Nachdenken über die Residenzpflicht für Flüchtlinge…

 

Mobilität als großes Thema am Arbeitsmarkt

 

…oder wie ein Beitrag von AMS-Chef Johannes Kopf zur Flüchtlingsthematik sehr viel über den Wiener Arbeitsmarkt aussagt

Am 24. März veröffentlichte “DerStandard” einen “Kommentar der anderen” von Johannes Kopf. Der AMS-Chef nahm Stellung zum Thema Residenzpflicht für Flüchtlinge und machte – fast schon nebenbei – Statements zum Wiener Arbeitsmarkt, die ich noch einmal darstellen möchte.

Statement 1:

Der Wiener Arbeitsmarkt hat mit Abstand die höchste Arbeitslosenquote. Die meisten Flüchtlinge suchen natürlich in Wien, was aus verschiedenen Gründen sehr verständlich ist. Generell verdeutlichen die von Kopf angeführten Zahlen das generelle Mobilitätsproblem in Österreich. Wien wächst schneller als erwartet und saugt auf wie ein Schwamm. Dies betrifft EU-Bürger/innen, österreische Staatsbürger/innen aus den anderen Bundesländern und eben auch anerkannte Flüchtlinge. Die Zahlen verdeutlichen nur ein generelles Problem des Wiener Arbeitsmarktes im Vergleich zu den anderen 8 Bundesländern in Österreich. Zitat Kopf: “Vereinfacht gesagt suchen zwei Drittel aller Geflüchteten aktuell dort einen Job, wo mit Abstand die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer vorliegt”.

Statement 2:

“Während der Wiener Arbeitsmarkt nur beschränkt aufnahmefähig ist, besteht in anderen Regionen in gewissen Branchen Arbeitskräftemangel.” Dies trifft auf bestimmte Branchen natürlich mehr oder weniger zu. Kopf nennt die Landwirtschaft, den Metallbereich oder den Tourismus. Ich habe persönlich immer wieder mit ausgebildeten Metallfacharbeiter/innen zu tun (meist Österreicher/innen), die keinen Job in Wien finden, aber auch nicht auf andere Bundesländer ausweichen wollen. Mit anderen Worten: Der Zuzug funktioniert One-Way. Wiener/innen ziehen weniger in die Bundesländer, denn bei den aktuellen Arbeitslosenzahlen und den bereits getätigten Ausbildungen (Ausbildungsgarantie für unter 18-Jährige) dürfte es überhaupt keine Vakanzen in bestimmten Bereichen geben.

Statement 3:

Persönliche Netzwerke bieten die größten Chancen zur “Arbeitsmarktpartizipation” (was für ein schönes Wort!). Auf Deutsch: Netzwerke vereinfachen den Jobzugang. Da der Großteil der Jobs sowieso nicht ausgeschrieben oder verdeckt ausgeschrieben wird, ist dies jetzt eine “Nona-net”-Geschichte. Allerdings ist zu bedenken, dass Arbeitssuchende oft den Zusammenbruch eines Netzwerkes zu beklagen zu haben. Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto dünner wird das “professionelle” Netzwerk. Das “Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn”-Prinzip funktioniert fast ausnahmslos und ist gnadenlos.

Zusammenfassung:

Eine der größten Herausforderungen des österreichischen Arbeits(losen)marktes ist die Mobilität, da der Wiener Arbeitsmarkt ein Überangebot an Kapazitäten hat und andere Bundesländer eine verstärkte Nachfrage aufweisen. Persönliche Netzwerke sind unerlässlich für die Jobsuche.


Link zum Artikel: http://derstandard.at/2000033599075/Nachdenken-ueber-eine-Residenzpflicht

Der Wiener Arbeitsmarkt 2016 – ein Ausblick

schild_arbeitsmarktDas Jahr 2015 war für den Wiener Arbeitsmarkt ereignisreich. Die Zielpunktpleite und ständig steigende Arbeitslosenzahlen waren dicke Pinselstriche auf einem düsteren Bild. Die Wirtschaftsforscher/innen zeichnen für 2016 in hoffnungsvollem Pastell und hoffen, dass eine gewisse Wirtschaftserholung sich positiv auf den Arbeitsmarkt  auswirkt. Im Mai 2015 schien das Bild noch wesentlich düsterer. AMS-Chef Johannes Kopf sprach damals sogar davon, dass österreichweit im Jänner 2016 mit 500.000 Arbeitslosen zu rechnen sei, wobei natürlich ein großer Teil auf Wien entfällen würde.

Der Wiener Arbeitsmarkt – kurz skizziert

Wien ist mit 23% aller unselbständigen Beschäftigungsverhältnisse die “größte Leinwand” auf dem österreichischen Arbeitsmarkt. Wien ist auch weiterhin ein attraktiver Arbeitsort für rund 250.000 EinpendlerInnen aus den umliegenden Bundesländern. Zusammengefasst:  Wien ist also DER Jobmotor Österreichs.

Besonderheiten und Herausforderungen

Seit einigen Jahren – und diese Entwicklung hält mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch 2016 nach wie vor an – wird der Wiener Arbeitsmarkt durch eine, auf den ersten Blick, paradoxen  Entwicklung charakterisiert: Einer steigenden Beschäftigung steht eine ebenso steigende Arbeitslosigkeit gegenüber.

Leider liegen nach für 2015 keine definitiven Zahlen vor. So hatte Wien auch im vergangenen Jahr einen Anstieg des Arbeitskräftepotenzials zu verzeichnen, und zwar um 2,2%. Bis zum Dezember 2014 stieg die Beschäftigung in Wien auf insgesamt 795.979 Beschäftigte (fast 50% davon Frauen). Das war ein Zuwachs von 0,6 % gegenüber dem Vorjahr (2013). Trotz der steigenden Beschäftigung war aber das Wirtschaftswachstum (+ 0,7 %) zu gering, um das größer werdende Arbeitskräftepotenzial am Arbeitsmarkt aufzunehmen.  Deshalb gab es auch eine Zunahme der Arbeitslosigkeit. Im Jahresschnitt 2014 waren 101.404 Personen arbeitslos, das sind gegenüber dem Jahr davor + 14.174 Personen (+ 15,7%). Wesentlicher Aspekt dabei: Mehr als die Hälfte der Wiener Arbeitslosen hat maximal Pflichtschulabschluss. Bei jenen Wienerinnen und Wienern, die keinen höheren Abschluss haben als den einer Pflichtschule, liegt die Arbeitslosenquote heute bei 32,1 Prozent, bei Menschen mit Lehrabschluss liegt sie nur noch bei 9,8 Prozent. Für 2015 wird die Situation sich ähnlich darstellen.

