Good News: 40.000 mehr Jobs in Wien bis 2022

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Gute Nachrichten sollte man schnell in Umlauf bringen. Laut Wirtschaftskammer werden die Wiener Betriebe bis ins Jahr 2022 rund 40.000 neue Jobs schaffen. Diese Zahlen basieren auf der Bildungsbedarfsanalyse 2017, die seit 2013 jedes zweite Jahr erhoben und präsentiert wird. Das Hauptaugenmerk der Untersuchung liegt auf der Frage, welche Bildungsabschlüsse in den kommenden fünf Jahren von den Wiener Unternehmen besonders nachgefragt werden. Die Untersuchung befragte mehr als 1500 Unternehmen in allen Branchen und Sparten. Die befragten Unternehmen repräsentieren zirka 100.000 Arbeitnehmer*innen.

Wiens Unternehmen brauchen in den nächsten fünf Jahren zusätzliche 40.000 Mitarbeiter*innen. Besonders gefragt sind HTL- und Fachhochschulabsolvent*innen mit einem speziellen Augenmerk auf Fremdsprachenkompetenzen.

Auch österreichweit sei der Trend positiv: Der KURIER berichtete Anfang September, dass in ganz Österreich bis Ende 2021 228.000 neue Jobs geschaffen werden würden –  und die Arbeitslosigkeit fallen würde:

“Eine Prognose des Synthesis-Instituts im Auftrag des AMS, die dem KURIER vorliegt,  geht sogar bis einschließlich 2021 von einer sinkenden Arbeitslosigkeit aus. Bis 2021 dürfte die Quote demnach auf 8 Prozent sinken. Hauptgrund ist die anziehende Konjunktur in und um Österreich: Die Nachfrage der Unternehmen steige daher rascher als das Angebot an Arbeitskräften. So werde der Personalbedarf heimischer Unternehmen bis dahin um 228.000 Menschen zunehmen, was zu einem Rückgang der Arbeitslosen um 28.100 Personen führen könnte.”

Dauerbrenner: Lehrstellen

Der Bedarf an Lehrlingen wird laut der Bildungsbedarfsanalyse steigen. Dies liegt vor allem daran, dass Lehrstellen nicht besetzt werden können, da “geeignete” Lehrlinge fehlen. Insgesamt sind die Zahlen bei der Lehrlingsfrage sehr unterschiedlich. Knapp 10 Prozent der befragten Unternehmen sprechen sogar davon, dass es ein Überangebot an Lehrlingen gäbe, 34 Prozent sprechen von zu wenig passenden Lehrlingen. Dies erklärt vielleicht warum 2016  in Wien alleine 600 Lehrstellen nicht besetzt wurden. Den 600 unbesetzten Lehrstellen stehen 16.800 Lehrlinge in 4000 Betrieben gegenüber. In diesem Zusammenhang monieren die Vertreter*innen der Wirtschaftskammer, zum wiederholten Male, fehlende Kenntnisse bei den Basiskompetenzen wie Lesen, Rechnen etc. Auch das Polytechnikum wird in diesem Zusammenhang kritisiert.

Da verwundert es nur wenig, dass knapp 50 Prozent der befragten Betriebe glauben, dass Lehrlinge aus den Bundesländern besser seien, als jene in Wien. Diese These ist angesichts der Zusammenstellung der Nationalmannschaft der Jungfacharbeiter*innen für die diversen World und Euroskills nicht ganz von der Hand zu weisen.

Positiv ist noch zu vermerken, dass das Stichwort “Karriere mit Lehre” weit mehr ist als eine charmante Floskel. In 29 Prozent der Fälle würden ehemalige Lehrlinge Führungsaufgaben übernehmen.

Welche Lehrberufe werden nachgefragt?

Mit Ausnahme der Branche “Transport und Verkehr” steigt die Nachfrage nach Lehrlingen in allen Bereichen. Besonders erfreulich ist, dass man in den Sparten Industrie, Handel und Information resp. Consulting mit einem Plus von über 20 Prozent rechnet. In absoluten Zahlen ist das Gewerbe jener Zweig mit dem stärksten Anstieg. Immerhin rechnet man mit einem Plus von 143 Lehrlingen in den nächsten Jahren.

Quelle: Bildungsbedarfsanalyse 2017 / WKO

Karriere mit AHS-Matura?

