Rekrutierung von Lehrlingen ist ja so “easy”…

Rekrutierungsevents sind eine aufwändige, jedoch tolle Sache, wenn es um die Auswahl von zukünfitgen Mitarbeiter*innen geht. whatelsen.work möchte nun einige Rekrutierungsevents vorstellen, die besonders interessant waren. Dabei sollen eigene und mittelbare Erfahrungen einfließen. Nach unserem ersten Beispiel dem OTTO-Versand, bringen wir Erfahrungen aus der eigenen Praxis: Das Lehrlingscasting für einen Gebäudetechniker in Wien: ENGIE Austria

 

Als “Lehrlingsbox” absolvierte ich selbst ein Personalauswahlverfahren für ein großes Gebäudetechnik-Unternehmen in Wien. Wir hielten uns an ein eher klassisches Verfahren. Knapp 230 Bewerber*innen bewarben sich für zwei Lehrberufe – zwei Stellen als “Technische Zeichner*innen” und fünf “Gebäudetechniker*innen”-Stellen”. Der Auftraggeber, ENGIE Austria, übernahm das Ausschreibungsmanagement. Die Bewerbungen wurden an eine eigens bei uns eingerichtete E-Mail-Adresse weitergeleitet.

Natürlich konnte man sich auch direkt bei der “Lehrlingsbox” für die Lehrstellen bewerben. Wir übernahmen indessen auch die Postings in den sozialen Medien.  Das Auswahlverfahren wurde bewusst über einen längeren Zeitraum gezogen, damit möglichst viele Lehrlinge sich bewerben konnten. Der Ansatz war jener des laufenden Trichterverfahrens. Was bedeutet das?

Ganz einfach: Das Rekrutieren samt Basis- und Talentchecks erfolgte laufend. Wir warteten keinen Stichtag ab, um die Kandidat*innen in A, B und C zu unterteilen und mit den A-Kandidat*innen die Checks durchzuführen. Wir entschlossen uns für einen anderen Weg. Das Verfahren war bei jedem Lehrling exakt dasselbe.

Anleihen von Spielen: 4 Ebenen und Level im Aufstiegsmodus

Es gab insgesamt vier Level oder Ebenen. Bereits am Telefon wurden den Kandidat*innen die einzelnen “Level” vorgestellt. Die Auswahl war jetzt weniger ein Event – beinhaltete jedoch Elemente eines Spiels. Die Kandidat*innen mussten nicht nur verschiedene Runden absolvieren, sondern auch zu verschiedenen Standorten kommen – und es wurde klar kommuniziert, dass es sich um ein Aufstiegsszenario handelte.

Eine Runde Basischeck: Die Bewerber*innen arbeiteten sehr konzentriert und gut. Die Ergebnisse waren oft erstaunlich und bestätigten, dass “Schulnoten” nicht der alleinige Gradmesser bei Lehrlingen sein dürfen – vor allem, weil die jungen Menschen unterschiedliche Ausbildungen hinter sich hatten.

Der Aufbau mutet sehr klassisch an, mit dem Unterschied, dass die Diktion des Spiels so gut es ging beibehalten wurde. Folgende Runden mussten die Kandidat*innen absolvieren:

  1.  Telefoninterview mit einem strukturierten Leitfaden
  2. Basischeck bestehend aus Selbsteinschätzung, Mathe und Deutsch mit anschließendem Gespräch, um die Motivation zu hinterfragen und das Lehrbild zu klären.
  3. Talentcheck: Computergestütztes Diagnoseverfahren in den Bereichen Persönlichkeit / Motivation respektive technisches Verständnis
  4. Bericht: Zusammenfassen der Ergebnisse (Gespräche, Lebenslauf, Noten, Ergebnisse der Tests, allgemeine Beobachtungen) und Übermittlung an den Auftraggeber.

Das “Boss-Game” war dann die Einladung zum Vorstellungsgespräch durch den Auftraggeber. Es blieben pro Lehrberuf 12 Kandidat*innen übrig, die an den Auftraggeber weiter geleitet wurden.