Eine aktuelle Studie (Alteneder & Frick, 2015) wirft einen Blick bis ins Jahr 2019. Laut dieser Studie verzeichnet Wien bis 2019 sowohl den stärksten absoluten (+33.600) als auch relativen (+4,3%) Beschäftigungszuwachs im ganzen Land und liegt somit klar über dem Österreichschnitt (+3,9%). Der hohe Beschäftigungszuwachs in Wien liegt im anhaltenden starken Bevölkerungswachstum und der Attraktivität als urbaner Raum mit Dienstleistungszentrum. Natürlich ist Wien auch ein Anziehungspunkt für Arbeitskräfte aus den Bundesländern und dem Ausland. Trotz dieser vermeintlichen Attraktivität fällt laut derselben Studie die Arbeitslosigkeit bis ins Jahr 2019 in der Region Ost (Wien, Niederösterreich und Burgenland) österreichweit am heftigsten aus. Allerdings ist die drastische Erhöhung der Arbeitslosigkeit in Wien auch auf den Rückgang der Schulungen zurück zu führen. Dieser Effekt wird uns sicherlich auch 2016 noch beschäftigen. Die Gruppen mit den höchsten Arbeitslosenzugängen sind bsi 2019 Menschen im Alter von 30-40 (für Wien), Arbeitssuchende, die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen. Aber auch Akademiker/innen werden relativ gesehen sehr starke Zuwächse haben.

Die aktuellen Wirtschaftsprognosen verdeutlichen die Problematik: In Wien wird die Beschäftigung bis 2016 zwar weiter wachsen. Der Großteil fällt dabei allerdings auf wissenschaftliche Berufe im Bereich Technik und Naturwissenschaften sowie auf qualifizierte Gesundheitsberufe. Im „Dienstleistungs-Bundesland“ Wien wird es kaum zusätzliche Nachfrage nach Personen mit maximal Pflichtschulabschluss geben. Gering qualifizierte ArbeitnehmerInnen werden es also in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt noch schwerer haben. Insgesamt rechnen Alteneder & Frick (2015) mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit in Wien um weitere 15 Prozent (österreichischer Schnitt 9%), was in absoluten Zahlen ein Plus von 17.500 Personen ist. (Ausblick bis 2019)

Update: Laut einer Publikation des AMS “Der österreichische Arbeitsmarkt im Jahr 2016 – Eine Vorschau Arbeitslosigkeit in Wien 2016″ wird die Arbeitslosigkeit in Wien voraussichtlich ein Plus von 13.000 Menschen haben.

 

ams grafikDas Diktum bleibt also: Die Zahlen steigen, wenn auch vielleicht nicht ganz so stark wie befürchtet, obwohl die Zahl der meldeten Stellen deutlich gestiegen sei. Im Dezember 2015 habe das AMS 21 Prozent mehr Stellen im Gesamtbestand gehabt als ein Jahr zuvor (=12/2014). Allerdings sagt dies nichts über das Matching aus (Kandidat/innen, die tatsächlich auf die Stellen passen) noch etwas über die Qualität der Stellen aus (Vollzeitäquivalent etc.).

Beschäftigung nach Branchen

Klassischen Zuwachs gibt es österreichweit in der Dienstleistung. Es sind die üblichen Verdächtigen, die wachsen: Gesundheit- und Soziales, Verwaltung, Hotel und Gastronomie. Aber auch die Kommunikationsbranche ist positiv. Allerdings ist sich die Studie sicher, dass es kein Plus an Arbeitsstunden geben wird. Dies bedeutet, dass es zwar mehr Jobs geben wird, diese jedoch vorwiegend in Teilzeit ausgeschrieben werden. (Alteneder & Frick, 2015). Die Branchen, die am Abklingen sind, kommen aus den fast schon klassischen Bereichen Produktion und Bau. Auch der Banken- und Finanzbereich wird schrumpfen. Die Ankündigungen rund um die Bank Austria sind da nur ein weiteres Indiz für diese Aussage. Insgesamt geben die Studienautor/innen für Wien ein Plus von 5.100 Jobs in Wien an. In Niederösterreich kämen noch 4.800 dazu. Diese Zahlen scheinen niedrig. Dahinter versteckt sich eine irrsinnige Dynamik. In Österreich herrscht ein verhältnismäßig wenig mobiler, aber dafür sehr flexibler Arbeitsmarkt. Laut Alteneder & Frick wird jedes zweite Dienstverhältnis innerhalb eines Jahres aufgelöst. Außerdem ist die Beschäftigung in Wien bereits auf einem sehr hohen Niveau. Gut eine 3/4-Million Menschen stehen in Wien in Beschäftigung.

