Good News: 40.000 mehr Jobs in Wien bis 2022

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Gute Nachrichten sollte man schnell in Umlauf bringen. Laut Wirtschaftskammer werden die Wiener Betriebe bis ins Jahr 2022 rund 40.000 neue Jobs schaffen. Diese Zahlen basieren auf der Bildungsbedarfsanalyse 2017, die seit 2013 jedes zweite Jahr erhoben und präsentiert wird. Das Hauptaugenmerk der Untersuchung liegt auf der Frage, welche Bildungsabschlüsse in den kommenden fünf Jahren von den Wiener Unternehmen besonders nachgefragt werden. Die Untersuchung befragte mehr als 1500 Unternehmen in allen Branchen und Sparten. Die befragten Unternehmen repräsentieren zirka 100.000 Arbeitnehmer*innen.

Wiens Unternehmen brauchen in den nächsten fünf Jahren zusätzliche 40.000 Mitarbeiter*innen. Besonders gefragt sind HTL- und Fachhochschulabsolvent*innen mit einem speziellen Augenmerk auf Fremdsprachenkompetenzen.

Auch österreichweit sei der Trend positiv: Der KURIER berichtete Anfang September, dass in ganz Österreich bis Ende 2021 228.000 neue Jobs geschaffen werden würden –  und die Arbeitslosigkeit fallen würde:

“Eine Prognose des Synthesis-Instituts im Auftrag des AMS, die dem KURIER vorliegt,  geht sogar bis einschließlich 2021 von einer sinkenden Arbeitslosigkeit aus. Bis 2021 dürfte die Quote demnach auf 8 Prozent sinken. Hauptgrund ist die anziehende Konjunktur in und um Österreich: Die Nachfrage der Unternehmen steige daher rascher als das Angebot an Arbeitskräften. So werde der Personalbedarf heimischer Unternehmen bis dahin um 228.000 Menschen zunehmen, was zu einem Rückgang der Arbeitslosen um 28.100 Personen führen könnte.”

Dauerbrenner: Lehrstellen

Der Bedarf an Lehrlingen wird laut der Bildungsbedarfsanalyse steigen. Dies liegt vor allem daran, dass Lehrstellen nicht besetzt werden können, da “geeignete” Lehrlinge fehlen. Insgesamt sind die Zahlen bei der Lehrlingsfrage sehr unterschiedlich. Knapp 10 Prozent der befragten Unternehmen sprechen sogar davon, dass es ein Überangebot an Lehrlingen gäbe, 34 Prozent sprechen von zu wenig passenden Lehrlingen. Dies erklärt vielleicht warum 2016  in Wien alleine 600 Lehrstellen nicht besetzt wurden. Den 600 unbesetzten Lehrstellen stehen 16.800 Lehrlinge in 4000 Betrieben gegenüber. In diesem Zusammenhang monieren die Vertreter*innen der Wirtschaftskammer, zum wiederholten Male, fehlende Kenntnisse bei den Basiskompetenzen wie Lesen, Rechnen etc. Auch das Polytechnikum wird in diesem Zusammenhang kritisiert.

Da verwundert es nur wenig, dass knapp 50 Prozent der befragten Betriebe glauben, dass Lehrlinge aus den Bundesländern besser seien, als jene in Wien. Diese These ist angesichts der Zusammenstellung der Nationalmannschaft der Jungfacharbeiter*innen für die diversen World und Euroskills nicht ganz von der Hand zu weisen.

Positiv ist noch zu vermerken, dass das Stichwort “Karriere mit Lehre” weit mehr ist als eine charmante Floskel. In 29 Prozent der Fälle würden ehemalige Lehrlinge Führungsaufgaben übernehmen.

Welche Lehrberufe werden nachgefragt?

Mit Ausnahme der Branche “Transport und Verkehr” steigt die Nachfrage nach Lehrlingen in allen Bereichen. Besonders erfreulich ist, dass man in den Sparten Industrie, Handel und Information resp. Consulting mit einem Plus von über 20 Prozent rechnet. In absoluten Zahlen ist das Gewerbe jener Zweig mit dem stärksten Anstieg. Immerhin rechnet man mit einem Plus von 143 Lehrlingen in den nächsten Jahren.

Quelle: Bildungsbedarfsanalyse 2017 / WKO

Karriere mit AHS-Matura?

AHS-Absolvent*innen haben nach wie vor ihre Chance auf dem Arbeitsmarkt. Überbewerten solle man die Matura allerdings nicht. Die AHS-Matura alleine reiche heute kaum mehr aus, um einen Job zu finden. Die Studie formuliert diesen Sachverhalt relativ drastisch:

“Absolventen von allgemeinbildenden höheren Schulen sollten nicht damit rechnen, dass sie in den Wiener Betrieben Arbeitsplätze vorfinden, die ihre Ausbildung voraus setzen und somit die Betriebe Arbeitsplätze ausdrücklich für sie vorgesehen haben. Lediglich 22% (2015: 16%) der Unternehmen geben an, dass es Posten gibt, deren Stellenbeschreibung explizit einen Absolventen dieses Schultyps vorsieht. 18% der Betriebe planen in 3 bis 5 Jahren mehr Absolventen von allgemeinbildenden höheren Schulen zu beschäftigen, 7% planen die Einstellung von weniger AHS Absolventen. Diese „Bilanz“ für AHS-Maturanten lässt sich aber aus Sicht der Personalisten der Betriebe durch ein Technikstudium verbessern.” (Bildungsbedarfanalyse 2017; Seite23)

Die Kombination aus AHS-Matura (aufgrund der vermittelten Allgemeinbildung) mit  einem anschließenden Technik-Studium seien eine gute Kombination und ein ziemlicher Jobgarant. Da die Matura alleine nicht reicht, denkt die Wirtschaftskammer laut darüber nach,  Maturant*innen den Zugang zu einer verkürzten Lehre zu erleichtern.  Somit würde die Lehre für Absolvent*innen einer allgemein höheren Bildungsanstalt sicherlich schmackhafter.

