäquivalente oder reine Teilzeitjobs handeln würde. Leider wird in diesen Diskursen der “Job” als Selbstwert beschrieben. Es geht nur mehr um Jobs. Wichtig aus meiner Sicht ist jedoch auch die Frage stellen zu dürfen, welche Jobs gemeint sind. Das Risiko bei einer weiteren Ausweitung auf Sonntagsangebote verstärk auf geringfügige Stellen zurück zu greifen, ist allemal vorhanden. Wir sehen dies ja im Moment sehr stark im Handel, wo sich seit einigen Jahren die sogenannte “Samstagsaushilfe” etabliert hat.

Ob eine Sonntagsöffnung nicht einfach zu einer Verschiebung der Jobs impliziere –  etwa durch Montagsschließungen – ist nicht gewiss – und Umsatz bedeutet nicht gleich Gewinn, zumal der Sonntag nicht nur in Kollektivverträgen eine mehr als heilige Kuh ist, die Gewerkschaft und Kirche nicht so einfach zur Schlachtbank führen wollen.

Die oben zitierte IFES-Studie relativiert den Bereich Tourismus schon alleine deshalb, weil sie die Frage nach der Qualität und der Arbeitnehmer/innenzufriedenheit stellt. Ob eine weitere zeitliche Flexibilisierung die Zufriedenheit steigern würde, steht auf einem anderen Blatt und ist eine Frage, die zu diesem Zeitpunkt nicht beantwortet werden kann. Nehme ich die IFES-Studie als Indikator für eine tourismuskonforme Handelsregelung, darf bezweifelt werden, dass eine weitere Flexibilisierung im Handel/Tourismus zu mehr Zufriedenheit führen wird.

Ein alter, bewährter Hut – öffentliche Investitionen als Jobmotor

Ein weiterer Jobmotor, der gerne angeführt wird, ist eigentlich auch schon ein Dauerbrenner in jeder Arbeitsmarktdiskussion. Die Wiener Linien (und mit ihnen die Wiener Stadtwerke) nutzten den Begriff des Jobmotors in einer Presseaussendung, und zitierten eine TU-Studie, die zeige,  “dass je 100 Millionen investierter Euro in den U-Bahn-Ausbau rund 1.700 weitere Arbeitsplätze geschaffen und gesichert werden. Über 60 Prozent der Beschäftigungseffekte entfallen auf Wien. Derzeit laufen die Arbeiten für die U1-Verlängerung nach Oberlaa, die 2017 eröffnet fertiggestellt wird.” Allerdings ist es natürlich klar, dass solche Projekte immer nur temporäre Jobs implizieren und keine Dauerlösungen sind. Aussendung Wiener Linien . Dieser Umstand wird in der Aussendung nicht thematisiert. Bauvorhaben und Neubauten sind ein Projektgeschäft. 2015 war es nicht immer einfach Jobs für einfache Bauarbeiter/innen zu finden. Die Großprojekte der letzten Jahre waren so gut wie abgehandelt (Seestadt etc.) Daher bleibt die Frage, ob die Altbausanierung nicht ein besonders guter Jobmotor sei. Die 2015 neu in den Wiener Landtag gewählten NEOS sehen vor allem in der Sanierung der Häuser einen “Jobmotor”. “Die NEOS forderten mehr Treffsicherheit und Transparenz beim Zugang zum geförderten Wohnbau, und regten eine Abkehr von der Trennung von Wohnbauten und Bürogebäuden an. Vonnöten seien neue Fördermodelle bei Haussanierungen, vor allem hinsichtlich einer höheren Energieeffizienz; darüber hinaus seien Sanierungen ‘Jobmotor’.”(PID Rathauskorrespondenz, OTS0223, 11. Dez. 2015, 18:24). Nachdem die Stadt Wien u.a. aufgrund der angespannten Arbeitsmarktsituation für 2016 neue Schulden in Kauf nimmt, kommt es sicher zu dem einen oder anderen Projekt, das für Jobs in der Baubranche sorgen wird.