AHS-Absolvent*innen haben nach wie vor ihre Chance auf dem Arbeitsmarkt. Überbewerten solle man die Matura allerdings nicht. Die AHS-Matura alleine reiche heute kaum mehr aus, um einen Job zu finden. Die Studie formuliert diesen Sachverhalt relativ drastisch:

“Absolventen von allgemeinbildenden höheren Schulen sollten nicht damit rechnen, dass sie in den Wiener Betrieben Arbeitsplätze vorfinden, die ihre Ausbildung voraus setzen und somit die Betriebe Arbeitsplätze ausdrücklich für sie vorgesehen haben. Lediglich 22% (2015: 16%) der Unternehmen geben an, dass es Posten gibt, deren Stellenbeschreibung explizit einen Absolventen dieses Schultyps vorsieht. 18% der Betriebe planen in 3 bis 5 Jahren mehr Absolventen von allgemeinbildenden höheren Schulen zu beschäftigen, 7% planen die Einstellung von weniger AHS Absolventen. Diese „Bilanz“ für AHS-Maturanten lässt sich aber aus Sicht der Personalisten der Betriebe durch ein Technikstudium verbessern.” (Bildungsbedarfanalyse 2017; Seite23)

Die Kombination aus AHS-Matura (aufgrund der vermittelten Allgemeinbildung) mit  einem anschließenden Technik-Studium seien eine gute Kombination und ein ziemlicher Jobgarant. Da die Matura alleine nicht reicht, denkt die Wirtschaftskammer laut darüber nach,  Maturant*innen den Zugang zu einer verkürzten Lehre zu erleichtern.  Somit würde die Lehre für Absolvent*innen einer allgemein höheren Bildungsanstalt sicherlich schmackhafter.

Hoffnung für ungelernte Kräfte – und hohe Nachfrage nach FH-Kräften

Aber auch für ungelernte Kräfte besteht Hoffnung. Die Bildungsbedarfsanalyse verzeichnet in den nächsten 5 Jahren ein Plus von 2,9 Prozent in diesem sehr speziellen Sektor. Dies würde bedeuten, dass ein Bedarf von knapp 3.300 zusätzlichen Kräften für ungelernte Tätigkeiten besteht. Bedenkt man, dass Flüchtlinge sehr oft zu den ungelernten Kräften gehören, kann man hier von einer sehr guten Nachricht sprechen. Es verwundert nicht, dass die FH-Absolvent*innen die am stärksten nachgefragte Gruppe sind. Hier rechnet man mit einem Plus von 20,2 Prozent, was 6.600 zusätztliche Mitarbeiter*innen mit FH-Abschluss bedeuten würde.

Macht uns die Automatisierung einen Strich durch die Rechnung?

Parallel zu diesen erfreulichen Berichten und Zahlen tauchen in letzter Zeit verstärkt Berichte und Studien auf, die nahelegen, dass eine zunehmende Automatisierung und Digitalisierung einen großen Einfluss auf den Arbeitsmarkt haben werden. Das Onlinemedium “Addendum” greift – wie viele andere – eine aktuelle IHS-Studie auf:

“Laut IHS wackeln 360.000 Arbeitsplätze. Eine Zahl, die nach unseren Einschätzungen womöglich zu niedrig angesetzt ist. Wendet man die Ergebnisse des IHS nämlich auf die Lohnsteuerstatistiken an, die alle Fälle auflistet, in denen im Jahr 2015 Lohnsteuer gezahlt wurde, zeigt sich, dass rund 432.000 Arbeitsplätze von Automatisierung bedroht sind. Zur Einordnung der Dimension: Im Oktober 2017 waren etwa 316.000 Personen in Österreich arbeitslos.” (addendum: Automatisierung)

Es ist natürlich interessant, dass die verstärkte Digitalisierung und Automatisierung ein Mehr an Informatiker*innen und Ingenieur*innen benötigt. Dies wird sowohl von IHS als auch von der Bildungsbedarfsstudie bestätigt. In den beiden genannten Bereichen herrsche schon jetzt ein Unterangebot von 36 Prozent (Informatik) respektive zirka 41 Prozent bei den Ingenieur*innen. Gerade das Thema Automatisierung zeigt, dass der Arbeitsmarkt in Wien, aber auch in Österreich, immer dynamischer wird. Neue Fragen zur Arbeitsplatzsicherung, zur Aus-und Weiterbildung, aber auch zur Arbeitslosigkeit und zum Thema Lohnarbeit an sich werden uns in den nächsten Jahren beschäftigen.

