Arbeitslosenstatistik: Ein Werkzeug mit dem sorgsam umgegangen werden soll…

Es ist schon fast ein Art Zeremoniell. Pünktlich zu Monatsbeginn werden die aktuellen Arbeitsmarktdaten veröffentlicht. Sie sind nicht nur ein wichtiger Gradmesser für die Arbeitsmarktpolitik, sondern auch für die Stimmung im Land. Sie sind das Futter für viele Stammtischdiskussionen und der Stoff aus denen Nachrichten gemacht werden.

Mit Statistiken kann man alles beweisen…

Ein altbekannter Spruch, der jedoch immer wieder dazu animiert, einen genauen Blick auf die Zahlen zu werfen. Einige  Medien geben sich zufrieden die Zahlen aus der Pressemitteilung des Sozialministeriums zu veröffentlichen. Nur selten werden die Zahlen hinterfragt oder weitgehend erläutert.

Die Arbeitslosigkeit sinkt. Ein relatives Novum ist es jedoch, dass die Arbeitslosenzahlen auch nach “Inländer*innen” und “Ausländer*innen” aufgeschlüsselt werden. Die Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten (also jene, denen vereinfacht formuliert, ein vorläufiges Bleiberecht zuerkannt wurde) werden sogar eigens aufgeführt. Was das Sozialministerium jedoch nicht anführt, ist, wie viele “ausländische” Menschen in einem geregelten Dienstverhältnis stehen – und somit ihre Steuern und Sozialabgaben zahlen.  Es werden zwar auch die “Unter-25-und-über-50”-Jährigen ausgewiesen, nur hier wird auf eine Differenzierung zwischen Aus- und Inländer*innen in der Darstellung verzichtet. Eine diesbezügliche Anfrage wurde an das Sozialministerium gestellt. Die Antwort finden Sie in meinem Beitrag: Daten zum Statusasylberechtigt” werden nicht erfasst…)

Beschäftigungslos / Langzeitarbeitslos

Diese beiden Werte bedürfen der Erläuterung. In Österreich sind laut aktueller Statistik 53.394 Personen langzeitarbeitlos (über 12 Monate) und 109.864 Personen langzeitbeschäftigungslos gemeldet.

Laut AMS “werden Personen, die über 365 Tage arbeitslos gemeldet sind, als langzeitarbeitslos gezählt. Unterbrechungen bis 28 Tage (zum Beispiel durch kurze Schulungen, Krankenstand oder kurze Beschäftigungsepisoden) werden nicht berücksichtigt.” Im Umkehrschluss werden längere Unterbrechungen sehr wohl berücksichtigt. Im Gegensatz zu den langzeitarbeitslosen Personen sind die langzeitbeschäftigungslosen Personen spannend. Hier werden auch die unterschiedlichen “Episoden” – wie das AMS sich ausdrückt – zusammengerechnet.  “Für deren Erfassung werden Episoden von sechs unterschiedlichen Arbeitsmarkt-Status, darunter Arbeitslosigkeit, Lehrstellensuche und Schulungen, zu einem „Geschäftsfall“ zusammengefasst, und dieser wird erst bei einer Unterbrechung (z.B. durch Arbeitsaufnahme, Auslandsaufenthalt, …-) von mehr als 62 Tagen beendet.” (Quelle).

Der Status der Langzeitarbeitslosigkeit lässt sich also leichter unterbrechen als jener der Langzeitbeschäftigungslosigkeit. Ein Mittel Langzeitarbeitslosigkeit zu unterbrechen besteht in Schulungen, kurzen Dienstverhältnissen, aber auch Aufenthalte im Ausland zählen dazu. Entsprechend interessant ist auch der Wert, dass 10.204 Langzeitarbeitslose (also knapp ein Fünftel) und 34.749 Langzeitbeschäftigungslose in Schulungen saßen, was nicht ganz  ein Drittel ausmacht. (Quelle)

Aus meiner Sicht ist es also spannender den Wert der Langzeitbeschäftigungslosigkeit zu betrachten, um herauszufinden, wie viele Personen, wirklich schon lange (1 Jahr und mehr) ohne Job sind.