Gesundheit und Sport

2005 stellte das Arbeitsmarktservice im Rahmen einer Tagung die Frage: “Qualifikationsbedarf der Zukunft: Gesundheit und Sport – Jobmotoren in Österreich?” Allerdings mit einem dicken Fragezeichen. In der Publikation, die dieser Veranstaltung folgte, wurde eindeutig beschrieben, dass die Bereiche Gesundheit und Sport sehr wohl ein Marktfaktor seien. Leo A. Nefiodow teilte das Gesundheitswesen gewisserweise in einen Gesundheits- und Krankheitsmarkt, um den Unterschied zwischen jenem Teil des Gesundheitswesen, der sich nur um Kranke kümmert, von jenem, der in der Krankheitsprävention arbeitet, zu markieren. Letztlich ist sein Fazit spannend: “So zynisch es klingt: Wachstum im derzeitigen »Gesundheitswesen« kann praktisch nur stattfinden, wenn es noch mehr Kranke, noch mehr Krankheiten und noch mehr (vermeidbare) Kosten gibt. Und die Zahl der Erkrankungen nimmt seit Jahrzehnten ständig zu, bedingt zum Teil durch das Älterwerden der Menschen, vor allem aber durch den modernen Lebens-, Arbeits- und Ernährungsstil. (…) Im Aufbau eines Gesundheitssektors parallel zum derzeitigen Krankheitssektor schlummern die größten Produktivitäts- und Wachstumsreserven. Um diesen neuen Sektor aufzubauen, werden neue Konzepte, Strategien, Medikamente und Therapien benötigt, die nicht auf die Reparatur von Krankheiten abstellen, sondern auf die Herstellung und Erhaltung von Gesundheit ausgerichtet sind und den Menschen ganzheitlich ernst nehmen.” Leo A. Nefiodow: Der Gesundheitsmarkt – Wachstumslokomotive des 21. Jahrhunderts. In der Tat ist der Krankenmarkt – 10 Jahre nach dieser Tagung – ein richtiger Jobmotor, was sich vor allem anhand der arbeitsplatznahen Qualifizierungen im Rahmen des WAFF und anderer Einrichtungen abzulesen ist. Jobs als Heimhelfer/innen und Pflegehelfer/innen sind ein Dauerbrenner und die Träger sind noch immer bereit – zusammen mit öffentlichen Vertreter/innen – die Ausbildungskosten zu übernehmen, was immer ein starker Indikator für einen “Jobmotor” darstellt.

Helmut Dornmayr weist in seinem Beitrag “Jobmotor »Gesundheit und Sport«:Welchen Treibstoff braucht er? Analysen zu Ausbildung, Berufsausübung und Finanzierung in Österreich” darauf, dass der Pflegebereich ein sehr wichtiger Jobmotor sei, sieht jedoch die Ausbildung, die Finanzierung durch Pflegegeld und auch die Spielregeln zur Berufsausbildung als “Bremsen”. Er erwähnt zwar die Thematik, dass Pflegekräfte – vor allem in der Hauskrankenpflege – oft zugekauft werden müssten (besonders bei zeitaufwändigen Dauerpflegeleistungen), erwähnt jedoch mit keinem Wort, dass die Einkommenssituation und die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich auch nicht immer berauschend sind und dass eine weitere “Bremse” für diesen speziellen Bereich auch die Fluktuation sein kann. Allerding sind die Beiträge 10 Jahre alt – sie zeugen von einem gewissen Optimismus, dem mittlerweile sicherlich ein gewisse Ernüchterung gefolgt ist. Wie bereits betont: Nachwievor werden Pflegekräfte auch über den WAFF ausgebildet, aber es wäre natürlich schön heraus zu finden, ob das, was der IFES für die Hotellerie festgestellt hat, auch in der Pflege zutrifft.

Fluktuation?

Eine Diplomarbeit zu diesem sehr prekären Thema gibt sicherlich interessante Hinweise. Sabine Grün-Wegeler verfasste 2012 auf der Universität Wien eine Diplomarbeit mit dem Titel: “Arbeitszufriedenheit bei Heimhelferinnen. Ich zitiere:

“Laut Expertengespräch mit E. Schusser (2011) liegt die Fluktuationsrate bei Heimhelferinnen in Wien weit über 27,3 %. In der Literatur werden selten harte Zahlen genannt, doch findet sich überall Bestätigung, dass es Fluktuation gibt und dass die daraus resultierenden Folgen, wie hohe Personalkosten, Reduktion der Effektivität und Produktivität von Organisationen, Verschlechterung der Patientenversorgung (…), einen noch höheren, durchaus vermeidbaren Druck auf die sozialen Dienste ausüben.”

