Gender Pay Gap: Ein paar Überlegungen

Die Meldung kam in den letzten Tagen fast schon lapidar. Offensichtlich hat man sich daran gewöhnt, dass in Österreich laut Statistik, Frauen im Schnitt 21,7 Prozent weniger verdienen als Männer.  Österreich gehört damit zu den üblichen Verdächtigen am Schluss des europäischen Rankings. In Estland, Tschechien und Deutschland (sic!) ist die Schere noch größer. Europäische Musterbuben und Mustermadeln in Sachen “Gender Pay Gap” sind Italien und Luxemburg mit jeweils nur 5,5 Prozent Unterschied. Der Schnitt in Europa liegt bei 16, 9 Prozent. Die europäische Union will nun einen Aktionsplan ausarbeiten. Soweit, so gut.

Was die Berichterstattung jedoch nicht beleuchtet, sind die Gründe für den Unterschied. Wie kann es sein, dass Deutschland, die Exportmilchkuh der europäischen Union, seine Töchter schlechter bezahlt als fast alle anderen EU-Staaten? Und die gleiche Frage lässt sich natürlich auf Österreich ummünzen…

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich ein paar Dinge anschauen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich gesteinigt werde. Aber Frauen verdienen bei gleicher Ausbildung, Berufserfahrung und gleicher Tätigkeit soviel wie die Männer. Die Kollektivverträge lassen es in Österreich nicht zu, dass man so leicht diskriminieren kann und die Berechnung von Eurostat vergleicht Äpfel mit Birnen. Vor allem muss man jedoch wissen, dass die Angaben von Eurostat “unbereinigt” sind. Das bedeutet, dass keine länderspezifischen Besonderheiten oder Eigenheiten der jeweiligen Beschäftigungsstruktur berücksichtigt werden – weil man andernfalls die einzelnen Länder wahrscheinlich gar nicht miteinander vergleichen könnte.

Einkommensunterschiede und Gender Pay Gap

Welche Gründe führen zum Gender Pay Gap?

(1) Die Berufswahl

Friseurinnen, Bürokauffrauen und Verkäuferinnen in Supermärkten verdienen nun einmal weniger als Mechaniker, Mechatroniker oder Monteure mit ihren Zulagen. Übrigens verdienen Frisöre, Bürokaufmänner und Verkäufer auch weniger als Mechanikerinnen, Mechatronikerinnen oder Monteurinnen. Was will ich damit sagen? Die Branchen entscheiden, ob viel oder wenig verdient wird. Innerhalb der Branchen sind die Verdienstmöglichkeiten gleich. Frauen wählen nach wie vor klassische Frauenberufe mit einem niedrigeren Einkommen. Die drei beliebtesten Lehrplätze bei Frauen – Einzelhandel, Bürokauffrau, Friseurin – stehenden besser bezahlten “männlichen” Berufen wie Mechaniker, Tischler oder Installateur gegenüber. Die neuen Bestrebungen des Handels verschlimmern dies noch. Etliche Unternehmen im Handel zahlen den Lehrlingen bewusst höhere Lehrlingsentschädigungen als Anreiz. Ein Lehrling bei großen Handelsunternehmen verdient im dritten Lehrjahr soviel wie ein ausgelernter Mitarbeiter. Danach steigt das Gehalt nicht mehr so stark.