Zahl der Beschäftigten

Der Orf-Online schreibt:  “Die Zahl der Beschäftigten erhöhte sich leicht um 2,7 Prozent auf 3,712 Mio. Personen.” Auch diese Zahl ist in dieser Darstellung zu hinterfragen. Bei den 3,712 Millionen sind die Zivildiener*innen, die Karenzbezieher*innen in einem aufrechten Dienstverhältnis und die freien Dienstnehmer*innen (die steuerrechtlich “selbständig” sind) mit eingerechnet.

Es ist zwar schön, dass diese Gruppen als “beschäftigt” im Sinne eines unselbständigen Dienstverhältnisses eingestuft werden, aber sauber ist es nicht. Die freien Dienstnehmer*innen sind zwar sozialversichert bei der jeweiligen GKK – nur eben steuerrechtlich sind sie “einkommenssteuerpflichtig”. Rechnen wir diese Gruppen heraus, bleiben nur mehr 3.629.000 Arbeitnehmer*innen.

Ein weiterer Wert, den ich noch etwas näher betrachten möchte, ist jener der “geringfügig Beschäftigten”. Bei “geringfügig Beschäftigten” handelt es sich arbeitsrechtlich gesehen um Arbeitnehmer*innen in einem geregelten unselbständigen Dienstverhältnis. Müsste man diese also als “arbeitend” berücksichtigen? Das ist die Frage: Geringfügige sind normalerweise nicht sozialversichert (mit Ausnahme der Unfallversicherung). Insgesamt 136.236 Männer und 216.850 Frauen (Summe 353.086 Personen) befinden sich in sogenannten geringfügigen Dienstverhältnissen: Interessant wäre nun zu wissen, wie viele “geringfügige Jobs” selbstversichert bei der GKK sind. Denn nur bei Personen, die sich selbst versichern, ist auszuschließen, dass sie nebenbei beim AMS gemeldet sind, sich in Karenz befinden oder bereits Pension beziehen. Mit anderen Worten: spannend wäre zu wissen, wie viele “Geringfügige” gleichzeitig beim AMS gemeldet sind. Die Antwort finden Sie in meinem Beitrag: Daten zum Statusasylberechtigt” werden nicht erfasst…)

Abgesehen davon, sind die Zahlen auch in anderer Hinsicht bedeutend. Thema Gender Pay Gap etc. Aber auch in Richtung “Vollbeschäftigung.” Wenn man bei einem geringfügigen Job im Durchschnitt von 10 Wochenstunden ausgeht, sieht man, dass sich etwa 80.000 bis 90.000 Vollzeitstellen auf alle geringfügigen Beschäftigten verteilen. Ich weiß, dass man dies nicht so rechnen kann, aber das Gedankenexperiment ist absolut spannend. Dies führt zum Arbeitsmarktpotenzial.

Das Arbeitskräftepotenzial

Hier zunächst einmal eine Erläuterung: “Das Arbeitskräftepotenzial ist laut nationaler Definition, beinhaltet die Anzahl arbeitsloser Personen und unselbständig Beschäftigter (laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger). Im Vergleich zum Arbeitskräftepotenzial (internationale Definition) ist die Anzahl der selbständig Beschäftigten in der nationalen Definition nicht enthalten.” (Quelle: WIBIS Stmk) Dies erklärt auch die unterschiedlichen Arbeitslosenquoten. Laut EU-Berechnung ist die Arbeitslosenquote niedriger als jene, die in Österreich berechnet wird. EuroSTAT rechnet Selbständige und Geringfügige als erwerbstätig. In Österreich berechnet man den Wert der Arbeitslosenquote aufgrund der arbeitslos gemeldeten Personen im Verhältnis zum Arbeitskräftepotenziel (=Summe Arbeitslose und Erwertstätige ohne Geringfügige und Selbständige). (Quelle)

Fazit

Arbeitslosenstatistiken sind sensibel. Sie müssen gut erklärt werden. Sie sind ein Werkzeug. Und wie wir wissen, kann jedes Werkzeug richtig oder falsch eingesetzt werden. Wenn Werkzeuge falsch eingesetzt werden, richten diese meist sehr viel Schaden an.