Bereits die erste Hürde hatte es in sich

Bereits die erste Hürde war schwierig. Ausnahmslos jede*r Bewerber*in wurde kontaktiert. Wir setzten uns das Limit, dass wir die Bewerber*innen 3 mal anrufen würden. Die Anrufe erfolgten am Nachmittag, da viele Kandidat*innen in der Schule waren. Wurde nach dem dritten Anruf noch immer kein Rückruf verzeichnet, wurde der Kandidat oder die Kandidat*in als Absage gehandelt – egal wie vielversprechend die Schulnoten oder die Bewerbung war. Verlässlichkeit war eines der großen Themen. Erreichte man die Kandidat*innen am Telefon, wurden Fragen zur Motivation gestellt, aber auch zur Nutzung der sozialen Medien (= Infos für zukünftige Recruitings, Motivation etc.) Da potenzielle Lehrlinge noch nicht durch Bewerbungstrainings und Coachings vorbelastet sind, erhielt man relativ authentische Aussagen. Konnte man  das Interesse an der ausgeschriebenen Stelle wahrnehmen, wurden die nächsten Schritte gesetzt, die immer feiner und schwieriger wurden.

Spannende Ergebnisse

Das Ergebnis war spannend: Die Kandidat*innen für den Beruf des Technischen Zeichners brachten durchwegs bessere  Leistungen als die Kandidat*innen für den Bereich Gebäudetechnik. Dies hatte mit dem Image der Ausbildungen zu tun und mit der Erkenntnis, dass viele Bewerber*innen für den technischen Zeichner (m/w) höhere Schulen besuchten. Das Genderthema war ebenfalls spannend. Für den Gebäudetechniker bewarb sich eine einzige Frau.

Klar wurde auch, dass die meisten Lehrlinge sich kreuz und quer auf unterschiedlichste Stellen bewarben. Viele hatten das Berufsbild oder das Unternehmensbild nicht parat. So wurden die Unterschiede zwischen einem technischen Zeichner (m/w) im Bereich Gebäudetechnik im Vergleich zum allgemeinen Bau kaum thematisiert. Dies ist allerdings bei Erwachsenen, die nicht unmittelbar etwas mit dem Beruf zu tun haben, auch so.  Hauptsache eine Lehrstelle, war sehr oft der Tenor der Bewerber*innen. Auch diese Erkenntnis reifte sehr früh in uns und wurde in den Abschlussberichten und Auswahlkriterien berücksichtigt.

Alle Erkenntnisse flossen in die Bewertung des Ablaufes ein.  Ein erster Erfolg kann jetzt schon verzeichnet werden: Von den im Juni ausgewählten Lehrlingen traten alle – bis auf einen – die Lehrstellen an – und das knapp über ein halbes Jahr nach dem Beginn des Recruitings.

 


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OTTO goes Star Wars

Rekrutierungsevents sind eine aufwändige, jedoch tolle Sache, wenn es um das Rekrutieren von Mitarbeiter*innen geht. whatelsen.work möchte nun einige Rekrutierungsevents vorstellen, die besonders interessant waren. Dabei sollen eigenen und mittelbare Erfahrungen einfließen. Wir starten mit einigen allgemeinen Überlegungen und einem Best-Practice-Beispiel: dem Versandhaus OTTO.

Wenn die Arbeitsmarktzahlen gut sind und die Arbeitslosigkeit sinkt, müssen Recruiter*innen sich etwas einfallen lassen, um den Bedarf zu decken. Eine steigende Auftragslage geht meistens einher mit einer verstärkten Nachfrage auf dem Bewerber*innenmarkt. Besonders heikel wird es, wenn Unternehmen Aufträge “liegen lassen” müssen, weil sie über zu wenig geeignetes Personal verfügen. Wenn Praktikant*innen dann die Lücke nicht schließen können, dann ist Kreativität beim Rekrutieren gefragt.

Neue Wege der Rekrutierung ?

