Zum ersten Mai: Wie funktioniert Harz IV. Ein Gastbeitrag aus Berlin.

In der aktuellen politischen Diskussion in Österreich geistert der Begriff Hartz IV. Dem Einvernehmen nach denkt die aktuelle FPÖVP-Regierung daran,, die sogenannte “Notstandshilfe” abzuschaffen und durch ein Modell à la “Hartz IV” in Deutschland zu ersetzen. Das wirft natürlich Fragen auf, wie HARTZ IV in Deutschland funktioniert. Isa Frankenberg von der Interessensgemeinschaft Sozialrecht e.V. erklärt wir es funktioniert. Hinweise zu Österreich wurden von whatelsen.work ergänzt.

Seit dem 24. Dezember 2003 regelt das Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, welches unter Peter Hartz ins Leben gerufen wurde, die Vorschriften zum Thema „Hartz4“. Diese gelten als letzte und wichtigste von insgesamt vier Gesetzesänderungen der Kommission für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt. Hierbei wurden die Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengeführt.

Der Antrag auf Hartz4 erfolgt in der Regel in Folge eines Arbeitslosengeld I-Bezugs. Dieses darf seit dem Jahr 2006 nur noch für insgesamt 18 Monate ausgezahlt werden, danach muss ALG II beantragt werden. Dieses wird nicht von der Agentur für Arbeit sondern vom Jobcenter ausgezahlt.

Voraussetzung für Hartz4

Der §7 des zweiten Sozialgesetzbuches (SGB) legt fest, dass nicht jeder in Deutschland lebende Arbeitslose automatisch Anspruch auf Hartz4 besitzt. Hierzu müssen einige, in diesem Paragrafen definierte, Voraussetzungen erfüllt werden. Leistungen erhalten demnach Personen, die:

  • das 15. Lebensjahr vollendet und die Altersgrenze nach § 7a noch nicht erreicht haben,

  • erwerbsfähig sind,

  • hilfebedürftig sind und

  • ihren gewöhnlichen Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland haben (erwerbsfähige Leistungsberechtigte).

Hierbei gelten jene Personen als erwerbsfähig, die sowohl geistig als auch körperlich dazu im Stande sind, mindestens drei Stunden täglich zu arbeiten.

Mindestsicherung und Hartz IV nicht für unter 25-Jährige

Kein Hartz4-Anspruch besteht für unter 25-jährige. Bei ihnen wird in der Regel davon ausgegangen, dass sie finanziell von ihren Eltern unterstützt werden können. Lediglich in Härte- bzw. Ausnahmefällen, so z.B. wenn die Eltern selbst hilfebedürftig sind, erhalten unter 25-jährige Leistungen durch das Jobcenter. Dies wurde z.B. in Wien jetzt mit der letzten Novellierung der Mindestsicherung ebenfalls umgesetzt. Wiener*innen im Alter von unter 25 Jahren müssen sogar nachweisen, dass sie kein Anrecht auf Unterhalt seitens der Eltern haben.

Zuverdienst bei Hartz4 und bei der Mindestsicherung

Hartz4 wird also grundsätzlich nur genehmigt, wenn eine Hilfebedürftigkeit besteht, also wenn der Betroffene über kein oder ein sehr geringes Einkommen verfügt. Dennoch besteht ein sogenannter „Freibetrag“, welcher es Betroffenen möglich macht, dennoch einen Zuverdienst zum Hartz4 zu erarbeiten. Bei einer verdienten Summe von 101 bis 1.000 Euro dürfen sie 20 Prozent dieser Einkünfte behalten, sie werden nicht auf den Regelsatz angerechnet. In Österreich ist dies anders: Bei der Mindestsicherung wird jedes andere Einkommensquelle gegenverrechnet. Nur bei der Notstandshilfe und beim Arbeitslosengeld ist es möglich bis zu 438 Euro (in Form einer sogenannten geringfügigen Beschäftigung dazu zu verdienen) ohne, dass die Geringfügige gegenverrechnet wird.

