Sind erwachsene Lehrlinge (k)ein Thema für österreichische Betriebe?

lehrstelleMit dieser Fragestellung startete ich eine Diskussion in der Gruppe Personal auf XING. Ich wollte wissen, aus welchen Gründen 20plus-Bewerber/innen in Österreich nur sehr schwer Lehrstellen finden. Die Statistiken sind absolut klar: Zirka 85 Prozent der Lehrlinge sind in Österreich sind unter 18 Jahr alt (Quelle:ibw/öibf -Forschungsbericht Jugendbeschäftigung in Österreich 2014-2015), wobei die Studie auch festhält, dass das Durchschnittsalter der Lehrlinge im ersten Lehrjahr von 15,9 im Jahr 2002 auf 16,6 im Jahr 2016 gestiegen ist. Dies ist ein Indikator dafür, dass die Lehrlinge älter werden. Neben diesen Zahlen, erschien mir vor allem die Tatsache, dass vielerorts über fehlende Fachkräfte lamentiert wird,  ein wichtiger Stein des Anstoßes eine solche Diskussion zu initiieren.
Allerdings muss ich vorwegnehmen, dass die Diskussion eher bei deutschen Kolleg/innen auf Gehör stieß und auch die Beteiligung an der Diskussion überschaubar blieb. Auch dies ist ein Ergebnis, das Raum zur Interpretation lässt.

… Fehler korrigieren dürfen…

Ich möchte dennoch die wichtigsten Argumente der Diskussion um Lehrlinge, die bereits einige Berufserfahrung aus Hilfsjobs mitbringen oder sich schlichtweg neu orientieren möchten, anführen.
So wie auch in anderen Diskussionen, abseits des Forums, wird das Argument der “Formbarkeit der Lehrlinge” in die Waagschale geworfen. Man befürchtet, dass Lehrlinge, die schon einige Berufsjahre mitbringen, nicht mehr so formbar seien – respektive weniger lernfähig.  Hans-Peter Schulz warf diesen Evergreen in die Diskussion ein, um es im gleichen Tastenzug zu entkräften: “Aber ist ein Lehrling, der einen Fehler korrigieren will, bevor es zu spät ist, nicht genauso wertvoll?”
Ein weiteres Argument, das gerne angeführt wird: “Die bisherige Erfahrung muss passen.” Dies ist im normalen Recruiting von Fachkräften sicherlich richtig. Bei Lehrlingen halte ich den Aspekt  Erfahrungswissen für wichtiger. Menschen, die zwei bis drei Jahre in unterschiedlichen Jobs Erfahrung sammeln konnten, lernten bereits Arbeitsabläufe, Kommunikationsprozesse, aber auch etwas über die persönlichen Grenzen.
Als positiv wurde angemerkt, dass der Umstieg in Österreich leichter sei.  Stefan Köppel drückte es wie folgt aus: “Sicher läuft im Leben nicht immer alles “geradeaus”. Ich persönlich habe allerdings auch erlebt, dass Österreich für Berufseinstiege und -umstiege wesentlich offener ist als z.B. Deutschland.” Allerdings sind wir noch nicht so durchlässig, was Berufswechsel betrifft, wie es andere Länder sind – aber die Richtung stimmt. Ich denke, dass die Durchlässigkeit jedoch noch größer sein könnte. Aber es mehren sich in der Tat die Lebensläufe auf meinem Schreibtisch, in denen zwei Lehrabschlüsse aufscheinen.

Leidensdruck

Markus Kaminski legte den Fokus seines Beitrages auf die Form der Bewerbungen: “Das ist eine Frage des Leidensdrucks auf beiden Seiten. Wie viele Ihrer Schützlinge bekommen denn massenweise Absagen auf ihre Lehrstellenbewerbungen als Fleischer/Bäcker/Maurer/Schornsteinfeger? Zudem stellt sich die Frage, wie diese Bewerber ihr ehrliches Interesse an einer Lehrstelle in der avisierten Branche belegen können.” Die Motivation der Bewerber/innen ist in der Tat nur eine Seite der Medaille. Es ist natürlich eine alte Lehre im Recruiting, dass Unternehmen ihre Anforderungen senken oder ändern, wenn sich zu wenig qualifizierte Bewerber/innen finden lassen. Als Personaldienstleister sehe ich das im Alltag: Je höher der Leidensdruck des Unternehmens, desto leichter bekomme ich Zugang. Die Reaktion in der Lehrstellenfrage scheint jedoch eine andere zu sein. Laut dem ehemaligen Lehrlingsbeauftragten der Bundesregierung Egon Blum ziehen sich immer mehr Betriebe zur Gänze aus der Lehre zurück, weil sie keine passenden Lehrlinge finden. Er wird in der Tageszeitung “Kurier” zitiert:  “So haben von 2008 bis 2014 mehr als 7400 Lehrbetriebe in Österreich aufgegeben, die Lehrlingszahlen sind in diesem Zeitraum um mehr als 22.000 gesunken.” Dies zeigt, dass die Lehrlingsdebatte sehr komplex ist. Leider verebbte die Forumsdiskussion zu rasch, was vielleicht auch auf die Fülle an Beiträgen in der Gruppe “Personal” auf XING  zurückzuführen ist. Ich würde diese Diskussion jedoch gerne weiterführen und freue mich über entsprechende Posts und Kommentare.

Link: Diskussion zu Lehrstellen für erwachsene Lehrlinge auf XING

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