In Zeiten von hohen Arbeitskräftenachfragen sind Firmen meist sehr bemüht, sich von der Konkurrenz durch neue Wege der Rekrutierung zu unterscheiden. Employer Branding ist dann plötzlich gefragt und der Schrei nach neuen Rekrutierungswegen ist laut. Dabei sind diese Wege, die dann eingeschlagen werden, gar nicht so neu. In vielen Fällen handelt es sich einfach um Events, bei denen Unternehmen zwei Dinge erreichen möchten: (1) Sich als toller Arbeitgeber präsentieren (2) viele Bewerber*innen live und in Farbe zu erleben.

Anfang der 2000er Jahre waren so die “Pink-Slip-Partys” der letzte Schrei. Dabei handelt es sich nicht etwa um Rekrutierungsevents mit einem erotischen Touch, sondern um Rekrutierungspartys. In den USA bezeichnet man ein Kündigungsschreiben als pink slip (in etwa „rosa Schein“, was mit dem „Blauen Brief“ in Deutschland und Österreich, die ja meist “eingeschrieben” werden, vergleichbar ist).

Die Partys kamen etwa im Jahr 2000 im Zuge der New-Economy-Krise in den USA auf. Es wurden gemeinsame Feiern von gekündigten Mitarbeiter*innen und möglichen Arbeitgeber*innen organisiert. Ziel war es, in einem möglichst zwanglosen Kontext Kontakte zwischen Unternehmen und zukünftigen Mitarbeiter*innen zu ermöglichen. In Österreich gab es auch – zeitversetzt, wie bei den meisten Trends – ein paar Versuche, die sich jedoch – aus meiner Sicht – nur als Strohfeuer erwiesen.

OTTO findet Star Wars gut

OTTO macht es vor…

Allerdings ist das Thema nicht tot zu bekommen. Und gerade jene Branchen, die ein Nachwuchsproblem haben, müssen sich etwas einfallen lassen. Das Versandhaus OTTO macht es vor… Man lud unter dem Motto “Wir sind ROT4” potenzielle Mitarbeiter*innen aus dem IT-Bereich zu einem Star-Wars-Event in das CinemaxX Hamburg. Gemeinsam wollte man nicht nur die “Episode VIII – Die letzten Jedi” erleben, sondern nebenbei eine Plattform für IT-Kolleg*innen, Personalist*innen und potenziellen Bewerber*innen schaffen. Die Idee dahinter war ganz einfach: IT-Menschen sind oft sehr Star-Wars- oder Science-Fiction-affin und so versuchte man Talente und Wechselwillige zu begeistern.

Der Hintergrund ist, dass auch OTTO Probleme hat, Fachkräfte zu organisieren. Einfache Stellenanzeigen und Gespräche in mehreren Stufen funktionieren nicht, da in Mängelberufen das Personal weniger oft wechselt. Dies ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die Recruiter*innen verinnerlicht haben müssen. In Mangelbranchen lassen Unternehmen ihre Fachkräfte nicht so leicht ziehen. OTTO setzte mit diesem Event nicht unbedingt auf ein neues Konzept. Ich habe bereits die Pink Slip Partys erwähnt, aber dennoch sind Elemente neu – und vieles ist – so wie es bei Vorauswahlen, die nicht nach dem “Come-as-you-are”-Prinzip funktionieren, genau durchdacht und konzipiert. Die wichtigste Frage bei derartigen Events ist: Wie erreiche ich, dass nur potenzielle Kandidat*innen an den Events teilnehmen und nicht Ottonormalverbraucher*innen (das Wortspiel musste jetzt sein!), die sich eine Gratiskinokarte erhoffen?

Code-Rätsel und genaue Planung

Ein “Code-Rätsel” sorgte dafür, dass nur ITler sich für die Veranstaltung melden konnten. Dabei wurde das Rätsel so gestaltet, dass selbst IT-Studierende die Antwort kennen sollten. Wer die richtige Lösung wusste bekam prinzipiell die Möglichkeit beim Event mitzumachen. Nachdem mehr Kandidat*innen als freie Kinoplätze identifiziert wurden, wurden die Plätze – und dies ist erstaunlich – verlost. Man hätte ja auch Plätze nach einem Lebenslaufcheck vergeben können, aber man entschied sich für einen offenen Weg, was eine spannende Geschichte ist und etwaigen Filtern Vorschub leistet.