Arbeitsmarktbarometer von Manpower

Eine zeitnah erstellte Prognose ist der Manpower Arbeitsmarktbarometer. Dies sieht für das erste Quartal 2016 ebenfalls einen Beschäftigungsanstieg an: “Ein leichter Trend zu Neueinstellungen zeigt sich in Wien. Es wird für das 1. Quartal 2016 ein Beschäftigungsausblick von +3% erwartet. Gegenüber dem vergangenen Quartal erhöhen sich die Jobchancen in Österreichs Bundeshauptstadt um 2 Prozentpunkte und bleiben im Jahresvergleich relativ stabil.” Zehn Branchen wurden befragt. Österreichweit sind folgende Branchen die absoluten Gewinner. In diesen “Sektoren”, wie es die Studie nennt, wird es zu einem Beschäftigungsplus im Vergleich zum letzten Quartal 2015 kommen. An erster Stelle liegen Gastronomie und Hotellerie mit einem Plus von 18 Prozentpunkten. Aber auch die Energieversorgung rechnet mit einem Plus von 9  Prozentpunkten und auch im Bereich Finanzwesen und Dienstleistungen werden um 5 Prozentpunkte mehr Personal eingestellt. Dies widerspricht ein wenig den Zahlen von Alteneder & Frick – allerdings umfasst der “Sektor” Finanzwesen auch Dienstleistungen.  Außerdem sei vermerkt, dass sich die Zahlen von Manpower auf ganz Österreich beziehen. Die Verlierer sind der Handel (was nach dem Weihnachtsgeschäft klar ist), der Bau mit einem Minus und die Güterproduktion ebenfalls mit einem Minus. Dies trifft sich auch mit den Angaben, die das AMS für 12/2015 machte: “Nach wichtigen Branchen betrachtet, lag der Zuwachs der Arbeitslosigkeit im Bau bei 6,1 Prozent, in der Warenproduktion bei 8,1 Prozent, im Einzelhandel bei 10,9 Prozent und in Hotellerie und Gastronomie bei 15,5 Prozent.”  Ausreißer ist jedoch die Gastronomie, die von Manpower als positive Branche für 2016 gesehen wird.

Welche Maßnahmen werden gesetzt um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen?

Um der Arbeitslosigkeit von wenig Qualifizierten etwas entgegenzusetzen beginnt mit dem Schuljahr 2016/2017 die Ausbildungspflicht bis 18. Jede/r Jugendliche nach der Pflichtschule soll verpflichtend eine weiterführende Bildung oder Ausbildung besuchen. Diese Ausbildungspflicht ist laut Sozialministerium notwendig um der steigenden Arbeitslosigkeit besonders im Bereich der gering qualifizierten Arbeiter/innen entgegen zu wirken.

 Auch soll die Steuerreform und die vermehrten Ausgaben in der Flüchtlingspolitik zu einem Wachstum von ca. 1,6 respektive 1,7 Prozent ausmachen. Darüber sind sich WIFO und IHS einig (Artikel: Der Standard). Allerdings steht dieses Wachstum auf wackligen Füßen. (1) “Das Wirtschaftswachstum wird leicht ansteigen durch die Flüchtlinge – allerdings auch finanziert aus öffentlichen Geldern. Das kommt nicht aus der Wertschöpfung, sondern aus Steuern und Abgaben.” (Quelle: Finanzminister Schelling in einem Interview) (2) Durch den Zuzug vieler Menschen wird der vermeintliche Effekt des Wirtschaftswachstums wieder aufgefressen. Johannes Kopf sprach als AMS Vorstand sogar von einem Bedarf von 3,5 Prozent Wachstum um diesen Effekt aufzufangen und neue Arbeitsplätze zu schaffen. (Zitat: “Die alte Formel, dass ab zwei Prozent Wachstum die Arbeitslosigkeit sinkt, ist in der aktuellen Situation Unsinn. Momentan würden wir ein Wachstum von 3,5 Prozent brauchen, damit die Arbeitslosigkeit sinkt – das ist utopisch.” Quelle: Die Zeit). Generell wird von der u.s.-amerikanischen Ratingagentur Moody’s ein Wachstum von 1,2 Prozent für Österreich vorausgesagt. “Die Ratingagentur Moody’s erwartet weiterhin eine gedämpfte Entwicklung des Wirtschaftswachstums in Österreich. Bis 2019 soll laut einem in der Nacht auf Freitag veröffentlichten Bericht das Wachstum bei durchschnittlich 1,2 Prozent liegen.”  (Kleine Zeitung 18. 12. 2015).
Die Stadt Wien selbst versprach auch weiterhin Investitionen zu tätigen, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Dies führe natürlich zu neuen Schulden. Dieses Unterfangen wurde von der Opposition stark kritisiert. Für die regierenden Parteien ist der Kurs jedoch alternativlos. Wien investiere, so heißt es in den Debatten, die Anfang Dezember 2015 geführt wurden,  in beschäftigungsintensive Bereiche, setze bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen auf soziale und ökologische Vergabekriterien und sei zum „Rekordhalter“ bei Unternehmensgründungen. Laut ORF Online stehen 2016 Gesamtausgaben in der Höhe von 13,103 Mrd. Euro zu Buche, die Einnahmen werden mit 12,590 Mrd. Euro beziffert. Durch die klaffende Lücke klettere der Schuldenstand auf nun insgesamt 5,464 Mrd. Euro.
Das Arbeitsmarktservice schichtet auch seine Förderungen um. Von den ursprünglich 250 Millionen, die für Beschäftigungsprojekte und Förderungen in der Zielgruppe 50 plus für das Jahr 2016 bis 2017 reserviert waren, werden ca. 100 Millionen für Maßnahmen und Förderungen bei Langzeitarbeitslosen (>1 Jahr) eingesetzt.
Allerdings bleibt die Aufforderung von Wifo-Chef Karl Aiginger, dass man sich überlegen müsse, wie man mit weniger Wachstum mehr Jobs erziele, eine Aufgabe, die erst gelöst werden muss.

Quellen:

  • www.waff.at
  • www.sozialministerium.at
  • www.derstandard.at
  • www.kleinezeitung.at
  • Wolfgang Alteneder, Georg Frick (Autoren). Arbeitsmarktservice Österreich (Hrgb): Ausblick auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in Österreich bis zum Jahr 2019. Mikrovorschau März 2015. AMS 2015.
    Wolfgang Alteneder, Georg Frick (Autoren). Arbeitsmarkstervice Österreich (Hrgb):  Beschäftigung und Arbeitslosigkeit für den Zeitraum 2015/2016 (Vorschau auf den österreichischen Arbeitsmarkt 2015/2016)

Die neuen Jobmotoren? Was steckt dahinter?

Ein neues Wort hat sich in die Unternehmenskommunikation eingeschlichen. Viele Unternehmen – vor allem größere – präsentieren sich gerne als Jobmotoren. Auch die Medien nehmen dieses Wort gerne auf und benutzen den Begriff, sobald die Diskussion sich um das Thema Arbeitsplätze und Wirtschaftsentwicklung dreht. Auch der Duden kennt das Wort. Das wundert nicht.