Der Wiener Arbeitsmarkt 2016 – ein Ausblick

schild_arbeitsmarktDas Jahr 2015 war für den Wiener Arbeitsmarkt ereignisreich. Die Zielpunktpleite und ständig steigende Arbeitslosenzahlen waren dicke Pinselstriche auf einem düsteren Bild. Die Wirtschaftsforscher/innen zeichnen für 2016 in hoffnungsvollem Pastell und hoffen, dass eine gewisse Wirtschaftserholung sich positiv auf den Arbeitsmarkt  auswirkt. Im Mai 2015 schien das Bild noch wesentlich düsterer. AMS-Chef Johannes Kopf sprach damals sogar davon, dass österreichweit im Jänner 2016 mit 500.000 Arbeitslosen zu rechnen sei, wobei natürlich ein großer Teil auf Wien entfällen würde.

Der Wiener Arbeitsmarkt – kurz skizziert

Wien ist mit 23% aller unselbständigen Beschäftigungsverhältnisse die “größte Leinwand” auf dem österreichischen Arbeitsmarkt. Wien ist auch weiterhin ein attraktiver Arbeitsort für rund 250.000 EinpendlerInnen aus den umliegenden Bundesländern. Zusammengefasst:  Wien ist also DER Jobmotor Österreichs.

Besonderheiten und Herausforderungen

Seit einigen Jahren – und diese Entwicklung hält mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch 2016 nach wie vor an – wird der Wiener Arbeitsmarkt durch eine, auf den ersten Blick, paradoxen  Entwicklung charakterisiert: Einer steigenden Beschäftigung steht eine ebenso steigende Arbeitslosigkeit gegenüber.

Leider liegen nach für 2015 keine definitiven Zahlen vor. So hatte Wien auch im vergangenen Jahr einen Anstieg des Arbeitskräftepotenzials zu verzeichnen, und zwar um 2,2%. Bis zum Dezember 2014 stieg die Beschäftigung in Wien auf insgesamt 795.979 Beschäftigte (fast 50% davon Frauen). Das war ein Zuwachs von 0,6 % gegenüber dem Vorjahr (2013). Trotz der steigenden Beschäftigung war aber das Wirtschaftswachstum (+ 0,7 %) zu gering, um das größer werdende Arbeitskräftepotenzial am Arbeitsmarkt aufzunehmen.  Deshalb gab es auch eine Zunahme der Arbeitslosigkeit. Im Jahresschnitt 2014 waren 101.404 Personen arbeitslos, das sind gegenüber dem Jahr davor + 14.174 Personen (+ 15,7%). Wesentlicher Aspekt dabei: Mehr als die Hälfte der Wiener Arbeitslosen hat maximal Pflichtschulabschluss. Bei jenen Wienerinnen und Wienern, die keinen höheren Abschluss haben als den einer Pflichtschule, liegt die Arbeitslosenquote heute bei 32,1 Prozent, bei Menschen mit Lehrabschluss liegt sie nur noch bei 9,8 Prozent. Für 2015 wird die Situation sich ähnlich darstellen.

Eine aktuelle Studie (Alteneder & Frick, 2015) wirft einen Blick bis ins Jahr 2019. Laut dieser Studie verzeichnet Wien bis 2019 sowohl den stärksten absoluten (+33.600) als auch relativen (+4,3%) Beschäftigungszuwachs im ganzen Land und liegt somit klar über dem Österreichschnitt (+3,9%). Der hohe Beschäftigungszuwachs in Wien liegt im anhaltenden starken Bevölkerungswachstum und der Attraktivität als urbaner Raum mit Dienstleistungszentrum. Natürlich ist Wien auch ein Anziehungspunkt für Arbeitskräfte aus den Bundesländern und dem Ausland. Trotz dieser vermeintlichen Attraktivität fällt laut derselben Studie die Arbeitslosigkeit bis ins Jahr 2019 in der Region Ost (Wien, Niederösterreich und Burgenland) österreichweit am heftigsten aus. Allerdings ist die drastische Erhöhung der Arbeitslosigkeit in Wien auch auf den Rückgang der Schulungen zurück zu führen. Dieser Effekt wird uns sicherlich auch 2016 noch beschäftigen. Die Gruppen mit den höchsten Arbeitslosenzugängen sind bsi 2019 Menschen im Alter von 30-40 (für Wien), Arbeitssuchende, die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen. Aber auch Akademiker/innen werden relativ gesehen sehr starke Zuwächse haben.