Aufbrauchen des eigenen Vermögens

Weiterhin spielen die Vermögenswerte eine wichtige Rolle beim Hartz4-Bezug. Bevor dieses beantragt werden kann, müssen vorhandene Vermögenswerte aufgebraucht werden. Jedoch bestehen auch hierbei bestimmte Freibeträge, welche sich allerdings nicht pauschal festlegen lassen. Dies hängt stets mit dem Alter der bezugsberechtigten Person sowie der Art und dem Zweck der Vermögenswerte zusammen. In Österreich ist dies bei der Mindestsicherung ähnlich. Antragsteller*innen dürfen nur bis zu 4.200 Euro (dieser Betrag kann je nach Bundesland ein wenig variieren) auf der hohen Kante haben. Jedes andere Vermögen ist aufzubrauchen. Allerdings gibt es keine alterspezifischen Freibeträge.

Erfüllt ein Arbeitsloser alle Voraussetzungen besteht Anspruch auf Hartz4. Dieser wird als monatlicher Regelsatz vom Jobcenter ausgezahlt. Wie hoch die monatliche Summe ist, hängt jedoch vom Einzelfall ab und kann daher variieren. Zudem deckt der Regelsatz keine Miet- und Heizkosten ab. Diese werden gesondert und unter Einhaltung bestimmter Voraussetzungen vom Jobcenter gezahlt. Eine dieser Voraussetzungen besteht darin, dass die Wohnung als angemessen gilt. Ist eine Wohnung also zu groß oder zu teuer, kann das Jobcenter den Betroffenen dazu auffordern, die überschüssigen Kosten eigenständig zu zahlen. In Österreich trennt man bei der Mindestsicherung auch zwischen jenem Betrag, der zum Leben ausbezahlt wird und dem Wohnkostenbeitrag, der erneut bundesländerspezifisch ist. Ein Energiekostenzuschuss wird nicht ausbezahlt. Sehr wohl kann in einigen Bundesländern ein sogenannter Heizkostenzuschuss beantragt werden. Dieser muss separat beantragt werden und wird in Österreich nicht über das AMS sondern über das zuständige Sozialreferat ausbezahlt.

 Wie schon erwähnt, ist der Bezug von Hartz4 an einige Bedingungen geknüpft. Demnach muss der Betroffene einige Pflichten erfüllen, um im Gegenzug einen monatlichen Regelsatz zu erhalten. Rechte und Pflichten des Arbeitslosen werden in der sogenannten Eingliederungsvereinbarung (EGV) festgehalten.

Verstöße bei Hartz IV und der Mindestsicherung

Zu solchen Pflichten gehört es z.B. sich um einen angemessenen Job zu bemühen und unter Umständen eine Mindestanzahl an Bewerbungen zu versenden. Der § 31 SGB II sieht bei Nicht – Einhaltung der Pflichten entsprechende Hartz4-Sanktionen vor. Hierzu zählen unter anderem Leistungskürzungen, welche sich wie folgt ergeben:

  • Bei der ersten Pflichtverletzung wird das ALG II um 30 Prozent gekürzt

  • Kommt es innerhalb eines Jahres zu einer erneuten Verletzung der Pflichten, erfolgt eine Kürzung um 60 Prozent

  • Eine mehrfache Wiederholung der Pflichtverletzung führt zum vollständigen Wegfall des ALG II

Auch in Österreich ist die Mindestsicherung an Bedingungen geknüpft. Eine Meldung beim AMS muss vorliegen – und die Arbeitswilligkeit muss auch dokumentiert werden. Zudem muss auch bei der Mindestsicherung eine zumutbare Arbeitsstelle angenommen werden, da bei Vereitelung eine Kürzung der Mindestsicherung verhängt werden kann. In Wien kann das 25 Prozent für ein Monat sein. Bei einer weiteren Weigerung sind es dann schon 50% auf 2 Monate usw.

Unsere Gastautorin: Die Interessengemeinschaft Sozialrecht e.V.

Die Interessengemeinschaft Sozialrecht e.V. wurde im Januar 2017 vom Rechtsjournalisten Marcel Weber in Berlin gegründet. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Transparenz im Bereich Sozialrecht zu schaffen, um interessierten Bürgerinnen und Bürgern einen Einblick in die wichtigsten Themen zu bieten.