Wikipedia definiert den Begriff wie folgt:

“Der Jobmotor (auch: die Jobmaschine) ist ein Schlagwort, mit dem die Massenmedien je nach Wirtschaftslage einzelne Unternehmen, Wirtschaftszweige oder Veranstaltungen bezeichnen, die eine besonders hohe Zahl an neuen Arbeitsplätzen schaffen. Jobmotoren können auch regional begrenzt sein, wenn sich beispielsweise ein Unternehmen an einem neuen Standort ansiedelt oder an einem bestehenden Standort vergrößert.”

Jobmotoren können vor allem dann regional positiv wirken, wenn sie in einer bestimmen Region neue Unternehmen anziehen – etwa in Form von Zulieferbetrieben – und somit neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Das Bild von der Fabrikhalle auf der grünen Wiese, um die herum ein regelrechtes Industriegebiet entsteht, ist durchaus angebracht. Lange Zeit war die Stahlproduktion ein richtiger Jobmotor für ganze Regionen. Generell wirken “Jobmotoren” auf andere Unternehmen. Keine Frage. Nur sie können auch in beide Richtungen wirken. Durch geschicktes Employer Branding können Arbeitskräfte von anderen Firmen abgezogen werden, sehr expandierende Unternehmen verdrängen andere Unternehmen und durch eine geschickte Standortpolitik können größere Betriebe dazu animiert werden, zu wandern. Der Jobmotor wirkt in diesen Fällen nur lokal oder regional.

jobmotorJobmotoren – nicht nur positiv

Meine These ist: sogenannte Jobmotoren wirken zwar in einem bestimmten Bereich positiv, man sollte jedoch vorsichtig mit einer vorschnellen Lobhudelei sein, denn oft arbeiten die “Jobmotoren” mit Abgasen, die sich an anderer Stelle negativ auswirken – um im etwas schiefen Bild der Metapher zu bleiben. Und vor allem, was passiert, wenn ein Jobmotor ins Stottern kommt und eine gesamte Region dadurch zum Erliegen kommt. Auch dies kennen wir aus der Stahlindustrie sehr gut. In Wien gibt es so eine regionale Entwicklung nicht. Wien als ganze Stadt sieht sich natürlich immer wieder als Jobmotor. Dies ist jedoch aufgrund der demografischen Sondersituation von Wien nicht wirklich verwunderbar. Eine zweite “Region”, die im Zusammenhang mit dem Wiener Arbeitsmarkt immer wieder als “Jobmotor” genannt wird, ist der Wiener Flughafen, der natürlich eine Vielzahl an Jobs bereit hält.

Lidl, Hofer und die anderen: Jobmotoren oder Verdrängungswettbewerb?

Die Firma Hofer bezeichnet sich in einer Presseaussendung als Jobmotor, was in Bezug auf das Unternehmen, sicherlich stimmt und natürlich positiv hervorgestrichen gehört. In einer Presseaussendung heißt es: “Von Anfang 2014 bis September 2015 schuf das Unternehmen 1.900 neue Arbeitsplätze in Österreich und dieser Wachstumstrend wird sich weiter fortsetzen.” (OTS0107, 25. Sep. 2015, 12:00). Wenn man dann im November 2015 hört, dass ein anderes Unternehmen in der Branche nämlich “Zielpunkt” vor einer Insolvenz steht und 2.500 bis 3.000 Arbeitsplätze in der Branche bedroht sind, relativiert sich die Aussage in Bezug auf den Arbeitsmarkt und die Branche insgesamt. Und in der Tat: etliche Unternehmen, wie z.B. “Denn’s Biomarkt” die in der Tat durch einen expansorischen Kurs zu einem “Jobmotor” wurden, nutzen – verständlicherweise – das Angebot an ehemaligen Zielpunkt-Mitarbeiter/innen. Es kommt also zu einer Verschiebung. Vor allem sagen statistische  Zahlenspielereien wenig über die Qualität der Jobs aus. Handelt es sich bei den vielen neuen Arbeitsplätzen um Vollzeitäquivalente oder um Teilzeitangebote. Bei der Firma Hofer ist eher anzunehmen, dass das Gros der Jobs Teilzeitangebote (wenn auch überdurchschnittlich bezahlt) ist. Wie auch an anderer Stelle festgestellt wurde, ist das Thema Jobmotor dort kritisch zu beobachten, wo es zu vermehrten Teilzeitangeboten kommt.

Wien: Tourismus als Jobmotor mir Babuschkawirkung

Allgemein wird der Tourismus und besonders der Kongresstourismus als allgemeiner Jobmotor in Wien angesehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Studie des Meinungsforschungsinstituts IFES. Der Arbeitsmarktklimaindex Tourismus wird mit einer interessanten Titelzeile überschrieben: “Arbeitsklimaindex Tourismus 2014 – der Jobmotor stottert”. Was ist gemeint: Der Tourismus schafft nachwievor Jobs in Wien (auch 2015 war dies der Fall), doch die generelle Arbeitszufriedenheit in der Tourismusbranche läge unter jener anderer Branchen. Viele Aspekte – von der Einkommenszufriedenheit, über Weiter- und Ausbildungsmöglichkeiten etc. – würden negativer abschließen als in anderen Branchen, was natürlich alles dazu führen kann, dass der “Jobmotor Tourismus” durch eine hohe Fluktuation und Abwertung des Ansehens ins Stolpern geraten würde. Oder anders formuliert: Jede Medaille hat zwei Seiten. Generell sind Branchen, die dauernd “neue” Stellenangebote generieren, auch auf die Fluktuation innerhalb der Branche zu hinterfragen. IFES Studie

Jobmotoren sind also nicht nur Unternehmen oder Branchen, die laufend neue Arbeitsplätze schaffen, es geht auch darum, ob die Branche eine gewisse Zufriedenheit ausstrahlt. Der Promotion-Bereich schafft laufend neue Jobs, würde sich wahrscheinlich jedoch nicht wirklich als “Jobmotor” oder “Jobmaschine” – im Sinne von dauerhaften Vollzeittätigkeiten – wahrnehmen.