Die aktuellen Wirtschaftsprognosen verdeutlichen die Problematik: In Wien wird die Beschäftigung bis 2016 zwar weiter wachsen. Der Großteil fällt dabei allerdings auf wissenschaftliche Berufe im Bereich Technik und Naturwissenschaften sowie auf qualifizierte Gesundheitsberufe. Im „Dienstleistungs-Bundesland“ Wien wird es kaum zusätzliche Nachfrage nach Personen mit maximal Pflichtschulabschluss geben. Gering qualifizierte ArbeitnehmerInnen werden es also in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt noch schwerer haben. Insgesamt rechnen Alteneder & Frick (2015) mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit in Wien um weitere 15 Prozent (österreichischer Schnitt 9%), was in absoluten Zahlen ein Plus von 17.500 Personen ist. (Ausblick bis 2019)

Update: Laut einer Publikation des AMS “Der österreichische Arbeitsmarkt im Jahr 2016 – Eine Vorschau Arbeitslosigkeit in Wien 2016″ wird die Arbeitslosigkeit in Wien voraussichtlich ein Plus von 13.000 Menschen haben.

 

ams grafikDas Diktum bleibt also: Die Zahlen steigen, wenn auch vielleicht nicht ganz so stark wie befürchtet, obwohl die Zahl der meldeten Stellen deutlich gestiegen sei. Im Dezember 2015 habe das AMS 21 Prozent mehr Stellen im Gesamtbestand gehabt als ein Jahr zuvor (=12/2014). Allerdings sagt dies nichts über das Matching aus (Kandidat/innen, die tatsächlich auf die Stellen passen) noch etwas über die Qualität der Stellen aus (Vollzeitäquivalent etc.).

Beschäftigung nach Branchen

Klassischen Zuwachs gibt es österreichweit in der Dienstleistung. Es sind die üblichen Verdächtigen, die wachsen: Gesundheit- und Soziales, Verwaltung, Hotel und Gastronomie. Aber auch die Kommunikationsbranche ist positiv. Allerdings ist sich die Studie sicher, dass es kein Plus an Arbeitsstunden geben wird. Dies bedeutet, dass es zwar mehr Jobs geben wird, diese jedoch vorwiegend in Teilzeit ausgeschrieben werden. (Alteneder & Frick, 2015). Die Branchen, die am Abklingen sind, kommen aus den fast schon klassischen Bereichen Produktion und Bau. Auch der Banken- und Finanzbereich wird schrumpfen. Die Ankündigungen rund um die Bank Austria sind da nur ein weiteres Indiz für diese Aussage. Insgesamt geben die Studienautor/innen für Wien ein Plus von 5.100 Jobs in Wien an. In Niederösterreich kämen noch 4.800 dazu. Diese Zahlen scheinen niedrig. Dahinter versteckt sich eine irrsinnige Dynamik. In Österreich herrscht ein verhältnismäßig wenig mobiler, aber dafür sehr flexibler Arbeitsmarkt. Laut Alteneder & Frick wird jedes zweite Dienstverhältnis innerhalb eines Jahres aufgelöst. Außerdem ist die Beschäftigung in Wien bereits auf einem sehr hohen Niveau. Gut eine 3/4-Million Menschen stehen in Wien in Beschäftigung.