Ziel und Zweck der Interessengemeinschaft e.V. ist die Beobachtung sozialrechtlicher Entwicklungen, Analyse und Kommentierung aktueller Rechtsprechungen sowie der Bereitstellung von Informationen und Hilfestellungen für Leistungsempfänger und Interessierte. Dabei verfolgt der Verein keinerlei eigenwirtschaftliche Zwecke. Die Mittel des Vereins dürfen nur für satzungsmäßige Zwecke verwendet werden. In ihrer Eigenschaft als Mitglieder des Vereins erhalten diese keine Zuwendungen oder Gewinnanteile aus Mitteln des Vereins. Weitere Informationen zum Verein finden Sie unter: www.hartz4.de

Workshop: Kreatives Bewerben – Promofilm

Hier ein kleiner Promofilm zu meinem Workshop “Kreatives Bewerben – Basics”. Die ersten wichtigen Themen des Workshops werden hier schon bearbeitet (Was ist Kreativität? Was sind die 5 K”). Der Workshop ist eine Koproduktion von read!!ing room, JOBBERIE und whatelsen.work.

Mehr Informationen zum Workshop oder zu den Buchungsmöglichkeiten finden Sie auf der “Trainingsseite”.

Weniger Strafe bei Nicht/Falschanmeldung von Mitarbeiter*innen – und weitere Änderungen

Die FPÖVP-Regierungsparteien beschlossen mit den Budgetbegleitgesetzen einige Gesetze, die den Bereich des Sozialversicherungsrechts betreffen. So fielen (vorerst) am 17. April 2018 die  Obergrenzen für Verwaltungsstrafbestimmungen bei Meldeverstößen der Arbeitgeber*innen bei der zuständigen Gebietskrankenkasse zu “deckeln”.  Bisher wurden diese Strafen kumuliert.

Welche Meldungen sind betroffen:

Jede*r Arbeitgeber*in muss bei Dienstantritt die neuen Arbeitnehmer*innen bei der Gebietskrankenkasse anmelden. Dies ist auch bei der Beendigung des Dienstverhältnisses nötig. Außerdem muss eine sogenannte  monatliche Beitragsgrundlagenmeldung an die GKK erfolgen.

Die Beitragsgrundlagenmeldung

Die Beitragsgrundlagenmeldung dient zur Berechnung der Sozialversicherungsbeiträge. Es handelt sich als um die Verdienst-Meldung für jede*n Arbeitnehmer*in. Ab 01. 01. 2019 muss diese Meldung monatlich erfolgen. Neu beschlossen wurde eine Übergangsfrist bis 31. August 2019. Somit können die Unternehmen leichter umstellen, ohne von der zuständigen Sozialversicherungsanstalt gestraft zu werden. Außerdem muss die Meldung erst bis zum 7. des jeweiligen Monats erfolgen (O-Ton: „Für Versicherte nach § 4 Abs. 4 kann die Meldung der nach § 44 Abs. 8 ermittelten Beitragsgrundlage bis zum Siebenten des der Entgeltleistung folgenden Kalendermonats erfolgen.“)

Was ändert sich? Wenn der Versicherungsträger auf Verstöße gegen die Meldepflichten des/der Arbeitgeber*in kam, wurde es meistens teuer (Kumulationsprinzip). Die Strafen wurden für jeden Fall, der beanstandet wurde, zusammen gerechnet. Auch im Wiederholungsfall galten höhere Sätze.  Dies wurde nun durch den Beschluss der Regierung geändert.  Ab sofort gibt es einen Deckel von maximal 885 Euro. Die Wirtschaft feiert diese Novelle als Erleichterung im Bereich Lohnnebenkosten, die Arbeitnehmer*innenseite warnt vor Sozialmissbrauch. Allerdings wurde in dieser Sache das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Sozialsprecher*innen der FPÖVP stellten “Nachschärfungen” in Aussicht ( ORF ). Das Gesetz in der beschlossenen Form tritt erst mit Jänner 2019 in Kraft. Wir sind also gespannt, was noch an Neuerungen auf uns zukommt. Dennoch lohnt sich ein genauer Blick auf den Status Quo des Sozialversicherungsgesetzes.