Auf der anderen Seite wurde in einem Hearing im Österreichischen Bundesrat über die Chancen und die Perspektiven des Tourismus in Österreich gesprochen. Dabei wurde natürlich noch einmal demonstriert, dass besonders in Wien der Tourismus und die Hotelnächtigungen ein wesentlicher Faktor auf dem Arbeitsmarkt seien. Es erscheint in diesem Kontext ebenso klar, dass der Begriff “Jobmotor” gerne eingesetzt wird, um weitere Forderungen zu stellen (ich nenne es: Babuschkaeffekt): “Präsidentin Michaela Reitterer (Österreichische Hoteliervereinigung) machte auf den “Jobmotor” Tourismus und auf 3-prozentige Nächtigungszuwächse in Wien, zugleich aber auf den wachsenden Hotel-Wettbewerb in der Bundeshauptstadt aufmerksam. Die dritte Landepiste in Schwechat hielt Reitterer für lebensnotwendig, außerdem forderte sie die Abschaffung der Ticketsteuer und eine Beschleunigung der Visa-Abwicklung. Da Gäste vom Wachstumsmarkt Asien in erster Linie nach Europa kommen, um in den Städten einzukaufen, sollte man nicht nur in Bad Kleinkirchheim, sondern auch in der Wiener City auch am Sonntag einkaufen können, sagte Reitterer pointiert.” Städtetourismus als Wachstums- und Jobmotor.

Tourismuszonen als Jobmotor

Ins gleiche Horn stößt die Wirtschaftskammer Wien. Die WK Wien sieht in der Gründung von sogenannten Tourismuszonen einen weiteren Jobmotor. Was ist damit gemeint? Die WK Wien hat drei mögliche Tourismuszonen identifiziert, in denen Unternehmen auch an Sonntagen aufsperren dürfen – Die Organisation verspricht: Zwei Drittel der Touristen würden shoppen – Potential: 140 Mio. Euro Umsatz, 800 neue Jobs. (OTS0085, 26. März 2015, 11:04, WK Wien). Man vergleiche die Zaheln 140 Millionen Euro Umsatz gegenüber 800 neuen Jobs. Natürlich würde eine Öffnung der Ladenzeiten zu mehr Jobs führen – die Frage ist allerdings, ob es sich um Vollzeitäquivalente oder reine Teilzeitjobs handeln würde. Leider wird in diesen Diskursen der “Job” als Selbstwert beschrieben. Es geht nur mehr um Jobs. Wichtig aus meiner Sicht ist jedoch auch die Frage stellen zu dürfen, welche Jobs gemeint sind. Das Risiko bei einer weiteren Ausweitung auf Sonntagsangebote verstärk auf geringfügige Stellen zurück zu greifen, ist allemal vorhanden. Wir sehen dies ja im Moment sehr stark im Handel, wo sich seit einigen Jahren die sogenannte “Samstagsaushilfe” etabliert hat.

Ob eine Sonntagsöffnung nicht einfach zu einer Verschiebung der Jobs impliziere –  etwa durch Montagsschließungen – ist nicht gewiss – und Umsatz bedeutet nicht gleich Gewinn, zumal der Sonntag nicht nur in Kollektivverträgen eine mehr als heilige Kuh ist, die Gewerkschaft und Kirche nicht so einfach zur Schlachtbank führen wollen.

Die oben zitierte IFES-Studie relativiert den Bereich Tourismus schon alleine deshalb, weil sie die Frage nach der Qualität und der Arbeitnehmer/innenzufriedenheit stellt. Ob eine weitere zeitliche Flexibilisierung die Zufriedenheit steigern würde, steht auf einem anderen Blatt und ist eine Frage, die zu diesem Zeitpunkt nicht beantwortet werden kann. Nehme ich die IFES-Studie als Indikator für eine tourismuskonforme Handelsregelung, darf bezweifelt werden, dass eine weitere Flexibilisierung im Handel/Tourismus zu mehr Zufriedenheit führen wird.

Ein alter, bewährter Hut – öffentliche Investitionen als Jobmotor

Ein weiterer Jobmotor, der gerne angeführt wird, ist eigentlich auch schon ein Dauerbrenner in jeder Arbeitsmarktdiskussion. Die Wiener Linien (und mit ihnen die Wiener Stadtwerke) nutzten den Begriff des Jobmotors in einer Presseaussendung, und zitierten eine TU-Studie, die zeige,  “dass je 100 Millionen investierter Euro in den U-Bahn-Ausbau rund 1.700 weitere Arbeitsplätze geschaffen und gesichert werden. Über 60 Prozent der Beschäftigungseffekte entfallen auf Wien. Derzeit laufen die Arbeiten für die U1-Verlängerung nach Oberlaa, die 2017 eröffnet fertiggestellt wird.” Allerdings ist es natürlich klar, dass solche Projekte immer nur temporäre Jobs implizieren und keine Dauerlösungen sind. Aussendung Wiener Linien . Dieser Umstand wird in der Aussendung nicht thematisiert. Bauvorhaben und Neubauten sind ein Projektgeschäft. 2015 war es nicht immer einfach Jobs für einfache Bauarbeiter/innen zu finden. Die Großprojekte der letzten Jahre waren so gut wie abgehandelt (Seestadt etc.) Daher bleibt die Frage, ob die Altbausanierung nicht ein besonders guter Jobmotor sei. Die 2015 neu in den Wiener Landtag gewählten NEOS sehen vor allem in der Sanierung der Häuser einen “Jobmotor”. “Die NEOS forderten mehr Treffsicherheit und Transparenz beim Zugang zum geförderten Wohnbau, und regten eine Abkehr von der Trennung von Wohnbauten und Bürogebäuden an. Vonnöten seien neue Fördermodelle bei Haussanierungen, vor allem hinsichtlich einer höheren Energieeffizienz; darüber hinaus seien Sanierungen ‘Jobmotor’.”(PID Rathauskorrespondenz, OTS0223, 11. Dez. 2015, 18:24). Nachdem die Stadt Wien u.a. aufgrund der angespannten Arbeitsmarktsituation für 2016 neue Schulden in Kauf nimmt, kommt es sicher zu dem einen oder anderen Projekt, das für Jobs in der Baubranche sorgen wird.