Die Statistik Austria – und die Jobmotoren

Die Statistik Austria benutzt den Begriff “Jobmotor” in einem einzigen Bereich. In einer Presseaussendung zur Umweltwirtschaft im Jahr 2012 werden die erneuerbaren Energien und vor allem der Bereich  “Management der Energieressourcen” als wahre Jobmotoren genannt, weil in diesen Bereichen hohe Umsätze erzielt und die meisten Mitarbeiter/innen bei den sogenannten “green jobs” zu finden seien. Ansonsten nennt die Statistik Austria keine Branche “Jobmotor”.

Wenn man den Begriff über die einzelnen Suchmaschinen recherchiert, bekommt man leicht den Eindruck, dass fast jede Branche ein Jobmotor ist. Hier in diesem kurzen Artikel wurden nur 5 genannt: Öffentliche Invenstitionen in die Infrastruktur, erneuerbare Energien, Handel und Tourismus, Krankenwesen. Die Tendenz zu den Dienstleistungsberufen wird sicherlich noch zunehmen. Auch der Transport und die Zustellung profitieren von den Veränderungen im Kauf- und Konsumverhalten der Menschen. Jobs in der Zustellung sind vorhanden, der Kampf ist jedoch ungemein hoch, da viele Transportfahrer mehr oder weniger als Selbständige fungieren, was natürlich zu einem ungemeinen Preiskampf führt. Zudem ist es wie in anderen Branchen auch. Die rein manuellen Tätigkeiten nehmen ab und der Bedarf an Qualifikationen steigt. Dies bestätigt auch eine kurze Notiz aus den “Oberösterreichischen Nachrichten”: “Nach dem Einbruch in der Wirtschaftskrise geht es in der heimischen Logistikbranche seit 2012 wieder bergauf. Laut Arbeitsmarktservice (AMS) steigt nicht nur die Nachfrage nach Arbeitskräften. Auch die Anforderungen wachsen. Begehrt seien Arbeitnehmer mit Kenntnissen in Projektmanagement und IT. Verstärkt würden auch Umwelttechnik und rechtliches Grundlagenwissen nachgefragt, sagte AMS-Chef Johannes Kopf bei einem Pressegespräch diese Woche. Bei internationalen Konzernen seien auch im Lager grundlegende Englischkenntnisse erforderlich. Herwig Schneider, Leiter des Industriewissenschaftlichen Instituts (IWI), hat errechnet, dass jeder Beschäftigte in der Logistikwirtschaft 3,5 Arbeitsplätze in der österreichischen Volkswirtschaft sichere.

Jobmotor – ein Plastikbegriff

Jobmotor ist ein Begriff, der an Schärfe und Präzision verliert, da viele Branchen und Betriebe für sich reklamieren, ein Jobmotor zu sein. Dies macht den Begriff natürlich auch zu einem gewissen Plastikbegriff unter dem jede/r ein wenig etwas anderes versteht. Oft wird bereits die quantiative Schaffung von Jobs als alleiniges Kriterium herangezogen. Wie wir gesehen haben, ist natürlich auch die Qualität (Vollzeitjobs, Fluktuation etc.) ein Thema, das aus meiner Sicht unbedingt in die Diskussion um die sogenannten Jobmotoren einfließen sollte. 2013 hielt die Arbeiterkammer in ihrer Studie “Jobmotor Wien: Turbo oder Trabi” fest, dass hauptsächlich Teilzeitjobs geschaffen werden würden und bestätigt den Wandel hin zu Dienstleistungen. Auch für 2016 deuten die Zahlen darauf hin, dass es zwar mehr Jobs in Wien geben werde, sich das Stundenvolumen jedoch nicht vergrößern würde, was unweigerlich auf ein Plus bei Teilzeitstellen und ein Minus bei Vollzeitangeboten hindeutet. Auch dies ist eine Kehrseite der sogenannten Jobmotors. Positiv ist zu vermerken, dass es die KMUs sind, die die meisten Jobs anbieten. Wenn also durch eine Großpleite sehr viele Leute ihren Job verlieren, ist dies schlimm, verhindert jedoch den Blick auf die Tatsache, dass dies durchaus durch kleine Unternehmen aufgefangen werden kann. Die Frage ist, ob eine quantitative Diskussion um Jobs und Arbeitssuchende der richtige Weg ist. Die Frage ist jedoch auch: Wenn ich alle Jobmotoren, die es so gibt, zusammen zähle, wieso ist die Arbeitslosigkeit denn so hoch? Auf alle Fälle ist “Jobmotor” für mich einer der heißesten Anwärter auf den Titel “Unwort des Jahres” …

Berufseinblick Fotograf: “… bei Facebook werden rund 259.000.000 Fotos pro Tag hochgeladen”

Die Serie “Berufseinblicke” präsentiert Interviews mit Menschen, die mit beiden Beinen fest im Berufsleben stehen. Mit dieser kleinen Serie bietet “whatelsen.work” wertvolle Einsichten und Einblicke in den beruflichen Alltag fernab von Berufsinformationssystemen und allgemeinen Branchenbeschreibungen. Denn nichts ist spannender als der gelebte berufliche Alltag.