Arbeitsmarktbarometer von Manpower

Eine zeitnah erstellte Prognose ist der Manpower Arbeitsmarktbarometer. Dies sieht für das erste Quartal 2016 ebenfalls einen Beschäftigungsanstieg an: “Ein leichter Trend zu Neueinstellungen zeigt sich in Wien. Es wird für das 1. Quartal 2016 ein Beschäftigungsausblick von +3% erwartet. Gegenüber dem vergangenen Quartal erhöhen sich die Jobchancen in Österreichs Bundeshauptstadt um 2 Prozentpunkte und bleiben im Jahresvergleich relativ stabil.” Zehn Branchen wurden befragt. Österreichweit sind folgende Branchen die absoluten Gewinner. In diesen “Sektoren”, wie es die Studie nennt, wird es zu einem Beschäftigungsplus im Vergleich zum letzten Quartal 2015 kommen. An erster Stelle liegen Gastronomie und Hotellerie mit einem Plus von 18 Prozentpunkten. Aber auch die Energieversorgung rechnet mit einem Plus von 9  Prozentpunkten und auch im Bereich Finanzwesen und Dienstleistungen werden um 5 Prozentpunkte mehr Personal eingestellt. Dies widerspricht ein wenig den Zahlen von Alteneder & Frick – allerdings umfasst der “Sektor” Finanzwesen auch Dienstleistungen.  Außerdem sei vermerkt, dass sich die Zahlen von Manpower auf ganz Österreich beziehen. Die Verlierer sind der Handel (was nach dem Weihnachtsgeschäft klar ist), der Bau mit einem Minus und die Güterproduktion ebenfalls mit einem Minus. Dies trifft sich auch mit den Angaben, die das AMS für 12/2015 machte: “Nach wichtigen Branchen betrachtet, lag der Zuwachs der Arbeitslosigkeit im Bau bei 6,1 Prozent, in der Warenproduktion bei 8,1 Prozent, im Einzelhandel bei 10,9 Prozent und in Hotellerie und Gastronomie bei 15,5 Prozent.”  Ausreißer ist jedoch die Gastronomie, die von Manpower als positive Branche für 2016 gesehen wird.

Welche Maßnahmen werden gesetzt um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen?

Um der Arbeitslosigkeit von wenig Qualifizierten etwas entgegenzusetzen beginnt mit dem Schuljahr 2016/2017 die Ausbildungspflicht bis 18. Jede/r Jugendliche nach der Pflichtschule soll verpflichtend eine weiterführende Bildung oder Ausbildung besuchen. Diese Ausbildungspflicht ist laut Sozialministerium notwendig um der steigenden Arbeitslosigkeit besonders im Bereich der gering qualifizierten Arbeiter/innen entgegen zu wirken.

 Auch soll die Steuerreform und die vermehrten Ausgaben in der Flüchtlingspolitik zu einem Wachstum von ca. 1,6 respektive 1,7 Prozent ausmachen. Darüber sind sich WIFO und IHS einig (Artikel: Der Standard). Allerdings steht dieses Wachstum auf wackligen Füßen. (1) “Das Wirtschaftswachstum wird leicht ansteigen durch die Flüchtlinge – allerdings auch finanziert aus öffentlichen Geldern. Das kommt nicht aus der Wertschöpfung, sondern aus Steuern und Abgaben.” (Quelle: Finanzminister Schelling in einem Interview) (2) Durch den Zuzug vieler Menschen wird der vermeintliche Effekt des Wirtschaftswachstums wieder aufgefressen. Johannes Kopf sprach als AMS Vorstand sogar von einem Bedarf von 3,5 Prozent Wachstum um diesen Effekt aufzufangen und neue Arbeitsplätze zu schaffen. (Zitat: “Die alte Formel, dass ab zwei Prozent Wachstum die Arbeitslosigkeit sinkt, ist in der aktuellen Situation Unsinn. Momentan würden wir ein Wachstum von 3,5 Prozent brauchen, damit die Arbeitslosigkeit sinkt – das ist utopisch.” Quelle: Die Zeit). Generell wird von der u.s.-amerikanischen Ratingagentur Moody’s ein Wachstum von 1,2 Prozent für Österreich vorausgesagt. “Die Ratingagentur Moody’s erwartet weiterhin eine gedämpfte Entwicklung des Wirtschaftswachstums in Österreich. Bis 2019 soll laut einem in der Nacht auf Freitag veröffentlichten Bericht das Wachstum bei durchschnittlich 1,2 Prozent liegen.”  (Kleine Zeitung 18. 12. 2015).
Die Stadt Wien selbst versprach auch weiterhin Investitionen zu tätigen, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Dies führe natürlich zu neuen Schulden. Dieses Unterfangen wurde von der Opposition stark kritisiert. Für die regierenden Parteien ist der Kurs jedoch alternativlos. Wien investiere, so heißt es in den Debatten, die Anfang Dezember 2015 geführt wurden,  in beschäftigungsintensive Bereiche, setze bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen auf soziale und ökologische Vergabekriterien und sei zum „Rekordhalter“ bei Unternehmensgründungen. Laut ORF Online stehen 2016 Gesamtausgaben in der Höhe von 13,103 Mrd. Euro zu Buche, die Einnahmen werden mit 12,590 Mrd. Euro beziffert. Durch die klaffende Lücke klettere der Schuldenstand auf nun insgesamt 5,464 Mrd. Euro.
Das Arbeitsmarktservice schichtet auch seine Förderungen um. Von den ursprünglich 250 Millionen, die für Beschäftigungsprojekte und Förderungen in der Zielgruppe 50 plus für das Jahr 2016 bis 2017 reserviert waren, werden ca. 100 Millionen für Maßnahmen und Förderungen bei Langzeitarbeitslosen (>1 Jahr) eingesetzt.
Allerdings bleibt die Aufforderung von Wifo-Chef Karl Aiginger, dass man sich überlegen müsse, wie man mit weniger Wachstum mehr Jobs erziele, eine Aufgabe, die erst gelöst werden muss.

