Fast ein Viertel der Wiener Lehrlinge fällt durch…

23,71 Prozent der Wiener Lehrlinge fielen 2016 bei der Lehrabschlussprüfung durch. Wien bekleidet damit im Bundesländerranking den zweiten Platz. Nur in Tirol fallen noch mehr Lehrlinge bei der LAP durch (24,71 Prozent). Die Lehrlingsstatistik, die von der WKO jährlich publiziert wird, wird von der Wiener Gratiszeitung gewohnt plakativ aufgegriffen. Bereits ein erster Blick in die Statistik zeigt, dass die Situation in Tirol und in Wien besonders dramatisch ist. In Ober-und Niederösterreich fällt „nur mehr“ jede/r Fünfte bei der Lehrabschlussprüfung durch. In Kärnten und in der Steiermark sind es knapp über 15 Prozent.

Ein genauer Blick auf die (Wiener) Statistik erscheint mir besonders wichtig. Tatsächlich ist es so, dass die Ergebnisse auch innerhalb der Branchen sehr stark auseinanderdriften. So weisen die „Überbetrieblichen Lehrausbildungen“ eine besonders hohe Durchfallquote auf. In Wien sind es immerhin 32,31 Prozent aller überbetrieblichen Lehrlinge, die bei der Lehrabschlussprüfung durchfallen. In der Sparte „Gewerbe und Handwerk“ sind es immerhin auch 32,67 Prozent (1.800 Lehrlinge wurden 2016 in Wien in dieser Sparte geprüft). Im Handel sind es hingegen „nur“ 18,24 Prozent und in der Sparte „Tourismus und Freizeitbetriebe“ lediglich 16,45 Prozent. Zusätzlich werden all jene, die zwar die Berufsschule absolvieren, jedoch nicht zur LAP antreten, erst gar nicht in der Statistik angeführt.

Die unterschiedlichen Ergebnisse zeigen, dass es gar nicht so leicht ist, eine eindeutige Antwort auf die Frage, wieso in Wien über 23 Prozent der Lehrlinge ihre LAP negativ benotet bekommen. Der Umstand, dass in einigen Branchen ein Drittel der Lehrlinge die Lehrabschlussprüfung nicht schaffen, zeigt, dass derzeit viele Dinge falsch in der dualen Ausbildung laufen. Der ÖGB sieht die Ursache in der schlechten Ausbildung durch die Betriebe, wo die Lehrlinge nur Kaffee kochen müssten, statt etwas zu lernen. Diese Ansicht wird jedoch durch das Angebot der überbetrieblichen Lehrausbildung alles andere als gestützt. Die „Überbetrieblichen“ mit ihren Stützkursen, Praktika und Lehrwerkstätten sollten ja geradezu der Garant für eine qualitativ hochwertige Lehre sein.

Woran liegt es also?

Die Ursachen sind komplexer. Eine Ursache für die vielen negativen Abschlüsse liegt vielleicht auch darin, dass in einigen Branchen die Gehaltsunterschiede zwischen gelernten und angelernten Kräften nicht allzu hoch sind. Man kann also auch „gutes“ Geld ohne LAP verdienen. Die Gründe liegen aber auch bei den Lehrlingen selbst. Viele sind einfach im falschen Job. Für etliche Lehrlinge ändern sich die Interessen während der Lehre. Man darf nicht vergessen, dass viele Lehrlinge als Teenager eine Lehre beginnen und als Erwachsene einen Lehrabschluss machen. Viele habe die Lehre aus den falschen Gründen begonnen („weil nichts anderes frei war…“, „weil die Eltern es so wollten…“) und einigen fehlt es am nötigen Talent. Viele Lehrlinge treten nur an, um einen Abschluss zu machen und sind eigentlich nicht mehr am Beruf interessiert. Und last but not least: Es gibt auch Betriebe, die ihre Lehrlinge schlecht ausbilden. Welche Gründe nun auch ausschlaggebend sind für das schlechte Abschneiden bei der LAP… Fakt ist: Zu viele Lehrlinge „verhauen“ ihren Lehrabschluss. Diese Lehrlinge fehlen als Fachkräfte in den Betrieben und ein Mangel an Fachkräften ist schlecht für die Unternehmen.

Aus all den genannten Gründen bringt es auch wenig den schwarzen Peter der einen oder der anderen Gruppe hinzuschieben. Mit einer besseren Orientierung der zukünftigen Auszubildenden und der Betriebe, einer genaueren Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen und einer guten Portion Aufgeschlossenheit für neue Wege im Lehrlingsrecruiting könnten wir den Trend, dass von Jahr zu Jahr immer mehr Lehrlinge ihre Abschlussprüfung sprichwörtlich in den Sand setzen, wieder umkehren.

 

dieser Artikel wurde zur Verfügung gestellt von der “Lehrlingsbox”

Manpowerstudie: Fachkräftemangel in Österreich überdurchschnittlich

manpower_studieDie Firma Manpower bietet interessantes Studienmaterial zum Thema Fachkräftemangel an. Die Studie ist vor allem deshalb interessant, weil sie einen internationalen Vergleich bietet und relativ genaues Datenmaterial anbietet. So gibt es jeweils eine Top-10 der Mängelberufe augeschlüsselt nach Regionen und Ländern. Ebenso wird erhoben, wieviel Prozent der Unternehmen entsprechende Stellen nicht besetzen können.

Das Unternehmen, das ich gerne als die Mutter aller Personaldienstleiter bezeichnet, befragte nach eigenen Aussagen 41.700 Personaler/innen in 42 Ländern.

Unter dem Wort “Fachkräftemangel” versteckt sich eine unangenehme Tatsache für viele Unternehmen. Sie schaffen es nicht, ausgeschriebene Stellen zu besetzen. In Österreich liegt der Fachkräftemangel laut Studie bei 39 Prozent. Das ist ein Prozent mehr als der Durchschnitt der 42 erhobenen Länder. In der Schweiz liege man sogar bei 41 Prozent und in Deutschland bei 46 Prozent. In Österreich blieb der Wert in den letzten vier Jahren eher konstant um die 40 Prozent.

Allerdings sind diese Zahlen sehr zu relativieren, da sie nicht nach Branchen differenzieren. Die Studie bringt auch die Top 10 der Berufe, die in jeweiligen Land unter einem vermeintlichen Fachkräftemangel leiden. Im verfügbaren PDF finden wir leider keine Aufstellung für die Schweiz.

 

2015 STUDIE FACHKRÄFTEMANGEL: ERGEBNISSE ÖSTERREICH

Die Befragung von 752 Personen ergab folgendes Ranking:*

  1. Facharbeiter/Handwerker
  2. Techniker
  3. Fahrer
  4. Assistenz/Bürokräfte
  5. Manager und Executives
  6. Vertriebsmitarbeiter
  7. Ingenieure
  8. IT-Fachkräfte
  9. Finanz- und Rechnungswesen
  10. Krankenschwestern/-pfleger

*Leider wurden die Bereiche Handwerk und Fahrer nicht weiter differenziert (Welche Sparten? C95 oder B-Fahrer etc.)

 

2015 STUDIE FACHKRÄFTEMANGEL: ERGEBNISSE DEUTSCHLAND

Anzahl der Befragten: 1000. Folgendes Ranking wurde erstellt.*

  1. Facharbeiter / Handwerker
  2. Manager / Executives
  3. Techniker
  4. IT-Fachkräfte
  5. Ingenieure
  6. Finanz- und Rechnungswesen
  7. Vertriebsmitarbeiter
  8. Vertriebsleiter
  9. Fahrer
  10. Ärzte/Medizinische Berufe (kein Pflegepersonal)

*Auch hier finden wir keine wirkliche Differenzierung im Handwerk. Es entsteht auch der Eindruck, dass in Deutschland unter “Fachkräfte” sehr stark leitende Positionen gemeint sind. Die Anzahl der Befragten ist mit 1000 im Vergleich mit Österreich gering – gemessen an der Bevölkerung.

Neben den direkten Auswirkungen auf die Unternehmen, werden auch die Gründe für den jeweiligen Fachkräftemangel definiert. Dieses Ergebnis war für mich doch etwas überraschend.


Die Top 5 Gründe für den Fachkräftemangel:

  1. Zu wenige oder keine Bewerber/innen: 35 Prozent
  2. Unzureichende Fachkenntnisse: 34 Prozent
  3. Fehlende Erfahrung: 22 Prozent
  4. Fehlende soziale Kompetenzen: 17 Prozent
  5. Bewerber/innen fordern zu viel Gehalt: 13 Prozent

Angesichts der Tatsache, dass eine der Vorzeigemaßnahmen in Österreich darin besteht, Lehrlinge und Facharbeiter/innen (gerade in Handwerksberufen) über sogenannte “überbetriebliche Ausbildungen” nachzuqualifizieren und dann in den Arbeitsmarkt zu intergrieren, stimmen diese Zahlen nachdenklich. Absolvent/innen aus sogenannten überbetrieblichen Ausbildungen lernen ja in einer Schulungsmaßnahme und nicht in einem Unternehmen. Aus meiner täglichen Praxis mit Bewerber/innen, die eine derartige Ausbildung absolviert haben, weiß ich, dass gerade Grund 2 und Grund 3 immer wieder angeführt werden.

Vergleiche ich die Liste von Manpower mit jenen Berufen, die 2015 noch über das Fachkräftestipendium des AMS subventionniert werden, so ergeben sich doch deutliche Unterschiede.

Das AMS listet nur mehr 5 Branchen auf (früher waren es mehr).

  • Bau, Holz (LAP)
  • Elektrotechnik (Elektro + Mechatronik)
  • Gesundheit / Pflege (Assistenz und Pflegeberufe)
  • Informationstechnologie (Netzwerk, Biomedizinische Technik, Softwarenentwicklung auf HTL und Kollegniveau)
  • Metall (Gebäudetechnik, Gießerei, Schlosserberufe etc.)

Legt man die beiden Listen zusammen (Manpowers Erhebung und die Fachkräftemängelliste), dann kommt man zum Schluss, dass das Fachkräftestipendium im Wesentlichen Punkt 1 und 2,  8 und 10 der Liste abdeckt. Allerdings muss gesagt werden, dass in der Vergangenheit auch immer wieder Fahrerausbildungen gezahlt wurden und Bürokurse veranstaltet wurden. Allerdings wird diese Möglichkeit der Nachqualifizierung auch wieder eingestellt.

Das Thema Fachkräftemangel wird uns sicherlich noch  eine Weile beschäftigen.

Links:

Fachkräftemangel-Studie von Manpower

AMS Fachkärftestipendium / Ausbildungsliste