(2) Teilzeit

Frauen wählen überdurchschnittlich oft Teilzeitjobs. Oder anders formuliert: In klassischen Frauenbranchen werden übermäßig viele Teilzeitjobs angeboten. Wenn Sie mir nicht glauben: Suchen Sie mal in Supermärkten oder im Trainingsbereich Vollzeitstellen. In diesen Branchen sind Frauen überrepräsentiert. Ich bearbeite viele Jobs aus dem Bereich Technik, Handwerk und Gewerbe. Vollzeit ist hier Standard. Teilzeitjobs kommen mir allenfalls in diesem Bereich bei Bürokräften und im Verkauf unter die Finger. Ein Beispiel: bei einem Reifenhändler sind alle KFZ-Mechanik-Positionen in Vollzeit ausgeschrieben, alle Verkaufsjobs jedoch in Teilzeit. Auch in den Human-Ressource-Abteilungen gibt es offenbar immer mehr Teilzeitjobs und auch hier sind die meisten Ansprechpartnerinnen Frauen. Insgesamt arbeiten laut Wiener Wirtschaftskammer 49,8 Prozent der Frauen in Teilzeit. Mit anderen Worten: Jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit. Bei den Männern sind es lediglih 9,8 Prozent – sprich jeder 10 Mann arbeitet Teilzeit. (Wiener Wirtschaft, Nr. 47/23.11.2017)

(3) Einkommensberichte

Seit 2011 müssen alle größeren Unternehmen anonymisierte Einkommensberichte vorlegen. Diese Berichte sollten dazu dienen, den Gender Pay Gap auch mit entsprechenden Zahlen zu illustrieren. Zur Überraschung aller musste die damalige Frauenministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) feststellen, dass es kaum Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau in den österreichischen Konzernen gab. Die Einstufungen wurden und werden genau vorgenommen. Das Anrechnen von Vordienstzeiten wird wohl immer weniger ein Argument für einen Einkommensunterschied sein, weil Kollektivverträge, wie der BABE, eine Deckelung mit maximal 5 Jahren vorsehen.

(4) Das West-Ost-Gefälle

Laut Genderatlas  herrscht in Österreich ein West-Ost-Gefälle. Die Spanne ist in den östlichen Bezirken (vor allem  im Grenzbereich zu Tschechien, der Slowakei und Ungarn) höher als in den westlichen Bezirken. Wien ist eine Ausnahme. Neben den bereits beschriebenen Faktoren wie Ausbildung etc. spielen natürlich auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Region eine Rolle. Darüber hinaus müsste man sich ansehen, wie viele KV’s ein Lohngefälle zwischen Osten und Westen bereits im Kollektivvertrag definieren. Bei der nicht unwichtigen Gruppe der Handelsangestellten verdienen Mitarbeiter*innen in Westösterreich mehr als in Ostösterreich.

(5) Die Erwerbsquote

Entscheidend für den Gender Pay Gap ist auch die Beschäftigungsquote. Oft geht ein niedriger Gender Pay Gap auch mit einer niedrigen Frauenerwerbsquote konform. In Italien und auf Malta sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau im Gehaltsbereich deutlich geringer als in Österreich und in Deutschland. Österreich und Deutschland haben jedoch – im Gegensatz zu Malta und Italien – eine deutlich höhere Frauenerwerbsquote. Dies bedeutet, dass in Deutschland und Österreich wesentlich mehr Frauen in der Erwerbsarbeit tätig sind, als auf Malta oder in Italien. Mehr arbeitende Frauen führt natürlich auch zu mehr Teilzeitbeschäftigungen bei Frauen. Allerdings ist dies kein Gesetz. In den skandinavischen Ländern haben wir ebenfalls eine hohe Frauenerwerbsquote und einen Gender Pay Gap der unter dem EU-Durchschnitt liegt. Es ist also auch wichtig, ob Frauen übermäßig im Niedriglohnsektor arbeiten oder nicht.

Man kann also sehen, dass der Gender Pay Gap ein sehr dynamisches Thema ist. Was für den einen Staat richtig ist, muss für den anderen noch lange nicht gelten. Auf jeden Fall muss mit der Vorstellung aufgeräumt werden, dass Frauen bei gleicher Ausbildung und Praxis weniger verdienen. Die Einkommensunterschiede resultieren aus Faktoren, die wenig mit einer gehaltstechnischen Diskriminierung zu tun haben, als mit Faktoren wie Berufswahl, Ausbildungswunsch, wirtschaftliche Möglichkeiten der Region etc.