Quellen:

  • www.waff.at
  • www.sozialministerium.at
  • www.derstandard.at
  • www.kleinezeitung.at
  • Wolfgang Alteneder, Georg Frick (Autoren). Arbeitsmarktservice Österreich (Hrgb): Ausblick auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in Österreich bis zum Jahr 2019. Mikrovorschau März 2015. AMS 2015.
    Wolfgang Alteneder, Georg Frick (Autoren). Arbeitsmarkstervice Österreich (Hrgb):  Beschäftigung und Arbeitslosigkeit für den Zeitraum 2015/2016 (Vorschau auf den österreichischen Arbeitsmarkt 2015/2016)

Ein AMS-Chef spricht Klartext

AMS Vorstand Johannes Kopf

AMS Vorstand Johannes Kopf

ArbeitsMarktService-Vorstand Johannes Kopf in einem offenen ZEIT-Interview

Es ist fast schon eine journalistische und publizisitische Binsenwahrheit. Will man offene Statements zur österreichischen Innenpolitik lesen, sollte man eher Zeitungen und Zeitschriften aus dem Ausland oder wirklich unabhängige Magazine im Inland konsultieren.

Die hamburgische Wochenzeitung “Die Zeit” liefert nicht nur die wöchentliche bisweilen scharfzüngige Kolumne von Alfred Dorfer, sondern auch gute Interviews und Artikel zu Österreich. In der Ausgabe 49/2015 findet sich ein längeres Interview mit AMS-Vorstand Johannes Kopf.

Natürlich ist die Pleite der Supermarktkette “Zielpunkt” der Opener des Interviews. Große Firmenpleiten sind stets besorgniserregend. Spannend ist jedoch, dass Kopf fast schon nebenbei erwähnt, dass 60.000 Menschen im Handel einen Job suchen und somit die Zielpunkt-Pleite in gewisser Weise der vorläufige Höhepunt einer negativen Entwicklung darstellt. Kopf erwähnt jedoch mit keinem Wort, dass  gerade der Handel eine Vorreiterbranche ist, wenn es darum geht Vollzeitarbeitsplätze in Teilzeitarbeitsplätze umzuwandeln.  Es ist zwar  für viele tröstlich, dass der AMS-Vorstand am Ende des Interviews die Meinung vertritt, dass man von einem Vollzeitjob leben können sollte – nur befürchte nicht nur ich – dass dieser Wunsch immer mehr ein frommes Lippenbekenntnis wird. (Zitat Kopf: “Den Grundsatz, dass man von einem Vollzeitjob an sich leben können soll, den sollten wir verteidigen und nicht leichtfertig aufgeben.”).