Der Gesetzestext

Im § 114 in der Fassung des Bundesgesetzes BGBl. I Nr. 79/2015 wird nach Abs. 6 folgender Abs. 6a eingefügt: „(6a) Erreicht die Summe der nach den Abs. 2, 3 und 6 angefallenen Säumniszuschläge in einem Beitragszeitraum (§ 34 Abs. 2) je Versicherungsträger das Fünffache der Höchstbeitragsgrundlage (§ 45 Abs. 1), so sind damit alle diesbezüglichen Meldeverstöße pauschal abgegolten.“ Die tägliche Höchstbeitragsgrundlage beträgt derzeit 171 Euro, daraus hätte sich die Strafdeckelung bei 855 Euro ergeben.

Auch der nächste Paragraf wurde genauer definiert. Bisher hieß es nur, dass die Säumniszuschläge zur Gänze oder zum Teil erlassen werden können – ohne zu definieren in welchen Fällen eine derartige Nachsicht zutrifft. Hier ist eine Anpassung erfolgt.

7. § 114 Abs. 7 in der Fassung des Bundesgesetzes BGBl. I Nr. 79/2015 lautet: „(7) Der Versicherungsträger kann in den Fällen des Abs. 1 unter Berücksichtigung der Art des
Meldeverstoßes, der wirtschaftlichen Verhältnisse des Beitragsschuldners/der Beitragsschuldnerin, des Verspätungszeitraumes und der Erfüllung der bisherigen Meldeverpflichtungen auf den Säumniszuschlag zur Gänze oder zum Teil verzichten oder den bereits entrichteten Säumniszuschlag rückerstatten.“

Alexandre Jacovleff [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

ACHTUNG: Die Beitragszuschläge nicht unerwähnt lassen

In der Diskussion geht allerdings unter, dass die unter §113 vermerkten “Beiträgszuschläge” unberührt bleiben. Während die “Säumniszuschläge” tatsächlich als Strafe zu verstehen sind, werden im Falle einer Falsch- oder Zuspätanmeldung auch “Beitragszuschläge” verrechnet. Mit diesen wird der sogenannte Prüfeinsatz abgegolten; mit anderen Worten es werden die Kosten für die gesonderte Bearbeitung und für den Prüfeinsatz extra verrechnet. Diese Kosten setzen sich im Wesentlichen wie folgt zusammen.

  • Teilbetrag für die gesonderte Bearbeitung: € 500,– je nicht vor Arbeitsantritt angemeldeter Person
  • Teilbetrag für den Prüfeinsatz: € 800,-
  • Nur in besonders berücksichtigungswürdigen Fällen können diese Beträge gesenkt werden oder entfallen.

Erleichterung: Bonus-Malus-Meldungen entfallen

Neben den gesetzlichen Regelungen zum Bonus-Malus-Modell können nun auch die damit verbundenen administrativ aufwendigen Auswertungs-, Informations-, Beratungs- und Berichtspflichten zur Beschäftigung Älterer entfallen.

Altersteilzeit und Wiedereingliederungsbeihilfe sowie “Aktion 20.000”

Das Eintrittsalter für die sogenannte Altersteilzeit wird in zwei Stufen um jeweils ein Jahr angehoben. Die Altersteilzeit wird damit dem Regelpensionsalter angenähert. Derzeit liegt das ehestmögliche Antrittsalter bei 58 Jahren für Männer und 53 für Frauen, ab 2020 wird es bei 60 bzw. 55 Jahren liegen. Das Sozialministerium erwartet sich dadurch um 40% weniger Zustrom in die Altersteilzeit. Dies bringt natürlich auch Einsparungen beim AMS mit sich, da die Altersteilzeit ja teilweise vom AMS mitgetragen wird. Die Möglichkeit der Altersteilzeit soll Unternehmen dazu bewegen, ältere Mitarbeiter*innen länger in Beschäftigung zu halten.  Stichwort: “Ältere Beschäftigte”. Anstatt bis zu 779 Mio. € sind für die “Aktion 20.000” – bis zum Ende der Aktion Mitte Juni 2019 – nur noch 185 Mio. € vorgesehen, wobei das Sozialministerium von 4.400 geförderten Beschäftigungsverhältnissen ausgeht.  Allerdings muss man dazu sagen, dass die Arbeitsplätze, die von der Aktion 20.000 geschaffen nicht unbedingt in der Privatwirtschaft entstanden.