Dies ist ein wichtiges Momentum: Hätte man die Karten nach Lebensläufen, Erfahrung etc. vergeben, wäre die Frage essentiell gewesen, wer die Auswahl betreibt. Im Normalfall ist die Personalabteilung zuständig, die mit ihren Filtern arbeitet – und damit wäre die Gefahr groß gewesen, dass das offene Moment verschwindet, die Auswahl ganz so abläuft, wie bei einem normalen Bewerbungverfahren (A, B, C-Kandidat*innen) und der Event nur eine nette Draufgabe geworden wäre. Das Ziel eine Plattform mit einer unverbindlichen Undockmöglichkeit für mögliche Kandidat*innen wäre wahrscheinlich vom Tisch gewesen.

Erfolgreicher Event

“Wir sind ROT4” war laut OTTO so ein Erfolg, dass das Unternehmen diese Form der Veranstaltung öfters macht. Zum einen konnten zwei Mitarbeiter*innen direkt rekrutiert werden, zum anderen sorgte der Star-Wars-Event für eine Vielzahl an Networking-Kontakten. Anders formuliert: Man baut sich eine Evidenz auf. Kandidat*innen verlieren vielleicht die Scheu, sich beim Unternehmen unverbindlich zu melden, wenn sie wechselwillig sind etc. OTTO kann sich zudem als IT-Arbeitgeber positionieren, was logisch, jedoch nicht offensichtlich ist. Und daher wäre es fatal gewesen, es nur bei einem Event zu belassen, weil somit der Plattform-Gedanke nicht umgesetzt worden wäre.

Für die Bewerber*innen war die zwanglose Stimmung ein Erfolg – vor allem die Tatsache, dass man sich mit Recruiter*innen und Fachmitarbeiter*innen unterhalten konnte, war ein wichtiger Schritt OTTO als kommunikationsstarkes Unternehmen mit modernen Arbeitsplätzen zu bewerben. Allerdings ist es auch wichtig, dass die Inhalte stimmen. Ein topdurchgestyleter Rekrutierungsevent  muss dann auch zur Firmenkultur passen.

Lesen Sie in unserem nächsten Beitrag: Lehrlingsrekrutieren ist ja so easy


 Quellen:

Instagram ist hip, Twitter ist out: Social Media im Lehrlingsrecruiting

Mit wem man auch im Personalbereich spricht… Die Diskussionen drehen sich aktuell um das gleiche Thema und die gleiche Frage: Wie rekrutieren wir die besten Bewerber*innen? Über Social Media? Super ja! Aber über welche?

Diese Fragen werden mittlerweile auch bei der Auswahl von Lehrlingen gestellt. Im Rahmen einer großangelegten Vorauswahl, die von der Lehrlingsbox für ENGIE AUSTRIA durchgeführt wurde, fragten wir die potenziellen Lehrlinge (Gebäudetechniker und Technische Zeichner) auch nach den sozialen Medien, die Sie derzeit nutzen.

92 Interviews

Die Kandidat*innen mit denen wir sprachen – immerhin 92 an der Zahl bei über 200 Bewerbungen – gaben spannende Einblicke. Eines der Ergebnisse ist klar. Die Berufe “Technischer Zeichner” und “Gebäudetechniker” sind weitgehend männlich besetzt. Gerade bei den Gebäudetechniker*innen hatten wir eine einzige weibliche Bewerberin. Bei den Technischen Zeichner*innen war es ausgewogener – und dennoch auch hier überwogen die Bewerbungen der Burschen.

Nebenerkenntnisse – Gender und Lehrstelle

So verwundert es nicht, dass das Verhältnis der befragten Kandidat*innen 86 zu 6 war (86 junge Männer und 6 junge Frauen).