“Die Dynamik ist das Entscheidende” – Kurzzeitjobs statt Dauerarbeitslosigkeit

Die stetig ansteigenden Arbeitslosenzahlen sind ein gerne angebrachtes Argument in Diskussionen mit oder rund um das AMS. Doch auch hier relativiert Kopf die Sichtweise und bringt eine interessante Darstellung. Bei den aktuellen Arbeitslosenzahlen herrscht eine gewisse Rotation. Kopf ist der Meinung, dass von den 430.000 arbeitslos gemeldeten Menschen am Ende des Monats fast ein drittel weg sein wird und durch “neue” oder “wiederkehrende” ersetzt werde. Dynamik ist überhaupt ein wichtiges Ziel. Dem Arbeitsmarktservice sind 4 Menschen lieber, die jeweils 3 Monate einen Job haben, als nur eine Person, die über ein Jahr lang in die Arbeitslosenversicherung einzahlt. Würde man dies zynisch umschreiben, könnte man behaupten, dass das AMS eine Art Arbeitslosensharing bevorzugt.  Kopf spricht im Interview davon, dass das AMS “die Betroffenheit verteile”. Allerdings versteckt sich dahinter ein Modell, das tatsächlich von einigen Unternehmen gelebt wird. Statt Kurzarbeit gibt es Kurzarbeitslose – so zum Beispiel in der “Breitenfeld Edelstahl AG” in der Steiermark, wo je nach Auftragslage eine Schicht für einen Monat gekündigt wird. Verbessert sich die Lage nicht, kommt eine andere Schicht im Folgemonat dran. Auch in einer aktuellen Stunde im Salzburger Landtag berichtete 2009 die damalige Landeshauptfrau Gabi Burstaller von dieser Art der Arbeitsplatzsicherung. Zumindest schien es ein Modell der Überbrückung: “Ungefähr 800 Menschen, die hoffen, dass sie nach dieser Kurzkündigungszeit, die sie vereinbart haben im Betrieb, eine Chance bekommen, im Betrieb weiter zu arbeiten. Dafür brauchen wir aber volle Auftragsbücher. Denn sonst wird aus der Kurzzeitkündigung vielleicht eine Dauerkündigung. Und da sind wir in der Politik auf allen Ebenen – Gemeinde, Land, Bund, auch Europäische Union – gefragt, zu investieren, damit sich eine Trendwende endlich abzeichnet.”

Die NEET-Gruppe

Die AMS jobwerkstatt WEST (ein Aktivierungsprojekt in Wien, durchgeführt von BEST Training, Weidinger & Partner sowie murad&murad)   bekam den Auftrag die Gruppe der 21 bis 24-jährigen Arbeitssuchenden aus Wien zu betreuen. Verknüpft man diese Info mit den Ausführungen des AMS-Vorstands wird das Motiv klar. Der Hintergrund ist es offenbar die Gruppe der sogenannten NEET (Not in Education, in Employment or in Training) zu reduzieren. Kopf selbst meint, dass NEET’s für den Arbeitsmarkt gefährlich seien. Worin diese Gefahr genau besteht, wird leider nicht ausgeführt, da Kopf lediglich darauf hinweist, dass die Gefahr der Arbeitslosigkeit für Pflichtschulabgänger/innen wesentlich höher sei. Dass der AMS-Vorstand sich bis zu einem gewissen Grade als Fan der Lehre, als Befürworter des zweiten Kindergartenjahres und als Freund der Gesamtschule deklariert hat, dürfte mittlerweile auch bekannt sein. Er vertritt jedoch auch – fast schon wie einst Cato, der Ältere – immer und immer wieder denselben Standpunkt: Das AMS alleine kann die – nennen wir es einmal Bildungslücke – nicht alleine schließen. Dies müsse schon in der Schule beginnen. Vor allem wird auch eingeräumt, dass es immer schwieriger für Nichtgelernte wird, einen passenden Job zu finden.

Fehlendes Wirtschaftswachstum

Wenig überraschend ist, dass ein geringes Wirtschaftswachstum kaum zu einer Erholung der Arbeitslosenzahlen führt. Bisher hält sich die Annahme, dass es 2 Prozent Wirtschaftswachstum braucht, damit die Arbeitslosenzahlen sinken. Hier wartet Kopf doch mit etwas anderen Zahlen auf, die in der breiten Öffentlichkeit (ungern) kolportiert werden: “Die alte Formel, dass ab zwei Prozent Wachstum die Arbeitslosigkeit sinkt, ist in der aktuellen Situation Unsinn. Momentan würden wir ein Wachstum von 3,5 Prozent brauchen, damit die Arbeitslosigkeit sinkt – das ist utopisch.” Wieso diese 3,5 Prozent? Kopf rechnet vor, dass es im Moment ein höheres Wachstum brauche um die Arbeitslosigkeit überhaupt konstant zu halten und ergo ein noch höheres, um die Zahlen sinken zu lassen.