Gesundheit und Sport

2005 stellte das Arbeitsmarktservice im Rahmen einer Tagung die Frage: “Qualifikationsbedarf der Zukunft: Gesundheit und Sport – Jobmotoren in Österreich?” Allerdings mit einem dicken Fragezeichen. In der Publikation, die dieser Veranstaltung folgte, wurde eindeutig beschrieben, dass die Bereiche Gesundheit und Sport sehr wohl ein Marktfaktor seien. Leo A. Nefiodow teilte das Gesundheitswesen gewisserweise in einen Gesundheits- und Krankheitsmarkt, um den Unterschied zwischen jenem Teil des Gesundheitswesen, der sich nur um Kranke kümmert, von jenem, der in der Krankheitsprävention arbeitet, zu markieren. Letztlich ist sein Fazit spannend: “So zynisch es klingt: Wachstum im derzeitigen »Gesundheitswesen« kann praktisch nur stattfinden, wenn es noch mehr Kranke, noch mehr Krankheiten und noch mehr (vermeidbare) Kosten gibt. Und die Zahl der Erkrankungen nimmt seit Jahrzehnten ständig zu, bedingt zum Teil durch das Älterwerden der Menschen, vor allem aber durch den modernen Lebens-, Arbeits- und Ernährungsstil. (…) Im Aufbau eines Gesundheitssektors parallel zum derzeitigen Krankheitssektor schlummern die größten Produktivitäts- und Wachstumsreserven. Um diesen neuen Sektor aufzubauen, werden neue Konzepte, Strategien, Medikamente und Therapien benötigt, die nicht auf die Reparatur von Krankheiten abstellen, sondern auf die Herstellung und Erhaltung von Gesundheit ausgerichtet sind und den Menschen ganzheitlich ernst nehmen.” Leo A. Nefiodow: Der Gesundheitsmarkt – Wachstumslokomotive des 21. Jahrhunderts. In der Tat ist der Krankenmarkt – 10 Jahre nach dieser Tagung – ein richtiger Jobmotor, was sich vor allem anhand der arbeitsplatznahen Qualifizierungen im Rahmen des WAFF und anderer Einrichtungen abzulesen ist. Jobs als Heimhelfer/innen und Pflegehelfer/innen sind ein Dauerbrenner und die Träger sind noch immer bereit – zusammen mit öffentlichen Vertreter/innen – die Ausbildungskosten zu übernehmen, was immer ein starker Indikator für einen “Jobmotor” darstellt.

Helmut Dornmayr weist in seinem Beitrag “Jobmotor »Gesundheit und Sport«:Welchen Treibstoff braucht er? Analysen zu Ausbildung, Berufsausübung und Finanzierung in Österreich” darauf, dass der Pflegebereich ein sehr wichtiger Jobmotor sei, sieht jedoch die Ausbildung, die Finanzierung durch Pflegegeld und auch die Spielregeln zur Berufsausbildung als “Bremsen”. Er erwähnt zwar die Thematik, dass Pflegekräfte – vor allem in der Hauskrankenpflege – oft zugekauft werden müssten (besonders bei zeitaufwändigen Dauerpflegeleistungen), erwähnt jedoch mit keinem Wort, dass die Einkommenssituation und die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich auch nicht immer berauschend sind und dass eine weitere “Bremse” für diesen speziellen Bereich auch die Fluktuation sein kann. Allerding sind die Beiträge 10 Jahre alt – sie zeugen von einem gewissen Optimismus, dem mittlerweile sicherlich ein gewisse Ernüchterung gefolgt ist. Wie bereits betont: Nachwievor werden Pflegekräfte auch über den WAFF ausgebildet, aber es wäre natürlich schön heraus zu finden, ob das, was der IFES für die Hotellerie festgestellt hat, auch in der Pflege zutrifft.

Fluktuation?

Eine Diplomarbeit zu diesem sehr prekären Thema gibt sicherlich interessante Hinweise. Sabine Grün-Wegeler verfasste 2012 auf der Universität Wien eine Diplomarbeit mit dem Titel: “Arbeitszufriedenheit bei Heimhelferinnen. Ich zitiere:

“Laut Expertengespräch mit E. Schusser (2011) liegt die Fluktuationsrate bei Heimhelferinnen in Wien weit über 27,3 %. In der Literatur werden selten harte Zahlen genannt, doch findet sich überall Bestätigung, dass es Fluktuation gibt und dass die daraus resultierenden Folgen, wie hohe Personalkosten, Reduktion der Effektivität und Produktivität von Organisationen, Verschlechterung der Patientenversorgung (…), einen noch höheren, durchaus vermeidbaren Druck auf die sozialen Dienste ausüben.”

Die Statistik Austria – und die Jobmotoren

Die Statistik Austria benutzt den Begriff “Jobmotor” in einem einzigen Bereich. In einer Presseaussendung zur Umweltwirtschaft im Jahr 2012 werden die erneuerbaren Energien und vor allem der Bereich  “Management der Energieressourcen” als wahre Jobmotoren genannt, weil in diesen Bereichen hohe Umsätze erzielt und die meisten Mitarbeiter/innen bei den sogenannten “green jobs” zu finden seien. Ansonsten nennt die Statistik Austria keine Branche “Jobmotor”.