Auch werden die Mittel für die Wiedereingliederungsbeihilfen für ältere bzw. langzeitarbeitslose Personen durch das AMS gekürzt, womit ein wichtiger Anreiz ältere oder langzeitarbeitslose Personen aufzunehmen wegfällt. Die Mittel für das verpflichtende Integrationsjahr für Flüchtlinge werden von bis zu 100 Mio. € auf maximal 50 Mio. € halbiert.


Quelle: Parlamentskorrespondenz

 

“Der Medienmarkt in Österreich ist tot”

Dominik Leitner (c) Andreas Edler

“Der Medienmarkt zeichnet sich durch seine Perspektivenlosigkeit aus”. Eine starke Ansage, die jedoch nur auf den ersten Blick übertrieben ist. Durch die digitale Revolution wurde die Medienlandschaft deutlich verändert. Blogs konkurrieren/ergänzen klassische Printmedien. Die Grenzen zwischen Reportage, Werbung und Produktbeschreibung werden vor allem durch die Arbeit vieler Blogger*innen fließender. Daneben erreichen uns immer wieder Meldungen, dass die Blogger*innen die neuen Superstars der Medienszene sind. whatelsen.work interviewte einen der es wissen muss. Dominik Leitner, geboren 1988,  ist Autor, Texter und Blogger. Er arbeitet als (freier) Journalist und Blogger in Wien, absolvierte die FH für Journalistik  und ist in der glücklichen Lage seiner Berufung nachzugehen.

whatelsen: Herr Leitner. Danke für Ihre Bereitschaft ein wenig über Ihren Beruf zu erzählen. Sie bezeichnen sich als “leidenschaftlicher Wortarchitekt [und] als Texter, Journalist und Autor.” Was sind Sie denn nun genau? Was ist Beruf und was ist Berufung?

Dominik Leitner: Ich arbeite mit Worten – das sehe ich als meine große Berufung an. Es kommt natürlich auf die Definition des Begriffs an: Für mich bedeutet Berufung, dass ich etwas, für das ich talentiert bin und das ich leidenschaftlich gerne mache, auch in meiner Arbeit anwenden kann und damit versuche etwas Gutes zu tun. Da ich als (freier) Journalist arbeite, literarische Texte schreibe, sie in Lesungen präsentiere und auf der Suche nach einem Verlag bin und meinen Lebensunterhalt damit verdiene, als Texter kreativ zu arbeiten, scheinen sich hier Beruf und Berufung fast deckungsgleich übereinander zu legen. Um es genauer zu sagen: Mein aktueller Beruf bzw. Job finanziert mir das Leben und meine Berufung regelmäßig journalistisch und literarisch zu arbeiten.

whatelsen: Sie haben auf der FH “Journalismus und neue Medien” studiert. Der Journalismus galt früher einmal als Quereinsteiger*innenbranche. Ist das noch immer so? Oder bedarf es mittlerweile einer universitären Ausbildung?

Dominik Leitner: Ich denke, dass auch heute noch viele Medien auf der Suche nach Personen sind, die “nicht nur” Journalismus studiert haben. Es reicht, wenn man auf einem Gebiet ein Experte ist, interessante Menschen auf diesem Gebiet kennt und natürlich auch ein Talent darin hat, Geschichten zu erzählen (ganz egal ob als Text, Radio-Reportage oder TV-Beitrag).

Als ich meine ersten Schritte im professionellen Journalismus machte, beim Online-Politikmagazin neuwal.com, war ich von meinem Journalismus-Studium noch weit entfernt. Aber das Interesse an der österreichischen Politik und an Wahlen, die Bereitschaft Neues zu lernen und manchmal auch etwas auszuprobieren, hat mir das Gefühl gegeben, sehr viel “on the job” zu erlernen. Das Studium hat sich für mich dann vor allem ausgezahlt, um neue Bereiche kennenzulernen: Dabei habe ich zum Beispiel erfahren, dass auch das Medium Radio sehr spannend für mich ist.

Kurz gesagt: Will man Journalist*in werden, braucht man kein Journalismus-Studium. Da ist es viel eher sinnvoll, etwas anderes zu studieren und sich dabei Expertenwissen anzueignen. Aber ich würde um nichts in der Welt die spannenden, lehrreichen Stunden im Studium missen wollen.

whatelsen: Wie würden Sie die Jobperspektiven für Journalist*innen in Österreich beschreiben?

