Rekrutierung von Lehrlingen ist ja so “easy”…

Rekrutierungsevents sind eine aufwändige, jedoch tolle Sache, wenn es um die Auswahl von zukünftigen Mitarbeiter*innen geht. whatelsen.work möchte nun einige Rekrutierungsevents vorstellen, die besonders interessant waren. Dabei sollen eigene und mittelbare Erfahrungen einfließen. Nach unserem ersten Beispiel, dem OTTO-Versand, bringen wir Erfahrungen aus der eigenen Praxis: Das Lehrlingscasting für einen Gebäudetechniker in Wien: ENGIE Austria

 

Als “Lehrlingsbox” absolvierte ich selbst ein Personalauswahlverfahren für ein großes Gebäudetechnik-Unternehmen in Wien. Wir hielten uns an ein eher klassisches Verfahren. Knapp 230 Bewerber*innen bewarben sich für zwei Lehrberufe – zwei Stellen als “Technische Zeichner*innen” und fünf “Gebäudetechniker*innen”-Stellen”. Der Auftraggeber, ENGIE Austria, übernahm das Ausschreibungsmanagement. Die Bewerbungen wurden an eine eigens bei uns eingerichtete E-Mail-Adresse weitergeleitet.

Natürlich konnte man sich auch direkt bei der “Lehrlingsbox” für die Lehrstellen bewerben. Wir übernahmen indessen auch die Postings in den sozialen Medien.  Das Auswahlverfahren wurde bewusst über einen längeren Zeitraum gezogen, damit möglichst viele Lehrlinge sich bewerben konnten. Der Ansatz war jener des laufenden Trichterverfahrens. Was bedeutet das?

Ganz einfach: Das Rekrutieren samt Basis- und Talentchecks erfolgte laufend. Wir warteten keinen Stichtag ab, um die Kandidat*innen in A, B und C zu unterteilen und mit den A-Kandidat*innen die Checks durchzuführen. Wir entschlossen uns für einen anderen Weg. Das Verfahren war bei jedem Lehrling exakt dasselbe.

Anleihen von Spielen: 4 Ebenen und Level im Aufstiegsmodus

Es gab insgesamt vier Level oder Ebenen. Bereits am Telefon wurden den Kandidat*innen die einzelnen “Level” vorgestellt. Die Auswahl war jetzt weniger ein Event – beinhaltete jedoch Elemente eines Spiels. Die Kandidat*innen mussten nicht nur verschiedene Runden absolvieren, sondern auch zu verschiedenen Standorten kommen – und es wurde klar kommuniziert, dass es sich um ein Aufstiegsszenario handelte.

Eine Runde Basischeck: Die Bewerber*innen arbeiteten sehr konzentriert und gut. Die Ergebnisse waren oft erstaunlich und bestätigten, dass “Schulnoten” nicht der alleinige Gradmesser bei Lehrlingen sein dürfen – vor allem, weil die jungen Menschen unterschiedliche Ausbildungen hinter sich hatten.

Der Aufbau mutet sehr klassisch an, mit dem Unterschied, dass die Diktion des Spiels so gut es ging beibehalten wurde. Folgende Runden mussten die Kandidat*innen absolvieren:

  1.  Telefoninterview mit einem strukturierten Leitfaden
  2. Basischeck bestehend aus Selbsteinschätzung, Mathe und Deutsch mit anschließendem Gespräch, um die Motivation zu hinterfragen und das Lehrbild zu klären.
  3. Talentcheck: Computergestütztes Diagnoseverfahren in den Bereichen Persönlichkeit / Motivation respektive technisches Verständnis
  4. Bericht: Zusammenfassen der Ergebnisse (Gespräche, Lebenslauf, Noten, Ergebnisse der Tests, allgemeine Beobachtungen) und Übermittlung an den Auftraggeber.

Das “Boss-Game” war dann die Einladung zum Vorstellungsgespräch durch den Auftraggeber. Es blieben pro Lehrberuf 12 Kandidat*innen übrig, die an den Auftraggeber weiter geleitet wurden.