Das Alter der Kandidat*innen erstreckte sich zwischen 15 und 28. Gut zwei Drittel der Befragten waren 15, 16 und 17 Jahre alt. Ältere Bewerber sind deutlich geringer anzutreffen. 12 Bewerber*innen waren 18 Jahre alt. Auch hier bestätigt sich der Eindruck, dass die meisten Bewerber*innen zwischen 15 und 17 Jahre alt sind. Bei 18-Jährigen fällt die Anzahl der Kandidat*innen deutlich, danach geht es noch schneller. 20-Jährige sind nur einzeln mehr zu finden.

Welche sozialen Medien nutzen Sie

Zur Auswahl standen:  Facebook, Snapchat, Instagram, Twitter, Pinterest und die Kategorie “Andere”.  Die Kandidat*innen mussten angeben, welche Medien Sie nutzen würden. Hintergrund der Befragung war natürlich zu erfahren, welche Medien die Jugendlichen und jungen Erwachsenen nutzen würden. Interessant ist, dass 21 Kandidat*innen angaben drei oder mehr Medien zu nutzen. Interessanterweise wurde WhatsApp als “Soziales Medium” angegeben und von etlichen Kandidat*innen als Alternative zu den von uns genannten Produkten genannt. Nur ein einziger Kandidat nannte den Chat-Dienst “Viber” als zusätzliche Alternative.

Nicht alle nutzen Soziale Medien

Ein wenig überraschend war die Tatsache, dass insgesamt 6 Befragte angaben, überhaupt keine Sozialen Medien zu nutzen. Es kann natürlich auch sein, dass die Interviewten keine Angaben zur Nutzung von Sozialen Medien machen wollten. Allerdings fielen die Antworten eher spontan aus. Sollte die Zahl stimmen, dann ist das Vorurteil widerlegt, dass alle Jugendliche soziale Medien nutzen.

Instagram auf Platz 1 – Twitter spielt kaum eine Rolle

Leute, die sich mit den sogenannten Sozialen Medien beschäftigen haben bereits gewusst oder geahnt, dass  Instagram auf Platz 1 bei den Befragten liegen würde – deutlich vor Facebook.  Natürlich gehören beide zu einem Konzern. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass viele Facebook und Instagram gemeinsam nutzen.

Der durch den u.s.-amerikanischen Präsidenten Donald Trump so gepushte Kurznachrichtendienst Twitter spielt bei den Befragten (fast) keine Rolle. Gerade einmal zwei Kandidat*innen gaben an Twitter zu nutzen.


Wollen Sie die Details zu dieser Umfrage haben, dann wenden Sie sich doch bitte direkt an uns: desk@whatelsen.work

“Leider müssen wir Ihnen mitteilen” – Der Umgang mit Absagen

Finden Sie die richtigen Worte? Wie gehen Sie mit einer Absage um? Bewerbungsabsagen sind ein schwieriges Thema. Viele Bewerber*innen bekommen keine Antworten oder lediglich Standardabsagen. Auch ich habe vor Kurzem wieder so ein Beispiel erlebt. Trotz aktiver Ansprache durch das Unternehmen und persönlichem Gespräch wurde mir beschieden, dass “der Kunde” sich für einen anderen Bewerber entschieden habe. So weit,  so schlecht. Tatsache war jedoch: Ich wurde vom Personalunternehmen direkt angesprochen und nicht von einem Kunden. Die Absage, die ich erhielt, stammte also zweifelsohne aus dem Vorlagenordner. Über die möglichen Gründe für dieses Vorgehen habe ich schon in meinem Beitrag “Leider müssen wir Ihnen mitteilen – Die Absage” geschrieben. Kommen wir also nun zu ein paar Ideen und Verbesserungsvorschlägen!

Was können Firmen tun?