Wenn man den Begriff über die einzelnen Suchmaschinen recherchiert, bekommt man leicht den Eindruck, dass fast jede Branche ein Jobmotor ist. Hier in diesem kurzen Artikel wurden nur 5 genannt: Öffentliche Invenstitionen in die Infrastruktur, erneuerbare Energien, Handel und Tourismus, Krankenwesen. Die Tendenz zu den Dienstleistungsberufen wird sicherlich noch zunehmen. Auch der Transport und die Zustellung profitieren von den Veränderungen im Kauf- und Konsumverhalten der Menschen. Jobs in der Zustellung sind vorhanden, der Kampf ist jedoch ungemein hoch, da viele Transportfahrer mehr oder weniger als Selbständige fungieren, was natürlich zu einem ungemeinen Preiskampf führt. Zudem ist es wie in anderen Branchen auch. Die rein manuellen Tätigkeiten nehmen ab und der Bedarf an Qualifikationen steigt. Dies bestätigt auch eine kurze Notiz aus den “Oberösterreichischen Nachrichten”: “Nach dem Einbruch in der Wirtschaftskrise geht es in der heimischen Logistikbranche seit 2012 wieder bergauf. Laut Arbeitsmarktservice (AMS) steigt nicht nur die Nachfrage nach Arbeitskräften. Auch die Anforderungen wachsen. Begehrt seien Arbeitnehmer mit Kenntnissen in Projektmanagement und IT. Verstärkt würden auch Umwelttechnik und rechtliches Grundlagenwissen nachgefragt, sagte AMS-Chef Johannes Kopf bei einem Pressegespräch diese Woche. Bei internationalen Konzernen seien auch im Lager grundlegende Englischkenntnisse erforderlich. Herwig Schneider, Leiter des Industriewissenschaftlichen Instituts (IWI), hat errechnet, dass jeder Beschäftigte in der Logistikwirtschaft 3,5 Arbeitsplätze in der österreichischen Volkswirtschaft sichere.

Jobmotor – ein Plastikbegriff

Jobmotor ist ein Begriff, der an Schärfe und Präzision verliert, da viele Branchen und Betriebe für sich reklamieren, ein Jobmotor zu sein. Dies macht den Begriff natürlich auch zu einem gewissen Plastikbegriff unter dem jede/r ein wenig etwas anderes versteht. Oft wird bereits die quantiative Schaffung von Jobs als alleiniges Kriterium herangezogen. Wie wir gesehen haben, ist natürlich auch die Qualität (Vollzeitjobs, Fluktuation etc.) ein Thema, das aus meiner Sicht unbedingt in die Diskussion um die sogenannten Jobmotoren einfließen sollte. 2013 hielt die Arbeiterkammer in ihrer Studie “Jobmotor Wien: Turbo oder Trabi” fest, dass hauptsächlich Teilzeitjobs geschaffen werden würden und bestätigt den Wandel hin zu Dienstleistungen. Auch für 2016 deuten die Zahlen darauf hin, dass es zwar mehr Jobs in Wien geben werde, sich das Stundenvolumen jedoch nicht vergrößern würde, was unweigerlich auf ein Plus bei Teilzeitstellen und ein Minus bei Vollzeitangeboten hindeutet. Auch dies ist eine Kehrseite der sogenannten Jobmotors. Positiv ist zu vermerken, dass es die KMUs sind, die die meisten Jobs anbieten. Wenn also durch eine Großpleite sehr viele Leute ihren Job verlieren, ist dies schlimm, verhindert jedoch den Blick auf die Tatsache, dass dies durchaus durch kleine Unternehmen aufgefangen werden kann. Die Frage ist, ob eine quantitative Diskussion um Jobs und Arbeitssuchende der richtige Weg ist. Die Frage ist jedoch auch: Wenn ich alle Jobmotoren, die es so gibt, zusammen zähle, wieso ist die Arbeitslosigkeit denn so hoch? Auf alle Fälle ist “Jobmotor” für mich einer der heißesten Anwärter auf den Titel “Unwort des Jahres” …

Ein AMS-Chef spricht Klartext

AMS Vorstand Johannes Kopf

AMS Vorstand Johannes Kopf

ArbeitsMarktService-Vorstand Johannes Kopf in einem offenen ZEIT-Interview

Es ist fast schon eine journalistische und publizisitische Binsenwahrheit. Will man offene Statements zur österreichischen Innenpolitik lesen, sollte man eher Zeitungen und Zeitschriften aus dem Ausland oder wirklich unabhängige Magazine im Inland konsultieren.

Die hamburgische Wochenzeitung “Die Zeit” liefert nicht nur die wöchentliche bisweilen scharfzüngige Kolumne von Alfred Dorfer, sondern auch gute Interviews und Artikel zu Österreich. In der Ausgabe 49/2015 findet sich ein längeres Interview mit AMS-Vorstand Johannes Kopf.

Natürlich ist die Pleite der Supermarktkette “Zielpunkt” der Opener des Interviews. Große Firmenpleiten sind stets besorgniserregend. Spannend ist jedoch, dass Kopf fast schon nebenbei erwähnt, dass 60.000 Menschen im Handel einen Job suchen und somit die Zielpunkt-Pleite in gewisser Weise der vorläufige Höhepunt einer negativen Entwicklung darstellt. Kopf erwähnt jedoch mit keinem Wort, dass  gerade der Handel eine Vorreiterbranche ist, wenn es darum geht Vollzeitarbeitsplätze in Teilzeitarbeitsplätze umzuwandeln.  Es ist zwar  für viele tröstlich, dass der AMS-Vorstand am Ende des Interviews die Meinung vertritt, dass man von einem Vollzeitjob leben können sollte – nur befürchte nicht nur ich – dass dieser Wunsch immer mehr ein frommes Lippenbekenntnis wird. (Zitat Kopf: “Den Grundsatz, dass man von einem Vollzeitjob an sich leben können soll, den sollten wir verteidigen und nicht leichtfertig aufgeben.”).