Der Beruf des Fotografen hat sich in der letzten Zeit verändert. Die gewerblichen Bestimmungen wurden entschärft, auch die Technologie entwickelt sich rasant. Handyfotos konkurrieren etwas hemmungslos mit professionell gemachten Passfotos bei Lebensläufen. Ein Grund mit einem Profi zu sprechen. Stephan Rökl ist selbständiger Fotograf in Wien und gab Auskunft über seinen Beruf, erzählt wie sich Qualitätsstandards verschoben haben und vertritt die Meinung, dass sich Qualität durchsetzt.

whatelsen: Danke, dass Sie Zeit für dieses kurze Interview haben. Würden Sie für die Leser/innen Ihren beruflichen Werdegang skizzieren.

Stephan Rökl: Sehr gerne. Ich bedanke mich für die Gelegenheit ein wenig über meinen Beruf und über meine Arbeit erzählen zu können. Ich beschäftige mich seit 1995 mit der Fotografie. Zu diesem Zeitpunkt habe ich aufgehört, ausschließlich den Automatikmodus meiner Kamera zu verwenden und drauf los zu knipsen. Ich begann mich mit der Kamera

Stephan Rökl Selbständiger Fotograf in Wien

Stephan Rökl
Selbständiger Fotograf in Wien

und der Technik, die dahinter steckt, auseinander zu setzen, denn ich wollte schöne Bilder machen. Ich machte die Ausbildung zum Fotokaufmann und arbeitete gut zehn Jahre als Angestellter bei der Hartlauer Handels Ges. m.b.H. u.a. in der Fotoabteilung. Durch den Verkauf lernte ich viel über Technik, Equipment und die verschiedenen Kamerasysteme. Ich fotografierte neben meiner Arbeit und entwickelte meine Technik. 2010 gewann ich den Publikumsbewerb „So schön ist Wien“.

2011 absolvierte ich die Lehrlingsausbildnerprüfung und 2012 machte ich die Meisterprüfung als Fotograf mit Auszeichnung. Inzwischen gibt es diese Prüfung nicht mehr. Jetzt kann man eine sogenannte QAP – Prüfung ablegen (Qualified Austrian Photographer).

2013 gründete ich mein eigenes Unternehmen und startete in die Selbstständigkeit mit “Foto Roekl e.U”.   Seit damals arbeite und lerne ich hauptsächlich selbstständig, ohne mich jetzt in eine Richtung zu spezialisieren. Das klassische Hochzeitsfoto ist mir genauso ein Anliegen, wie die Produktfotografie oder der Akt. “Learning by Doing“ – und ständige Weiterbildung sind wichtig, da gerade in der Fotografie das Motto gilt: „Wer stehen bleibt, geht zurück“. Man muss sich ständig auf dem Laufenden halten, um nicht plötzlich als veraltet zu gelten. Fotokurse können natürlich auch helfen. Es ist immer gut von jemand anderem, der sein Handwerk versteht, konstruktive Kritik zu bekommen. Inzwischen leite ich auch selbst am WIFI Wien Kurse und Workshops.

whatelsen: Wieso haben Sie sich in wirtschaftlich schweren Zeiten selbständig gemacht?

Stephan Rökl:  Es gibt aus meiner Sicht keine „sicheren Jobs“ mehr; das gilt auch für den Angestelltenbereich. Mir ist niemand bekannt, der einen sogenannten sicheren Arbeitsplatz hat. In den zwölf Jahren als Angestellter habe ich mehr Mitarbeiter, Bereichsleiter, Gebietsleiter, Zentralangestellte kommen und gehen sehen, als mir lieb war.

whatelsen: Hatten Sie beim Prozess des Selbstständigmachens Unterstützung? Wenn ja, von wem?