Bereits die erste Hürde hatte es in sich

Bereits die erste Hürde war schwierig. Ausnahmslos jede*r Bewerber*in wurde kontaktiert. Wir setzten uns das Limit, dass wir die Bewerber*innen 3 mal anrufen würden. Die Anrufe erfolgten am Nachmittag, da viele Kandidat*innen in der Schule waren. Wurde nach dem dritten Anruf noch immer kein Rückruf verzeichnet, wurde der Kandidat oder die Kandidat*in als Absage gehandelt – egal wie vielversprechend die Schulnoten oder die Bewerbung war. Verlässlichkeit war eines der großen Themen. Erreichte man die Kandidat*innen am Telefon, wurden Fragen zur Motivation gestellt, aber auch zur Nutzung der sozialen Medien (= Infos für zukünftige Recruitings, Motivation etc.) Da potenzielle Lehrlinge noch nicht durch Bewerbungstrainings und Coachings vorbelastet sind, erhielt man relativ authentische Aussagen. Konnte man  das Interesse an der ausgeschriebenen Stelle wahrnehmen, wurden die nächsten Schritte gesetzt, die immer feiner und schwieriger wurden.

Spannende Ergebnisse

Das Ergebnis war spannend: Die Kandidat*innen für den Beruf des Technischen Zeichners brachten durchwegs bessere  Leistungen als die Kandidat*innen für den Bereich Gebäudetechnik. Dies hatte mit dem Image der Ausbildungen zu tun und mit der Erkenntnis, dass viele Bewerber*innen für den technischen Zeichner (m/w) höhere Schulen besuchten. Das Genderthema war ebenfalls spannend. Für den Gebäudetechniker bewarb sich eine einzige Frau.

Klar wurde auch, dass die meisten Lehrlinge sich kreuz und quer auf unterschiedlichste Stellen bewarben. Viele hatten das Berufsbild oder das Unternehmensbild nicht parat. So wurden die Unterschiede zwischen einem technischen Zeichner (m/w) im Bereich Gebäudetechnik im Vergleich zum allgemeinen Bau kaum thematisiert. Dies ist allerdings bei Erwachsenen, die nicht unmittelbar etwas mit dem Beruf zu tun haben, auch so.  Hauptsache eine Lehrstelle, war sehr oft der Tenor der Bewerber*innen. Auch diese Erkenntnis reifte sehr früh in uns und wurde in den Abschlussberichten und Auswahlkriterien berücksichtigt.

Alle Erkenntnisse flossen in die Bewertung des Ablaufes ein.  Ein erster Erfolg kann jetzt schon verzeichnet werden: Von den im Juni ausgewählten Lehrlingen traten alle – bis auf einen – die Lehrstellen an – und das knapp über ein halbes Jahr nach dem Beginn des Recruitings.

 


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Berufseinblick Fotograf: “… bei Facebook werden rund 259.000.000 Fotos pro Tag hochgeladen”

Die Serie “Berufseinblicke” präsentiert Interviews mit Menschen, die mit beiden Beinen fest im Berufsleben stehen. Mit dieser kleinen Serie bietet “whatelsen.work” wertvolle Einsichten und Einblicke in den beruflichen Alltag fernab von Berufsinformationssystemen und allgemeinen Branchenbeschreibungen. Denn nichts ist spannender als der gelebte berufliche Alltag.


Der Beruf des Fotografen hat sich in der letzten Zeit verändert. Die gewerblichen Bestimmungen wurden entschärft, auch die Technologie entwickelt sich rasant. Handyfotos konkurrieren etwas hemmungslos mit professionell gemachten Passfotos bei Lebensläufen. Ein Grund mit einem Profi zu sprechen. Stephan Rökl ist selbständiger Fotograf in Wien und gab Auskunft über seinen Beruf, erzählt wie sich Qualitätsstandards verschoben haben und vertritt die Meinung, dass sich Qualität durchsetzt.

whatelsen: Danke, dass Sie Zeit für dieses kurze Interview haben. Würden Sie für die Leser/innen Ihren beruflichen Werdegang skizzieren.