Allerdings bedeutet dies nicht, dass alles in Ordnung sei. Absolut gesehen, bleiben die Einkommensunterschiede bestehen. Um jedoch Lösungen zu finden, müssen die Strukturen geändert werden. Dies fängt bei der (Aus)bildung an, führt über ein Talente-Management, das diesen Namen auch verdient bis hin zu Unterstützungen an die Unternehmer, die es Ihnen leichter machen Frauen aufzunehmen (vor allem im gewerblichen Bereich).


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Anlässlich des Frauentages 2017 wird in Österreich nicht nur eine neue Frauenministerin angelobt, sondern es wird auch das Bewusstsein für die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen geschärft – routineartig muss man da fast schon sagen. Oder wie es die Schriftstellerin Christine Nöstlinger treffend im Ö1 Morgenjournal formulierte: “Was haben wir gekriegt… ein Binnen-I haben wir gekriegt. Das ist für mich ein bisserl wenig.”

Der E.U.-Vergleich macht Österreichs Frauen alles andere als reich. Den geringsten Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen gibt es in Italien und Luxemburg, was mich natürlich als geborener Großherzogtumler sehr freut.

Aber auch der Vergleich zwischen Arbeiter/innen, Angestellen und Beamt/innen ist sehr spannend. Es fällt auf, dass selbst bei den Beamten und Beamtinnen ein Einkommensunterschied von 4,9 Prozent besteht, was ja angesichts 30 Jahre Förderungsprogramme und 20 Jahre positiver Diskriminierung  (man schaue bei Johanna Dohnal und Friederike Seidl nach) eigentlich gar nicht sein dürfte. Und doch: Gerade bei den Beamt/inn/en zeigt sich: Teilzeitarbeit ist weiblich. Werden die Zahlen auf ganzjährige Vollzeitbeamt/inn/en umgelegt, ergibt sich sogar ein Plus von 2,6 Prozent für die Frauen (nebenbei bemerkt ist die ausgewiesene Statistik männlich, da die Männer als Ausgangswert dienen). Insgesamt verdienen die Frauen teilzeitbereinigt noch immer 17,6 Prozent weniger als die Männer. Lässt man die Vertragsbediensteten und die Beamt/inn/en, die eine vergleichweise kleine Gruppe sind, außer Acht, wird die Differenz noch einmal größer.

Es bleibt also noch einiges zu tun  – und dies nicht nur am Frauentag.

Statistik Austria: Vergleich Männer- und Frauengehälter

Bruttojahreseinkommen von Frauen und Männern 2015
Soziale Stellung Anzahl der Personen Frauenanteil
in %
Bruttojahreseinkommen (Median)
insgesamt Frauen Männer Einkommens-differenz in % *)
Unselbständig Erwerbstätige insgesamt1)2)
Insgesamt 4.226.500 47 26.678 20.334 33.012 38,4
Arbeiter und Arbeiterinnen 1.674.532 35 19.215 11.041 25.556 56,8
Angestellte 2.010.756 55 30.396 22.718 44.181 48,6
Vertragsbedienstete 351.460 69 32.496 29.330 37.854 22,5
Beamte und Beamtinnen 189.752 41 53.747 52.217 54.927 4,9
Ganzjährig Vollzeitbeschäftigte1)
Zusammen 2.105.925 34 39.812 35.023 42.364 17,3
Arbeiter und Arbeiterinnen 682.155 20 31.915 23.778 33.843 29,7
Angestellte 1.047.070 39 46.402 36.378 54.643 33,4
Vertragsbedienstete 207.182 57 39.156 37.994 40.671 6,6
Beamte und Beamtinnen 169.518 35 55.969 56.827 55.403 -2,6
Q: STATISTIK AUSTRIA, Lohnsteuerdaten – Sozialstatistische Auswertungen. Erstellt am 20.01.2017. *) Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern im Verhältnis zum Bruttojahreseinkommen der Männer. – 1) Ohne Lehrlinge. – 2) Inklusive Teilzeitbeschäftigte und nicht-ganzjährig Beschäftigte. Bruttojahresbezüge gemäß § 25 Einkommensteuergesetz.


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