(1) Das gute alte “Eisschreiben”

Wie formuliere ich eine Absage so, dass der Bewerber oder die Bewerberin auch etwas mitnehmen kann. In einem konkreten Fall beschränkte ich mich auf die fachlichen Gründe und erklärte, dass eine aktuelle Praxis im Innendienst notwendig sei. Aus der Bewerbung sei nicht ersichtlich, ob der betreffende Kandidat Verkaufsgespräche in Englisch führen konnte… Ich versicherte dem Bewerber, dass wir die Bewerbung in Evidenz nehmen würden… Offensichtlich passte die Absage und das Interesse war sofort erloschen. Natürlich sicherte ich mich ab und blieb bei den rein fachlichen Gründen.

Ich verstehe, dass man sich als Personalabteilung oder Recruiter*in das Leben einfach machen will: Aber die Standardabsage, die besagt, dass ein anderer Kandidat oder eine andere Kandidatin noch “geeigneter” ist, sollte nur bei einer ersten Runde eingesetzt werden. Der Hinweis auf die Evidenz ist dennoch von Vorteil, weil er die Absage nicht ganz endgültig erscheinen lässt. Die Evidenz sollte jedoch auch gepflegt werden. Das ist keine neue Erkenntnis und auch nicht revolutionär, wird jedoch viel zu selten gemacht.

(2) Für jede Runde eine entsprechende Absage

Noch einmal: Standardabsagen aus dem Vorlagenordner ersparen Zeit. Legen Sie sich also mehrere Vorlagen für Absagen in ihrem Ordner ab. Bei der ersten allgemeinen Runde kann man ja die Absage allgemein belassen. Wenn Sie nach dem ABC-Prinzip bei der Selektion vorgehen (A-Kandidat*innen kommen eine Runde weiter, B-Kandidat*innen kommen auf den Vielleicht-Stapel und C-Kandidat*innen werden sofort abgesagt) sollten Sie drei verschiedene Absagen formulieren.

Absagen, die nach  Bewerbungsgesprächen verschickt werden, sollten auf jeden Fall persönlich gehalten werden. Sätze wie: “Wir haben und für eine*n Bewerber*in entschieden, der/die noch besser auf die ausgeschriebene Stelle passt” sorgen vor allem bei hochspezialisierten Kräften für ein ungläubiges Kopfschütteln. Bewerber*innen, die eine hohe Passgenauigkeit bei den fachlichen und ausbildungstechnischen Anforderungen mitbringen, jedoch aus anderen Gründen nicht zu einem Gespräch eingeladen werden (zu hohe Gehaltsvorstellungen, Überqualifizierung, etwas längere Stehzeiten, persönliche Abneigung, Teampassung etc.) sollten auch mit einer persönlicheren und passenderen Absage rechnen dürfen.

“Persönlich” heißt, dass man die Absagen öfters ändern und einzeln verschicken muss. Dies bedeutet natürlich einen erheblichen Mehraufwand, der sich jedoch sehr lohnen wird… Wieso? Eine persönlich gehaltene Absage macht einen schlanken Schuh und ist auf jeden Fall angemessen. Schließlich haben die Bewerber*innen auch einige Mühen auf sich genommen… Das bedeutet nicht, dass Sie jede Absage komplett neu schreiben müssen. Der richtige Name des Adressaten oder der Adressatin und ein persönlicher auf die konkrete Bewerbung bezogener Satz zeigen, dass man die Bewerbung gelesen hat. Der Unterschied zu den klassischen Leider-Briefen aus dem Standardordner ist gewaltig. Das Stichwort heißt auch hier Employer Branding. Und vergessen Sie nicht: Man begegnet sich immer zweimal.

(3) Inserate mit Ablaufdatum

Leider wird auf dieses Mittel kaum zurück gegriffen. Ablaufdaten auf ein Inserat (“Bewerbungen werden bis zum 10. Oktober 2017 angenommen”) geben eine zeitliche Orientierung für die Bewerber*innen. Damit steuert man das Bewerbungsaufkommen ein wenig. Klare Spielregeln vereinfachen die Sache zusätzlich. Tipp: Geben Sie in der Ausschreibung bereits ein Stichdatum A für den Einsendeschluss der Bewerbungen an und ein Stichdatum B für den Dienstbeginn. Das strukturiert Ihren Prozess und sollte das Bewerbungsaufkommen steuern, was Ihnen Ressourcen für die Absagen verschafft.