Stephan Rökl: Sehr gerne. Ich bedanke mich für die Gelegenheit ein wenig über meinen Beruf und über meine Arbeit erzählen zu können. Ich beschäftige mich seit 1995 mit der Fotografie. Zu diesem Zeitpunkt habe ich aufgehört, ausschließlich den Automatikmodus meiner Kamera zu verwenden und drauf los zu knipsen. Ich begann mich mit der Kamera

Stephan Rökl Selbständiger Fotograf in Wien

Stephan Rökl
Selbständiger Fotograf in Wien

und der Technik, die dahinter steckt, auseinander zu setzen, denn ich wollte schöne Bilder machen. Ich machte die Ausbildung zum Fotokaufmann und arbeitete gut zehn Jahre als Angestellter bei der Hartlauer Handels Ges. m.b.H. u.a. in der Fotoabteilung. Durch den Verkauf lernte ich viel über Technik, Equipment und die verschiedenen Kamerasysteme. Ich fotografierte neben meiner Arbeit und entwickelte meine Technik. 2010 gewann ich den Publikumsbewerb „So schön ist Wien“.

2011 absolvierte ich die Lehrlingsausbildnerprüfung und 2012 machte ich die Meisterprüfung als Fotograf mit Auszeichnung. Inzwischen gibt es diese Prüfung nicht mehr. Jetzt kann man eine sogenannte QAP – Prüfung ablegen (Qualified Austrian Photographer).

2013 gründete ich mein eigenes Unternehmen und startete in die Selbstständigkeit mit “Foto Roekl e.U”.   Seit damals arbeite und lerne ich hauptsächlich selbstständig, ohne mich jetzt in eine Richtung zu spezialisieren. Das klassische Hochzeitsfoto ist mir genauso ein Anliegen, wie die Produktfotografie oder der Akt. “Learning by Doing“ – und ständige Weiterbildung sind wichtig, da gerade in der Fotografie das Motto gilt: „Wer stehen bleibt, geht zurück“. Man muss sich ständig auf dem Laufenden halten, um nicht plötzlich als veraltet zu gelten. Fotokurse können natürlich auch helfen. Es ist immer gut von jemand anderem, der sein Handwerk versteht, konstruktive Kritik zu bekommen. Inzwischen leite ich auch selbst am WIFI Wien Kurse und Workshops.

whatelsen: Wieso haben Sie sich in wirtschaftlich schweren Zeiten selbständig gemacht?

Stephan Rökl:  Es gibt aus meiner Sicht keine „sicheren Jobs“ mehr; das gilt auch für den Angestelltenbereich. Mir ist niemand bekannt, der einen sogenannten sicheren Arbeitsplatz hat. In den zwölf Jahren als Angestellter habe ich mehr Mitarbeiter, Bereichsleiter, Gebietsleiter, Zentralangestellte kommen und gehen sehen, als mir lieb war.

whatelsen: Hatten Sie beim Prozess des Selbstständigmachens Unterstützung? Wenn ja, von wem?

Stephan Rökl: Ja, ich hatte Hilfe von meiner Mutter, Freunden und Google. Wobei der Prozess wesentlich einfacher als gedacht ist. Es gibt inzwischen bei der WKO eigene Stellen und Kurse. Dort erfährt man, was man tun muss, wohin man gehen muss, um selbstständig zu werden. Auch bekommt man Tipps, was man tun muss, um anfangs gefördert zu werden. Ich kann auch alle Menschen beruhigen, die an eine Selbstständigkeit denken. Sobald Ihr den Gewerbeschein habt, kommen Steuer, SVA etc. zu Euch. Ob Ihr es wollt oder nicht (lacht). Nein, im Ernst. Man sollte genau berechnen, wie viel Umsatz man braucht und sich über Steuer und Sozialversicherung informieren. Ein Businessplan kann nicht schaden.

whatelsen: Was sind derzeit die größten Herausforderungen des Fotografenberufes?