Dominik Leitner: Fast alle unsere Dozent*innen haben gleich zu Beginn erklärt, dass der Medienmarkt in Österreich tot sei. Wir sollten es als Warnung verstehen – und gerade weil zwei Fachhochschulen jährlich Hunderte “fertige” Journalist*innen in die Welt entlassen, zeigen die Medien, die unter Auflagenschwund leiden, ein deutliches Sättigungsgefühl.  Der österreichische Medienmarkt zeichnet sich grundsätzlich durch seine Perspektivenlosigkeit aus. Was es braucht, sind innovative, moderne Konzepte. Doch dafür fehlt oftmals die Finanzierung. Das ist ein Grund, warum viele junge Journalisten “frei” arbeiten: Nicht unbedingt, weil sie die Freiheit genießen, in verschiedenen Medien zu publizieren, sondern weil sie keine Fixanstellung in einem Medienhaus bekommen.

whatelsen: Sie bezeichnen sich auch als Texter? Sind Texter*innen und Journalist*innen nicht komplett verschiedene Berufe? Auch hinsichtlich der persönlichen Einstellung und der Ethik?

Dominik Leitner: Vielleicht sollte ich genauer erklären, wie meine Texter-Tätigkeit aussieht: Ich entwickle Geschichten für interaktive Szenarien. Dabei handelt es sich oftmals um Auftragsarbeiten von Unternehmen, die diese Szenarien firmenintern nutzen. Als ich den Job vor einem halben Jahr angenommen habe, war es mir wichtig, dass es sich dabei nicht um einen Marketing-Job handelt, sondern um eine kreative Arbeit. Und nach sechs Monaten kann ich bestätigen, dass ich nicht fälschlicherweise einen Job als Werbetexter angenommen habe.

Deshalb sehe ich dabei kein großes Problem zwischen meiner Arbeit als Texter und jener als Journalist. Es versteht sich natürlich, dass ich keinerlei journalistische Geschichten über Unternehmen mache, für welche ich gearbeitet habe. Es soll zwischen der einen Welt und der anderen keine Überschneidungspunkte geben. So können sie beide schön nebeneinander bestehen.

whatelsen: Kommen wir zu Ihren Blogs… Sie schreiben gleich für mehrere Blogs und haben mit einigen Beiträgen sogar einen gewissen Bekanntheitsgrad erzielt? Wie kam es dazu?

Dominik Leitner: Seit ich das allererste Mal in der dritten Klasse Gymnasium (im Jahr 2000) mit dem Internet in Berührung kam, war ich fasziniert von der unendlichen Fülle an Inhalten. Meinen ersten richtigen Blogbeitrag schrieb ich schließlich im Dezember 2005 und habe mir im Laufe der Jahre zwei Standbeine aufgebaut: Einerseits dominikleitner.com, mein privater Blog, in welchem ich mich mit Medien, der Medienkrise und der Arbeit als Journalist beschäftige. Andererseits neonwilderness.net, meinem literarischen Blog, in dem, neben meinen eigenen Texten, auch Buchrezensionen, Interviews und Leseempfehlungen zu finden sind.

Die beiden reichweitenstärksten Geschichten habe ich auf dominikleitner.com veröffentlicht. Der Text “Warum ich in St. Pölten wohne, obwohl St. Pölten ja St. Pölten ist”  war eine kleine Liebeserklärung an eine Stadt, die oftmals selbst von ihren eigenen Einwohner*innen nicht geliebt wird. Doch offenbar haben sich dadurch viele verstanden gefühlt. Innerhalb kurzer Zeit ging der Beitrag viral und wurde allein auf Facebook über 2.000 Mal “geliked”. Nach einer Woche hatten über 15.000 Menschen den Beitrag gelesen – eine bislang unbekannte Reichweite.

Die zweite erfolgreiche Geschichte beschäftigte sich mit einem noch persönlicheren Thema: Ich war aufgrund der schwierigen Jobsuche für ein halbes Jahr auf Mindestsicherung angewiesen. Diese Erfahrung habe ich in einem Beitrag mit dem Titel “Wenn Plan A nicht gelingt” verarbeitet, weil damals vor allem die ÖVP und alle Boulevardmedien nur zu gern von den faulen Schmarotzer*innen schrieben.