“Die Dynamik ist das Entscheidende” – Kurzzeitjobs statt Dauerarbeitslosigkeit

Die stetig ansteigenden Arbeitslosenzahlen sind ein gerne angebrachtes Argument in Diskussionen mit oder rund um das AMS. Doch auch hier relativiert Kopf die Sichtweise und bringt eine interessante Darstellung. Bei den aktuellen Arbeitslosenzahlen herrscht eine gewisse Rotation. Kopf ist der Meinung, dass von den 430.000 arbeitslos gemeldeten Menschen am Ende des Monats fast ein drittel weg sein wird und durch “neue” oder “wiederkehrende” ersetzt werde. Dynamik ist überhaupt ein wichtiges Ziel. Dem Arbeitsmarktservice sind 4 Menschen lieber, die jeweils 3 Monate einen Job haben, als nur eine Person, die über ein Jahr lang in die Arbeitslosenversicherung einzahlt. Würde man dies zynisch umschreiben, könnte man behaupten, dass das AMS eine Art Arbeitslosensharing bevorzugt.  Kopf spricht im Interview davon, dass das AMS “die Betroffenheit verteile”. Allerdings versteckt sich dahinter ein Modell, das tatsächlich von einigen Unternehmen gelebt wird. Statt Kurzarbeit gibt es Kurzarbeitslose – so zum Beispiel in der “Breitenfeld Edelstahl AG” in der Steiermark, wo je nach Auftragslage eine Schicht für einen Monat gekündigt wird. Verbessert sich die Lage nicht, kommt eine andere Schicht im Folgemonat dran. Auch in einer aktuellen Stunde im Salzburger Landtag berichtete 2009 die damalige Landeshauptfrau Gabi Burstaller von dieser Art der Arbeitsplatzsicherung. Zumindest schien es ein Modell der Überbrückung: “Ungefähr 800 Menschen, die hoffen, dass sie nach dieser Kurzkündigungszeit, die sie vereinbart haben im Betrieb, eine Chance bekommen, im Betrieb weiter zu arbeiten. Dafür brauchen wir aber volle Auftragsbücher. Denn sonst wird aus der Kurzzeitkündigung vielleicht eine Dauerkündigung. Und da sind wir in der Politik auf allen Ebenen – Gemeinde, Land, Bund, auch Europäische Union – gefragt, zu investieren, damit sich eine Trendwende endlich abzeichnet.”

Die NEET-Gruppe

Die AMS jobwerkstatt WEST (ein Aktivierungsprojekt in Wien, durchgeführt von BEST Training, Weidinger & Partner sowie murad&murad)   bekam den Auftrag die Gruppe der 21 bis 24-jährigen Arbeitssuchenden aus Wien zu betreuen. Verknüpft man diese Info mit den Ausführungen des AMS-Vorstands wird das Motiv klar. Der Hintergrund ist es offenbar die Gruppe der sogenannten NEET (Not in Education, in Employment or in Training) zu reduzieren. Kopf selbst meint, dass NEET’s für den Arbeitsmarkt gefährlich seien. Worin diese Gefahr genau besteht, wird leider nicht ausgeführt, da Kopf lediglich darauf hinweist, dass die Gefahr der Arbeitslosigkeit für Pflichtschulabgänger/innen wesentlich höher sei. Dass der AMS-Vorstand sich bis zu einem gewissen Grade als Fan der Lehre, als Befürworter des zweiten Kindergartenjahres und als Freund der Gesamtschule deklariert hat, dürfte mittlerweile auch bekannt sein. Er vertritt jedoch auch – fast schon wie einst Cato, der Ältere – immer und immer wieder denselben Standpunkt: Das AMS alleine kann die – nennen wir es einmal Bildungslücke – nicht alleine schließen. Dies müsse schon in der Schule beginnen. Vor allem wird auch eingeräumt, dass es immer schwieriger für Nichtgelernte wird, einen passenden Job zu finden.

Fehlendes Wirtschaftswachstum

Wenig überraschend ist, dass ein geringes Wirtschaftswachstum kaum zu einer Erholung der Arbeitslosenzahlen führt. Bisher hält sich die Annahme, dass es 2 Prozent Wirtschaftswachstum braucht, damit die Arbeitslosenzahlen sinken. Hier wartet Kopf doch mit etwas anderen Zahlen auf, die in der breiten Öffentlichkeit (ungern) kolportiert werden: “Die alte Formel, dass ab zwei Prozent Wachstum die Arbeitslosigkeit sinkt, ist in der aktuellen Situation Unsinn. Momentan würden wir ein Wachstum von 3,5 Prozent brauchen, damit die Arbeitslosigkeit sinkt – das ist utopisch.” Wieso diese 3,5 Prozent? Kopf rechnet vor, dass es im Moment ein höheres Wachstum brauche um die Arbeitslosigkeit überhaupt konstant zu halten und ergo ein noch höheres, um die Zahlen sinken zu lassen.

Mindestsicherung

Seit einiger Zeit  lesen wir immer wieder Meldungen, die eine Änderung der Mindestsicherung fordern. Vor allem wird gerne das Argument angeführt, dass die Mindestsicherung zu hoch sei und wenig Anreize bieten würde, eine Lohnarbeit anzunehmen. Kopf empfiehlt hier Leistungsanreize zu setzen. Das folgende Zitat finde ich außerordentlich bemerkenswert: “Auch dazu habe ich einen Vorschlag gemacht: Nicht die Mindestsicherung ist zu hoch, sondern die Anrechnungsbestimmungen sind falsch. Die besagen, wenn jemand mit drei Kindern 1.800 Euro Mindestsicherung bekommt, einen Job findet und dann 1.000 Euro verdient, hat er auch nur 1.800 Euro, weil die 1.000 Euro von der Mindestsicherung abgezogen werden. Das ist unsinnig, das ist leistungsfeindlich. Der Syrer mit drei Kindern, der dann nicht zu arbeiten beginnt, ist nicht böse. Der handelt aus meiner Sicht rational.” Warum ausgerechnet der Syrer als Modellfall herhalten muss, ist mir schleierhaft, denn für Herrn und Frau Österreicher in der Mindestsicherung gelten dieselben Zugangs- und Spielregeln. Kopf wünscht sich ein Modell mit Leistungsanreizen, in dem über einen gewissen Zeitraum nicht das gesamte Gehalt bei der Mindestsicherung gegengerechnet wird, sondern “nur” etwa 2/3. So bliebe bei einer Beschäftigung mehr Geld übrig.  Ein spannendes Modell. Vor allem bemerkentswert finde ich, dass Kopf keinen Billiglohnsektor schaffen will, obwohl in Bereichen in denen kein gesetzlicher Mindestlohn herrscht oder Menschen sich selbst delegieren können um einen KV zu umgehen oder immer mehr Teilzeitstellenangebote am Markt sind, diese Einschätzung doch hinterfragt werden muss.

Das gesamte Interview mit Johannes Kopf finden sie:  hier