Links:

Aktuelle Arbeitsmarktlage März 2018

Übersichtsblatt AMS Schulungsteilnehmer nach Ausbildung März 2018

Daten zum Statusasylberechtigt” werden nicht erfasst…

Interaktive Karte der Arbeitslosigkeit

Karte der Arbeitslosigkeit

Karte der Arbeitslosigkeit

Anfang Februar veröffentlichte der ORF Online unter dem Titel “Interaktive Karte zur Arbeitslosigkeit” eine Österreichkarte, die erneut unterstreicht, dass Arbeitslosigkeit in Österreich kein flächendeckendes Phänomen, sondern durchaus mit einem Fleckerlteppich zu vergleichen ist. Dabei fällt eine gewisse Zweiteilung auf. In der Dichte steigt die Arbeitslosenquote von Westen nach Osten. Der Süden, sowie Wien und das Burgenland stechen heraus.

Dass Wien einer der Hotspots der Arbeitslosigkeit im Jahr 2015 war, ist sicherlich keine wirkliche Neuigkeit. Dass die Arbeitslosenquote im Norden und Nordwesten von Wien jedoch deutlich niedriger ist, überrascht schon. Klosterneuburg, Korneuburg, Purkersdorf und gar Tulln an der Donau wiesen 2015 eine Arbeitslosenquote zwischen 4 und 7 Prozent aus, während Wien mit mehr als 10 Prozent zu den Spitzenreitern in Österreich gehört.

Auch wenn durch die allgemeine negative Stimmung das Positive unter den Tisch fällt: Es gibt sogar in Österreich einen politischen Bezirk in dem die Arbeitslosenquote 2015  unter 4 Prozent lag. Es handelt sich um Rohrbach.

Berechnung der Arbeitslosenquote

Wie wird die Arbeitslosenquote berechnet? Nun hier muss man nun zunächst feststellen, dass die Arbeitslosenquote zwei verschiedene Berechnungsarten aufweist. Es gibt die sogenannte “Registerarbeitslosenquote”, die auch gerne  als “nationale Arbeitslosenquote” bezeichnet wird. Diese basiert im Wesentlichen auf zwei Faktoren: (1) die beim AMS vorgemerkten Arbeitslosen (2) die beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger aufscheinenden, unselbstständig Beschäftigten. Als dritter Faktor kommt das Arbeitskräftepotenzial dazu, das aus der Summe der beim AMS  und jener beim Hauptverband gemeldeten unselbständig erwerbstätigen Menschen besteht.

Die Formel ist relativ einfach: Arbeitslosenquote = prozentueller Anteil von Arbeitslosen am Arbeitskräftepotenzial

Die internationale Quote liegt etwas niedriger als die österreichische Statistik, da sie anders berechnet wird. Sie wird nach dem international üblichen Labour Force-Konzept (LFK) der Internationalen Arbeitsorganisation ILO erstellt. Dort gelten auch Personen, als Arbeitsnehmer/innen und somit erwerbstätig, die in der Referenzwoche mindestens eine Stunde gearbeitet oder wegen Urlaub, Krankheit nicht gearbeitet haben, aber normalerweise einer Beschäftigung nachgehen. Auch die Arbeitslosen sind anders dargestellt. Als arbeitslos gilt, wer in diesem Sinne nicht erwerbstätig ist, aktive Schritte zur Arbeitssuche tätigt und kurzfristig zu arbeiten beginnen kann. Daher kommt es zu Abweichungen in der Berechnung. Die Karte orientiert sich jedoch an der internationalen Darstellung.

Ob jetzt internationale Berechnungsweise oder nationale Registerarbeitslosenquote. Die Zahlen zeigen deutlich, dass es offensichtlich in Österreich ein Mobilitätsproblem gibt. Für Wien bedeutet dies, dass das niederösterreichische Umland interessant sein könnte. Allerdings ist die präsentierte Karte nur ein zarter Indikator, da man die absoluten Zahlen vergleichen und auch die Branchen, in denen gesucht wird, anzeigen müsste. Dann könnte man gezielt arbeiten. Aber dennoch gilt für Arbeitssuchende: Die Stadtgrenze ist nicht das Ende.


 

Link: Interaktive Karte zur Arbeitslosigkeit auf ORF Online vom 01. 02. 2016