Mindestsicherung

Seit einiger Zeit  lesen wir immer wieder Meldungen, die eine Änderung der Mindestsicherung fordern. Vor allem wird gerne das Argument angeführt, dass die Mindestsicherung zu hoch sei und wenig Anreize bieten würde, eine Lohnarbeit anzunehmen. Kopf empfiehlt hier Leistungsanreize zu setzen. Das folgende Zitat finde ich außerordentlich bemerkenswert: “Auch dazu habe ich einen Vorschlag gemacht: Nicht die Mindestsicherung ist zu hoch, sondern die Anrechnungsbestimmungen sind falsch. Die besagen, wenn jemand mit drei Kindern 1.800 Euro Mindestsicherung bekommt, einen Job findet und dann 1.000 Euro verdient, hat er auch nur 1.800 Euro, weil die 1.000 Euro von der Mindestsicherung abgezogen werden. Das ist unsinnig, das ist leistungsfeindlich. Der Syrer mit drei Kindern, der dann nicht zu arbeiten beginnt, ist nicht böse. Der handelt aus meiner Sicht rational.” Warum ausgerechnet der Syrer als Modellfall herhalten muss, ist mir schleierhaft, denn für Herrn und Frau Österreicher in der Mindestsicherung gelten dieselben Zugangs- und Spielregeln. Kopf wünscht sich ein Modell mit Leistungsanreizen, in dem über einen gewissen Zeitraum nicht das gesamte Gehalt bei der Mindestsicherung gegengerechnet wird, sondern “nur” etwa 2/3. So bliebe bei einer Beschäftigung mehr Geld übrig.  Ein spannendes Modell. Vor allem bemerkentswert finde ich, dass Kopf keinen Billiglohnsektor schaffen will, obwohl in Bereichen in denen kein gesetzlicher Mindestlohn herrscht oder Menschen sich selbst delegieren können um einen KV zu umgehen oder immer mehr Teilzeitstellenangebote am Markt sind, diese Einschätzung doch hinterfragt werden muss.

Das gesamte Interview mit Johannes Kopf finden sie:  hier

Klein- und mittlere Unternehmen sind Beschäftigungsmotor

Beschäftigungsrekord in KMU -Mehr als 2 Millionen Arbeitsplätze in den kleinen und mittleren Unternehmen Österreichs

Laut KMU-Forschung waren Ende Juli 2015 in den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), also Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeiter/innen,  2.063.853 Personen beschäftigt. Berechnungen der KMU Forschung Austria (auf Basis der Sozialversicherungsstatistik) ergeben, dass 66,5% aller Beschäftigungsverhältnisse in der Wirtschaft auf KMU entfallen. Mit anderen Worten: nur 35 Prozent der Beschäftigten arbeiten in größeren Unternehmen.

Kleinstbetriebe wichtiger Faktor

Sogar 18% der Beschäftigten haben ihren Arbeitsplatz in einem Kleinstbetrieb mit weniger als 10 Mitarbeiter/innen und jeweils rund 24% in einem Kleinbetrieb (mit 10 bis 49 Mitarbeiter/innen) oder einem Mittelbetrieb (mit 50 bis 249 Mitarbeiter/innen). In Unternehmen mit 250 bis 999 Mitarbeiter/innen arbeiten 19% und in Unternehmen mit 1.000 und mehr Mitarbeiter/innen 15% der Beschäftigten.

Für Walter Bornett, Direktor der KMU Forschung Austria, ist diese ausgewogene Verteilung der Beschäftigungsverhältnisse auf alle Betriebsgrößenklassen eine der großen Stärken der österreichischen Wirtschaft.

Etwas mehr neue Jobs in KMU’s als in Großbetrieben

Im Zeitraum Juli 2014 bis Juli 2015 wurden insgesamt 26.308 Arbeitsplätze geschaffen: 15.066 in KMU und 11.242 in Großbetrieben. Diese Zahlen sind erfreulich, denn sie sind  ein Zeichen dafür, dass trotz einer allgemein schwierigen Situation,  die österreichische Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit erneut unter Beweis stellen konnte.. “Ausschlaggebend dafür sind vor allem die unglaublich vielen, auch “kleinen” Innovationen der Unternehmen, die von KMU häufig in Kooperation mit Forschungseinrichtungen (z.B. mit dem Netzwerk der Austrian Cooperative Research – ACR) entwickelt und erfolgreich umgesetzt werden”, meint Walter Bornett.

Tabellen und Grafiken unter:

http://www.kmuforschung.ac.at/index.php/de/presseservice