Stephan Rökl: Kundengewinnung und Akquise. Doch bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Viele würden sagen, dass es durch die Öffnung des Gewerbes zu viele Fotografen gibt. Klar, ist das ein Faktor. Die Konkurrenz  wurde größer. Doch das ist nicht das Hauptargument. Ich sehe das so: Diejenigen, die jetzt offiziell fotografieren, hätten das vorher auch schon gemacht. Es gibt also nicht mehr Mitbewerber als vorher. Klar, gibt es welche unter Ihnen, die Preisdumping betreiben. Doch Kunden, die für ein Produkt oder eine Dienstleistung nur einen Bruchteil des gerechtfertigten Preises zahlen wollen, wären auch nicht zu mir gekommen, wenn es keine Billiganbieter geben würde.

Meiner Meinung nach, hat sich, aufgrund der technischen Entwicklung der Kameras, Smartphones, Videokameras, Drohnen, Actioncams und was es da noch alles gibt, die Qualität der Fotos inzwischen soweit verbessert, dass es für viele ausreichend ist. Der Anspruch an Qualität, oder sogar hohe Qualität, hat stark nachgelassen. Ich gebe zu bedenken, dass alleine bei Facebook rund 259.000.000 Fotos pro Tag hochgeladen werden. Da liegt die größte Herausforderung. Man muss also Kunden gewinnen, die bereit sind für ein Handwerk und eine höhere Qualität zu zahlen.

whatelsen: Wie schätzen Sie die Zukunft des Berufsstandes ein? Wie sehen Sie die Jobchancen in der Branche?

Stephan Rökl: Ich glaube, dass sich Qualität durchsetzen wird. Noch wichtiger ist der Bekanntheitsgrad. Er ist natürlich ein wichtiger Faktor für Aufträge. Und viele Aufträge sind wichtig für Arbeitsplätze. Man kann natürlich auch jetzt pessimistisch sein und sagen, dass alles auf der Welt bereits von irgendjemanden fotografiert wurde. Wozu gibt es uns dann noch? Glücklicherweise haben viele Menschen neue Ideen und Vorstellungen, auch die (technischen) Möglichkeiten (vorausgesetzt man beherrscht oder besitzt sie) verbessern sich. Ein Kunde braucht das gleiche Produkt vielleicht noch einmal fotografiert, aber anders als es bereits in der Datenbank vorhanden ist und da gilt es dann als Fotograf präsent zu sein.

whatelsen: Was würden Sie Menschen raten, die daran denken, sich als Fotograf selbständig zu machen?

Stephan Rökl: Ja, versuchen Sie es. Informieren Sie sich genau. Holen Sie sich den Gewerbeschein und versuchen Sie sich neben Ihrem Hauptjob als Fotograf oder Fotografin. Bedenken Sie nur Folgendes:  Sie arbeiten selbst und ständig. Von 100% sind jedoch nur 2-5% Prozent reines Fotografieren. Der Rest besteht aus Fortbildung, Marketing, Buchhaltung & Büroarbeiten, Kundenaquise, Recht etc.

whatelsen: Eine abschließende Frage. Was ist Ihr größter Wunsch als Einzelunternehmer an die Politik / Gesellschaft?

Stephan Rökl:  An die Politik … Eindeutig! Reduzierung der Mindestbeiträge der SVA. Es werden zwar Verbesserungen bis 2018 kommen, jedoch sind diese erst der erste Schritt in die richtige Richtung. An die Gesellschaft… Die Bitterkeit von schlechter Qualität lebt so lange wie das Bild selbst. Hingegen wird die Freude über einen niedrigen Preis bald vergessen sein.

whatelsen: Ein schöner Abschlusssatz. Ich bedanke mich vielmals für das Gespräch und wünsche Ihnen auf Ihrem Weg alles Gute!

Stephan Rökl: Danke auch.


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