Stephan Rökl: Ja, ich hatte Hilfe von meiner Mutter, Freunden und Google. Wobei der Prozess wesentlich einfacher als gedacht ist. Es gibt inzwischen bei der WKO eigene Stellen und Kurse. Dort erfährt man, was man tun muss, wohin man gehen muss, um selbstständig zu werden. Auch bekommt man Tipps, was man tun muss, um anfangs gefördert zu werden. Ich kann auch alle Menschen beruhigen, die an eine Selbstständigkeit denken. Sobald Ihr den Gewerbeschein habt, kommen Steuer, SVA etc. zu Euch. Ob Ihr es wollt oder nicht (lacht). Nein, im Ernst. Man sollte genau berechnen, wie viel Umsatz man braucht und sich über Steuer und Sozialversicherung informieren. Ein Businessplan kann nicht schaden.

whatelsen: Was sind derzeit die größten Herausforderungen des Fotografenberufes?

Stephan Rökl: Kundengewinnung und Akquise. Doch bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Viele würden sagen, dass es durch die Öffnung des Gewerbes zu viele Fotografen gibt. Klar, ist das ein Faktor. Die Konkurrenz  wurde größer. Doch das ist nicht das Hauptargument. Ich sehe das so: Diejenigen, die jetzt offiziell fotografieren, hätten das vorher auch schon gemacht. Es gibt also nicht mehr Mitbewerber als vorher. Klar, gibt es welche unter Ihnen, die Preisdumping betreiben. Doch Kunden, die für ein Produkt oder eine Dienstleistung nur einen Bruchteil des gerechtfertigten Preises zahlen wollen, wären auch nicht zu mir gekommen, wenn es keine Billiganbieter geben würde.

Meiner Meinung nach, hat sich, aufgrund der technischen Entwicklung der Kameras, Smartphones, Videokameras, Drohnen, Actioncams und was es da noch alles gibt, die Qualität der Fotos inzwischen soweit verbessert, dass es für viele ausreichend ist. Der Anspruch an Qualität, oder sogar hohe Qualität, hat stark nachgelassen. Ich gebe zu bedenken, dass alleine bei Facebook rund 259.000.000 Fotos pro Tag hochgeladen werden. Da liegt die größte Herausforderung. Man muss also Kunden gewinnen, die bereit sind für ein Handwerk und eine höhere Qualität zu zahlen.

whatelsen: Wie schätzen Sie die Zukunft des Berufsstandes ein? Wie sehen Sie die Jobchancen in der Branche?

Stephan Rökl: Ich glaube, dass sich Qualität durchsetzen wird. Noch wichtiger ist der Bekanntheitsgrad. Er ist natürlich ein wichtiger Faktor für Aufträge. Und viele Aufträge sind wichtig für Arbeitsplätze. Man kann natürlich auch jetzt pessimistisch sein und sagen, dass alles auf der Welt bereits von irgendjemanden fotografiert wurde. Wozu gibt es uns dann noch? Glücklicherweise haben viele Menschen neue Ideen und Vorstellungen, auch die (technischen) Möglichkeiten (vorausgesetzt man beherrscht oder besitzt sie) verbessern sich. Ein Kunde braucht das gleiche Produkt vielleicht noch einmal fotografiert, aber anders als es bereits in der Datenbank vorhanden ist und da gilt es dann als Fotograf präsent zu sein.

whatelsen: Was würden Sie Menschen raten, die daran denken, sich als Fotograf selbständig zu machen?

Stephan Rökl: Ja, versuchen Sie es. Informieren Sie sich genau. Holen Sie sich den Gewerbeschein und versuchen Sie sich neben Ihrem Hauptjob als Fotograf oder Fotografin. Bedenken Sie nur Folgendes:  Sie arbeiten selbst und ständig. Von 100% sind jedoch nur 2-5% Prozent reines Fotografieren. Der Rest besteht aus Fortbildung, Marketing, Buchhaltung & Büroarbeiten, Kundenaquise, Recht etc.

whatelsen: Eine abschließende Frage. Was ist Ihr größter Wunsch als Einzelunternehmer an die Politik / Gesellschaft?

Stephan Rökl:  An die Politik … Eindeutig! Reduzierung der Mindestbeiträge der SVA. Es werden zwar Verbesserungen bis 2018 kommen, jedoch sind diese erst der erste Schritt in die richtige Richtung. An die Gesellschaft… Die Bitterkeit von schlechter Qualität lebt so lange wie das Bild selbst. Hingegen wird die Freude über einen niedrigen Preis bald vergessen sein.

whatelsen: Ein schöner Abschlusssatz. Ich bedanke mich vielmals für das Gespräch und wünsche Ihnen auf Ihrem Weg alles Gute!

Stephan Rökl: Danke auch.


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