(4) Absagen mit Ermutigungen

Kleine Ermutigungen sind eine wichtige Sache. Verstecken Sie ein Kompliment in Ihrer Absage.

Beispiel: “Wir schätzen sehr, dass Sie für uns arbeiten wollen. Auch haben uns Ihre Unterlagen sehr gut gefallen. Ihre Bewerbung war aussagekräftig und konnte leicht bearbeitet werden. Dafür danken wir Ihnen. Auch, wenn wir Ihnen momentan keine passende Stelle anbieten können, finden wir Ihren Werdegang so spannend, dass wir uns eine zukünftige Zusammenarbeit vorstellen können. Wir würden uns deshalb sehr freuen, wenn wir in Kontakt bleiben könnten. Vernetzen Sie sich gerne mit uns über XING, LinkedIn oder Facebook.”

In diesem Schreiben sind weitere Dinge versteckt. Nicht nur ein Dankeschön und ein kleines Kompliment sind zu finden, sondern auch die Aufforderung sich zu vernetzen. Dies hilft sicherlich bei zukünftigen Vakanzen.

Was können Bewerber*innen tun?

(a) Vor der Bewerbung anrufen

Als Bewerber*in lohnt es sich einfach kurz anzurufen, um zu erfragen, ob die Stelle noch vakant ist. Abgesehen davon, dass Sie sehr oft eine Antwort bekommen, die weit über das normale Inserat hinaus geht, erspart es Ihnen Zeit, Geld und Mühe. Es bringt Sie sogar noch weiter, weil Sie vielleicht die eine oder andere Zusatzinfo über die Stelle bekommen und diese in Ihrer Bewerbung berücksichtigen können. “Vor”-Sicht ist hier besser als “Nach”-Sicht.

(b) Nachfassen

Es gibt ja Stimmen, die behaupten, dass es wenig bringen würde, bei einer Absage nachzufassen. Auch wenn aus Gleichbehandlungsgründen der wahre Grund für die Absage eventuell verschleiert wurde, sollte man professionell und höflich nachhaken. Ich habe beim Nachfassen drei Dinge erlebt: Erstens habe ich hin und wieder ein Feedback bekommen, das mir weiter half, auch wenn es nicht immer sehr angenehm war. Zweitens ist es für das eigene Wohlbefinden deutlich besser, aktiv mit der Absage zu arbeiten, als sie nur passiv hinzunehmen. Der dritte Grund ist, dass ich vielleicht doch noch einen Turnaround schaffe, indem ich mein Interesse noch einmal bekunde. Funktioniert wahrscheinlich selten, ist jedoch nicht unwahrscheinlich. Ich habe es als Bewerber zumindest einmal erlebt.

(c) Eine generelles Unwohlsein mit Absagen – Lernen vom Datingmarkt

Ein Phänomen aus einem anderen zwischenmenschlichen Bereich erklärt vielleicht, wieso wir uns so schwer mit Absagen tun. Gemeint ist der sogenannte Heirats- oder Datingmarkt. Insbesondere jenes Phänomen, das auf Neudeutsch  “Benching” genannt wird, ist sehr aufschlussreich. Lernt man jemanden kennen, der zwar nicht uninteressant ist, jedoch nicht die Kriterien des Traummanns oder der Traumfrau erfüllt, erteilen wir beim Benching keinen direkten Korb, sondern lassen ihn/sie ein wenig auf der “Ersatzbank” schmoren. Termine und Wiedersehen werden auf “unbestimmt” verschoben. Man hält sich die Person ein wenig “warm”. Im Recruiting nennen wir das wohl “Evidenz”. Aber wieso betreiben viele Menschen “Benching” und spielen so mit den Gefühlen des Gegenübers. Die Antwort ist so einfach, wie banal: “Viele Frauen benchen Männer, weil sie sich schwer damit tun, jemandem ihr immenses Desinteresse zu beichten. Auch wenn ihnen der Mann mittlerweile mächtig auf die Nerven fällt und seine Avancen schon lange nicht mehr schmeichelhaft, sondern anstrengend sind.” (Quelle: ze.tt “Benching ist das fieseste Datingverhalten seit Ghosting”)”