Ich wollte hingegen aufzeigen, wie wichtig die Mindestsicherung fürs Überleben ist und wie bescheiden es sich anfühlt, darauf angewiesen zu sein. Auch hier wurde mein Beitrag, zuerst vor allem in der Journalismus-Szene auf Twitter aktiv geteilt, bis schließlich der damalige Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) diesen Beitrag auf seiner Facebookseite veröffentlichte. Wie ich später von einer Verantwortlichen seiner Social-Media-Kanäle erfuhr, tat er dies sogar wirklich persönlich. Damit übertraf ich schließlich sogar den St. Pölten-Text: Rund 16.000 Menschen lasen diese Geschichte.

Ich glaube, das Geheimrezept für solche “Erfolge” gefunden zu haben: Beide Texte kamen von Herzen; sie waren mir ein Anliegen und zudem sehr persönlich und sie wurden nicht tage- oder wochenlang überarbeitet, sondern kurz nach Fertigstellung gleich veröffentlicht. Und dann braucht es auch noch diese kleine Prise Glück, von den richtigen Menschen geteilt zu werden. Planen kann man so eine “Viralität” hingegen nicht.

whatelsen: Stichwort “Viralität” und “teilen”: Wir lesen immer wieder über Blogger*innen, die viel Geld verdienen. Es gibt sogar eine neue Berufsbezeichnnung: Influencer*innen. Wie sehen Sie das Thema aus der Praxis?

Dominik Leitner: Ich fühle mich dabei schon wie ein alter Mann, der die Jugend offenbar nicht mehr versteht: Für mich stand bei meiner Arbeit mit den Blogs vor allem die Leidenschaft des Schreibens im Vordergrund und der Wunsch, gelesen zu werden. Dass es hingegen Menschen gibt, die damit wirklich ihr Geld verdienen (und teilweise sogar sehr gut davon leben können), habe ich lange gar nicht bemerkt. Heutzutage halte ich es für fatal, dass für zahlreiche junge Menschen die Idee, mit einem Mode-Beauty-Lifestyle-Blog Geld zu verdienen, der Hauptgrund ist, überhaupt erst damit anzufangen.

Indem man eine große Reichweite aufbaut, mit welchen Mitteln auch immer und den Follower*innen dann in bezahlten Beiträgen erklärt, dass das neue Make-Up dieser oder jener Firma so verdammt gut ist (und es das vielleicht gar nicht ist), verkauft man mit jedem einzelnen Beitrag ein Stück mehr seiner Seele. Für die Werbenden ist es natürlich von Vorteil: Die “Influencer*innen” sind “echte Menschen”, zu denen die junge Zielgruppe aufschaut – welche Verantwortung diese Influencer*innen haben, wissen sie dabei  aber oft selbst nicht.

Wobei ich jedoch betonen muss: Es gibt sie, die guten Influencer*innen. Und das sind oftmals auch die Erfolgreichsten.

whatelsen: Was würden Sie jungen Menschen raten, die sagen: So ich werde Blogger*in?

Dominik Leitner: Tu es! Überlege, worüber du schreiben könntest – gibt es einen Bereich, in dem du vielleicht mehr weißt als viele andere? Stelle den Wunsch, damit reich zu werden, erstmal hinten an. Beginne regelmäßig die großen Blogs zu lesen, um von den Besten zu lernen. Und lass dich überraschen, was auf dich zukommt. Wenn du dann noch einen Blog erstellen willst -das geht innerhalb weniger Sekunden und kostet gar nichts – dann tu es!

whatelsen: Herzlichen Dank für die tollen Einblicke und viel Erfolg!

Dominik Leitner: Gern geschehen.


Die Serie “Berufseinblicke” präsentiert Interviews mit Menschen, die mit beiden Beinen fest im Berufsleben stehen. Mit dieser kleinen Serie bietet “whatelsen.work” wertvolle Einsichten und Einblicke in den beruflichen Alltag, fernab von Berufsinformationssystemen und allgemeinen Branchenbeschreibungen. Denn nichts ist spannender als der gelebte berufliche Alltag.


Folgende “Berufseinblicke” sind bisher erschienen: