Miss Ming führt ein Bewerbungsgespräch

Mammuth ist ein französischer Spielfilm der Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern aus dem Jahr 2010. Die Hauptrolle wird von Gérard Depardieu verkörpert. In weiteren Rollen sind Sophie Moreau und Isabelle Adjani zu sehen. Eine besondere Rolle inkarniert die Künstlerin Miss Ming. Sie spielt die Nichte der Hauptfigur und ist eine Art Brut-Künslterin, die hauptsächlich mit Puppen arbeitet. Sie lebt von Sozialleistungen und muss daher ein Vorstellungsgespräch führen, das Gespräch ist ein Musterbeispiel dafür, wie man den “Schein” aufrecht erhält. Ich zitiere:

-” Guten Tag, ich komme wegen der Stelle.”

-“Nehmen Sie bitte Platz. Sie sind, ähhm, Mademoiselle Pillardosse.”

-“Das bin ich, ja. Aber nennen Sie mich ruhig Miss Ming, wenn Sie wollen.”

-“Mmhmm, ja, gut. Tja, also. Sie wissen sicher, wir arbeiten Hand in Hand mit der Stadtverwaltung. Wir führen regelmäßig Reinigungsaufträge für die Stadtverwaltung durch. Abgesehen vom Dienst für die Stadtverwaltung, sind wie auch im privaten Bereich tätig… Haben Sie schon Erfahrung auf diesem Gebiet? Ich meine als Reinigungskraft?”

-“Mhmmmm, habe ich nicht. Ich meine, zuhause bei mir putze ich gern. Und… und… dann wenn ich Leute zum Essen einlade, das sind immerhin meine Freunde, da möchte ich, dass alles sauber ist.

-“Ja, gut. Arbeiten Sie schnell?”.

-“Nein, nicht unbedingt. Ich überlege gern vorher. Ich isoliere mich gern. Mental… Ich hatte übrigens die Idee meinen Lebenslauf mit Menstruationsblut auf Klopapier zu schreiben und dann habe ich auch mal die Idee gehabt eine Skulptur mit den Gedärmen meiner Schweine dran zu bauen. Naja, eigentlich hat mein Onkel Serge die Idee gehabt, der ist nämlich bei mir zu Besuch…”

-“Das ist beeindruckend. Was… haben Sie eine Vorstellung davon, was Sie gerne verdienen würden?”

-“Lassen Sie mich mal überlegen… mhmm… sagen wir mal… 3000. Das ist nämlich meine Glückszahl.”

-“3000…? Ja, ihre Bewerbung interessiert uns, und… und…ich… ich …ich … zögere noch ein ganz kleines bisschen. Ich würde sie daher darum bitten auf uns… ähmm… auf mich  im Nebenzimmer zu warten. In zwei bis drei Minuten werde ich Ihnen das Ergebnis unseres Gesprächs mitteilen. Ja? Machen wir das so?”

-“Ja, einverstanden.mein Herr, ich verabschiede mich dann.”

-“Gut.”

Dreimal dürfen Sie raten. Miss Ming hat den Job nicht bekommen. Als Ihr Onkel sie nach dem Grund der Absage befragt, mein Miss Ming nur lapidar, dass der Chef wohl befürchte, dass sie in der Früh nicht rechtzeitig bei der Arbeit sein könne, da sie zwischen Mitternacht und vier Uhr in der Früh Gedichte schreiben würde.  Onkel Serge, kommentiert diese Absage mit einem lapidaren “So, ein Idiot”.

Wie Sie den/die Bewerber/in absolut verscheuchen…

Vor einigen Wochen schrieb ich anlässlich der Serie: “Wie Sie den Job garantiert nicht bekommen: Zeigen Sie Ihr Holz vor der Hütte”, die am 06.05.2015 um 10:47 von  Andrea Lehky (DiePresse.com) auf den Seiten der Karrierre-Presse gepostet wurde, eine kleine Replique. Vorallem weil ich zunächst schon sehr versucht den Artikel (dem ich über weite Strecken inhaltlich zustimme, mit der Einschränkung, dass es auch sehr auf die Branche ankommt in der man sich bewirbt – Stichwort: Piercings und Tätowierungen) auf meinem Weblog und über Twitter weiter zu verbreiten. Da fielen mir jedoch etliche meiner Bewerber/innen und Kund/innen ein, die von Begegnungen der dritten Art bei Bewerbungsgesprächen erzählten und ich entschloss mich die Gegenseite zu beleuchten. Hier also meine Liste der No-Go’s für Personaler/innen und Recruiter/innen – oder was Sie beachten müssen, wenn Sie einen besonders schlechten Eindruck auf die Bewerber/innen machen möchten:

(1) Lassen Sie die Bewerber/innen mehr als 15 Minuten ohne Angabe von Gründen und Entschuldigung warten. Begrüßen Sie die Bewerber/innen mit einem “Ah, da sind Sie ja!”.

(2) Gerade im Sommer beliebt: Während die Bewerber/innen sich in Schale geworfen haben und die Futterseide des Anzugs oder Kostüms schon an der Kleidung klebt,  ist es aus Kontrastgründen natürlich sehr ratsam, in Flip Flops und Bemuda aufzukreuzen.

(3) Natürlich empfiehlt es sich auch den/die Bewerber/in mit einem Kaffeebecher in der Hand zu begrüßen. Notfalls kann man den/die Bewerber/in damit anpatzen oder den Kaffee über die Unterlagen verschütten.

(4) Suchen Sie sich einen möglichst unbequemen Besprechungsraum –  am besten ein Durchgangszimmer – oder sorgen Sie dafür, dass möglichst viele Telefonate während des Bewerbungsgesprächs durchgestellt werden. Sie wollen ja dem oder der Bewerber/in vermitteln, dass Sie wichtige Dinge zu tun haben.

(5) Bieten Sie dem/der Bewerber/in einen Platz an, kramen Sie den Lebenslauf aus einem Stapel heraus und beginnen Sie damit  den Lebenslauf laut vorzulesen. Kommentieren Sie die einzelnen Positionen laut. Etwa mit “Ahja” oder “Oh weh!”

(6) Erzählen Sie umfangreich über die Firma, wie schwierig die Arbeit ist und wie furchtbar es bei Ihnen zu Hause ist. Lassen Sie kein gutes Haar an einer ehemaligen Firma für die der/die Bewerber/in arbeitete.

(7) Lassen Sie folgenden Satz fallen: “Sie bewerben sich als …., aber eigentlich suchen wir ein/e Mitarbeiter/in, der/die…..” (passendes bitte einsetzen)

Meine damalige Aufforderung “Sie halten diese Hinweise für übertrieben? Mag sein. Freue mich auf weitere “Verhaltensregeln” für Recruiter/innen.” wurde von Andrea Lehky gehört und sie revanchierte sich mit einer Serie just zum Thema. Einfach wunderbar. Vor allem deshalb, weil die von mir gemachten “Vorschläge” auch noch ergänzt wurden.

http://karrierenews.diepresse.com/home/karrieretrends/4744265/Wie-Sie-Ihre-Bewerber-garantiert-vergraulen_13-AntiTipps-fur?_vl_backlink=/home/karrieretrends/index.do

Den ursprünglichen Artikel von Andrea Lehky finden Sie übrigens unter diesem Link: http://karrierenews.diepresse.com/home/bewerbungstipps/bewerbung/4724942/Wie-Sie-den-Job-garantiert-nicht-bekommen_Zeigen-Sie-Ihr-Holz-vor?from=rss&utm_source=twitterfeed&utm_medium=twitter

So wie man in den Wald ruft…

… so schallt es meistens auch zurück. Oder: Warum die immer gleichen Fragen bei Bewerbungsgesprächen zu keinen befriedigenden Antworten führen (können).

https://s3.amazonaws.com/omlv1/blogs/images/000/000/012/original/question-mark-clip-art-010.jpg?1388973381Konsultiert man verschiedene Ratgeber/innen zum Thema Bewerbung und Vorstellungsgespräch, entdeckt man immer wieder, dass dieselben Fragen angeführt werden. Auch auf HRweb.at habe ich   eine Liste gefunden, die ich Ihnen gerne auch an dieser Stelle übermittle. Doch leider führen viele (nicht alle) dieser Fragen zu unbefriedigenden Antworten, schon alleine deshalb, weil man natürlich von den gleichen Bewerbungsratgeber/innen auch die entsprechenden Antworten zur Verfügung gestellt wird. Auch die Autor/in des HR Web Beitrages bestätigt: “Ja, diese Standard-Bewerbungsfragen machen Sinn und können nicht ausschließlich durch mächtig kreative Fragen substituiert werden. Weche Standard-Bewerbungsfragen sind für Sie am sinnvollsten?” (www.hrweb.at,  Eva SELEN am 27. März 2015) Doch bevor ich die auf die Frage eingehe, welche Fragen ich mir wünsche,  hier einmal die Top 10 der Bewerbungsfragen.

  1. Erzählen Sie uns/mir etwas über sich!
  2. Warum haben Sie sich bei uns beworben?
  3. Aus welchem Grund wollen Sie Ihren derzeitigen Arbeitgeber verlassen?
  4. Was wissen Sie über unser Unternehmen / unsere Firma?
  5. Was möchten Sie in drei (fünf oder zehn) Jahren erreicht haben?
  6. Warum denken Sie, die richtige Besetzung für diese Stelle zu sein?
  7. Was sind Ihre persönlichen Stärken und Schwächen?
  8. Was stört Sie am meisten an anderen Menschen und wie gehen Sie damit um?
  9. Was würden Sie gerne verdienen?
  10. Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Einige dieser Fragen sind jedoch so gestellt, dass sie sehr “ins Blaue” zielen und eher an eine “Freischwimmübung” erinnern. Die Aufforderung “etwas über sich zu erzählen” soll natürlich abtesten, ob ein/e Bewerber/in auf den Punkt hinkommunzieren kann. Sie ist jedoch auch eine Freischwimmübung ins offene Meer hinaus – und seien wir mal ehrlich – bei einer delikaten und nervösen Situation, wie einem Bewerbungsgespräch, die einem mehr oder weniger einseitigen Blind-Date ähnelt, ist ein bisschen Hilfestellung für die Bewerber/innen sehr willkommen und kann zu einem echten Gespräch führen. Sollten die Personaler/innen trotzdem auf dem “BEST OF” der Bewerbungsfragen bestehen, kann man ja die Frage “Erzählen Sie etwas über sich!”, die im Grunde eine Aufforderung oder ein Befehl ist, für sich reformulieren. Ich kann mit einem “Ich nehme an,dass Sie auf die ausschreibungsrelevante Erfahrung hinaus wollen…” einleiten, auf eine körpersprachliche oder verbale Reaktion des Gegenübers warten und dann mit dem eigentlichen Text loslegen. Eine Verständnisfrage im Sinne von “Was meinen Sie genau damit?” klingt im ersten Moment verlockend, bewirkt aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass der/die Bewerber/in dem/der Interviewer/in das Heft aus der Hand nimmt. Weniger heftig ist meiner Einschätzung nach eine Alternativfrage im Stile von: “Soll ich bei meiner Ausbildung anfangen oder reichen Ihnen die beruflich relevanten Fragen?”. Wie gesagt, bei jedem Reformulieren der Frage entsteht im Subtext ein Kampf um die Führung im Gespräch. Denn die alte Regel: “Wer fragt, führt?” gilt sowohl bei polizeilichen Einvernahmen als auch bei harmloseren Jobinterviews.

Die Personaler/innen könnten natürlich die Frage mit einer Zielvorgabe versehen. Statt der Aufforderung “Erzählen Sie etwas über sich?” ist auch folgende Frage möglich: “Welche Fähigkeiten und Erfahrungen qualifizieren Sie besonders für diesen Job?”. Die Frage beinhaltet schon das Ziel und geht ein ganzes Stück in Richtung Selbst- und Fremdbild.

Auch die Frage: “Warum haben Sie sich bei uns beworben?” aktiviert bei den meisten Bewerber/innen zunächst die offensichtliche Antwort: “Weil ich den Job will/brauch!?”. Das ist zumindest ein Feedback, das ich in den Trainings immer wieder zu hören bekomme . Nun lernen die Bewerber/innen, dass diese offene und ehrliche Antwort, nicht so gut ankommt und man versucht weiters Ihnen beizubringen, dass die Frage auf die Motivation abzielt, warum man sich überhaupt beim entsprechenden Unternehmen beworben hat.Gleichzeitig will der/die Personaler/in  herauszufinden, was man/frau über das Unternehmen weiß. Die Gefahr ist also sehr groß eine antrainierte Antwort zu bekommen und keine authentische. Ob das im Sinne des/der Interviewer/in sein kann? Auch hier ist das Reformulieren der Frage eine Möglichkeit, aber generell sollten Sie vorsichtig damit sein, da der/die Personaler/in schon mal die Ansicht haben könnte, dass Sie “schwer von Begriff” sind.

Auch die “Stärken und Schwächen”-Frage ist bei vielen Bewerber/innen gefürchtet oder ruft Achselzucken hervor. Die Beschäftigung mit sich selbst ist eine sehr schwierige Aufgabe und führt für viele Menschen zu wenig konkreten Ergebnissen. Daher wundert es nicht, dass Bewerber/innen mit “hin und wieder bin ich zu perfektionistisch” oder “Ungeduld” oder “ich esse zu viel Schokolade” antworten (in meinem Fall wäre das sogar die Wahrheit) Auch bei dieser Frage ist das Risiko besonders stark, eine eintrainierte oder einstudierte Antwort zu bekommen. Ich würde hier eher fragen: “Was ist Ihnen besonders gut gelungen? (Stärken) oder “Was geht Ihnen leicht von der Hand?” (Stärken). Ich bekam einmal die Frage gestellt: “Wo sehen Sie ihre Lernfenster oder ihren Lernbedarf?” Fand ich gut, weil das böse Wort “Schwächen”, das wir so gerne aus dem deutschen Wortschatz verbannen würden, darin nicht vorkam.

Gefährlich ist natürlich die Frage “Was machen Sie in der Freizeit?”. Die Frage kommt sehr unschuldig daher, wird gerne an das Ende eines Gesprächs gesetzt, wo Bewerber/innen sich schon sicher sind, dass der “formale” Teil des Gesprächs absolviert ist. Doch Vorsicht! Das Gespräch ist eigentlich erst dann vorbei, wenn Sie das Gebäude wieder verlassen haben. Bis dahin sollten Sie die Konzentration aufrecht erhalten. Aus den Freizeitaktivitäten lassen sich sehr oft andere Dinge ableiten. Es ist ein Gemeinplatz, dass Teamsportarten Sie leichter als Teamplayer darstellen lassen und nebenbei etwas über mögliche Verletzungen und körperliche Fitness aussagen. Die Frage ist direkt gestellt. Sie sollten als Bewerber oder Bewerberin Ihr nur die richtige Bedeutung beimessen.