Laut Artikel in der ze.tt hofft frau durch ständiges Vertrösten und Aufschieben, dass das männliche Gegenüber das Interesse verliert. Ich kenne dies aus dem Personaldienstleistungsbereich. Die Recruiter*innen erzählen mir, dass noch keine Entscheidung gefallen ist, dass man noch brauche und dass der/die zuständige Entscheider*in sowieso auf Urlaub ist. Irgendwann rücken Sie dann mit der Sprache heraus und teilen mit, dass die Stelle bereits besetzt ist. Es geht darum Zeit zu gewinnen und möglichst “schonend abzusagen”. Das ständige Vertrösten soll dazu führen, dass Sie als Bewerber*in oder als Personaldienstleister*in das Interesse verlieren.

Beim Benching – ob im Job, bei einer Vertragsverhandlung oder im privaten Bereich – empfehlen sich zwei Dinge. (1) Hartnäckigkeit – Fragen Sie nach ohne zu nerven (2) Konfrontieren Sie Ihr Gegenüber damit, dass Sie das Gefühl haben, auf die lange Bank geschoben zu werden.

(d) Was mich nicht umbringt macht mich stärker

Daniel Mulec vertritt in seinem Blog die Meinung, dass Langzeitarbeitslosigkeit die Resilienz der Arbeitssuchenden stärken würde. Grundsätzlich finde ich diese Aussage spannend, da ich die Motivation seiner Behauptung verstehe. Kurz gesagt: Die Aussage, dass Langzeitarbeitslosigkeit und ständige Absagen mich stärken, ist in meinen Augen nicht anderes als eine Motivationsformel. Ich bemerke in der täglichen Arbeit, dass Absagen immer ein wenig wie ein Schlag in die Magengrube funktionieren – besonders dann, wenn ich sie Bewerber*innen persönlich ausrichten muss.  Viele Absagen führen sehr oft zu Desillusionierung und vielleicht sogar zu Depressionen. Die Quintessenz bei Absagen ist relativ einfach: Schlechte Nachrichten bleiben schlechte Nachrichten – und wir verkraften leider nur eine bestimmte Dosis an negativen Ereignissen. Daher bin ich nicht davon überzeugt, dass Langzeitarbeitslosigkeit zu einer stärkeren Resilienz führen muss oder automatisch führt. Wie gesagt: Es handelt sich um einen guten Motivator, der nur durch einen Perspektivenwechsel, nach dem Motto: “Was mich nicht umbringt, macht mich stärker” funktioniert. Ein funktionierendes soziales Netz sollte ebenso helfen.

(e) Nehmen Sie es nicht persönlich! Nutzen Sie Rituale

Fazit: Absagen werden als Niederlagen empfunden. Das Gefühl ist den Bewerber*innen nur schwer zu nehmen. Was Sie jedoch tun sollten ist, die Absage nicht persönlich zu nehmen, sondern als Teil des Spiels zu betrachten. Sie meinen, dass dies nicht so einfach sei: Richtig! Was ist schon einfach? Aber Sie können es trainieren, indem sie sich ein paar Rituale zurecht legen. Ich persönlich höre mir dann gerne “That’s Life” von Frank Sinatra an. Andere haben ein Schild auf der Wand neben Ihrem Schreibtisch mit der Aufschrift “Aufstehen, abputzen, Krone richten und weiter…” platziert. Für jene, die es philosophisch mögen, kann ein Blick in Marc Aurels Selbstbetrachtungen helfen: “Mein Großvater Verus gab mir ein Beispiel an Milde und Gelassenheit…”

Wie gehen Sie mit Absagen um?

Haben Sie andere Tipps und Vorschläge, wie wir mit Absagen umgehen können. Ich freue mich auf Hinweise und Kommentare.