Hoffnung für ungelernte Kräfte – und hohe Nachfrage nach FH-Kräften

Aber auch für ungelernte Kräfte besteht Hoffnung. Die Bildungsbedarfsanalyse verzeichnet in den nächsten 5 Jahren ein Plus von 2,9 Prozent in diesem sehr speziellen Sektor. Dies würde bedeuten, dass ein Bedarf von knapp 3.300 zusätzlichen Kräften für ungelernte Tätigkeiten besteht. Bedenkt man, dass Flüchtlinge sehr oft zu den ungelernten Kräften gehören, kann man hier von einer sehr guten Nachricht sprechen. Es verwundert nicht, dass die FH-Absolvent*innen die am stärksten nachgefragte Gruppe sind. Hier rechnet man mit einem Plus von 20,2 Prozent, was 6.600 zusätztliche Mitarbeiter*innen mit FH-Abschluss bedeuten würde.

Macht uns die Automatisierung einen Strich durch die Rechnung?

Parallel zu diesen erfreulichen Berichten und Zahlen tauchen in letzter Zeit verstärkt Berichte und Studien auf, die nahelegen, dass eine zunehmende Automatisierung und Digitalisierung einen großen Einfluss auf den Arbeitsmarkt haben werden. Das Onlinemedium “Addendum” greift – wie viele andere – eine aktuelle IHS-Studie auf:

“Laut IHS wackeln 360.000 Arbeitsplätze. Eine Zahl, die nach unseren Einschätzungen womöglich zu niedrig angesetzt ist. Wendet man die Ergebnisse des IHS nämlich auf die Lohnsteuerstatistiken an, die alle Fälle auflistet, in denen im Jahr 2015 Lohnsteuer gezahlt wurde, zeigt sich, dass rund 432.000 Arbeitsplätze von Automatisierung bedroht sind. Zur Einordnung der Dimension: Im Oktober 2017 waren etwa 316.000 Personen in Österreich arbeitslos.” (addendum: Automatisierung)

Es ist natürlich interessant, dass die verstärkte Digitalisierung und Automatisierung ein Mehr an Informatiker*innen und Ingenieur*innen benötigt. Dies wird sowohl von IHS als auch von der Bildungsbedarfsstudie bestätigt. In den beiden genannten Bereichen herrsche schon jetzt ein Unterangebot von 36 Prozent (Informatik) respektive zirka 41 Prozent bei den Ingenieur*innen. Gerade das Thema Automatisierung zeigt, dass der Arbeitsmarkt in Wien, aber auch in Österreich, immer dynamischer wird. Neue Fragen zur Arbeitsplatzsicherung, zur Aus-und Weiterbildung, aber auch zur Arbeitslosigkeit und zum Thema Lohnarbeit an sich werden uns in den nächsten Jahren beschäftigen.

Gender Pay Gap: Ein paar Überlegungen

Die Meldung kam in den letzten Tagen fast schon lapidar. Offensichtlich hat man sich daran gewöhnt, dass in Österreich laut Statistik, Frauen im Schnitt 21,7 Prozent weniger verdienen als Männer.  Österreich gehört damit zu den üblichen Verdächtigen am Schluss des europäischen Rankings. In Estland, Tschechien und Deutschland (sic!) ist die Schere noch größer. Europäische Musterbuben und Mustermadeln in Sachen “Gender Pay Gap” sind Italien und Luxemburg mit jeweils nur 5,5 Prozent Unterschied. Der Schnitt in Europa liegt bei 16, 9 Prozent. Die europäische Union will nun einen Aktionsplan ausarbeiten. Soweit, so gut.

Was die Berichterstattung jedoch nicht beleuchtet, sind die Gründe für den Unterschied. Wie kann es sein, dass Deutschland, die Exportmilchkuh der europäischen Union, seine Töchter schlechter bezahlt als fast alle anderen EU-Staaten? Und die gleiche Frage lässt sich natürlich auf Österreich ummünzen…

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich ein paar Dinge anschauen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich gesteinigt werde. Aber Frauen verdienen bei gleicher Ausbildung, Berufserfahrung und gleicher Tätigkeit soviel wie die Männer. Die Kollektivverträge lassen es in Österreich nicht zu, dass man so leicht diskriminieren kann und die Berechnung von Eurostat vergleicht Äpfel mit Birnen. Vor allem muss man jedoch wissen, dass die Angaben von Eurostat “unbereinigt” sind. Das bedeutet, dass keine länderspezifischen Besonderheiten oder Eigenheiten der jeweiligen Beschäftigungsstruktur berücksichtigt werden – weil man andernfalls die einzelnen Länder wahrscheinlich gar nicht miteinander vergleichen könnte.

Einkommensunterschiede und Gender Pay Gap

Welche Gründe führen zum Gender Pay Gap?

(1) Die Berufswahl

Friseurinnen, Bürokauffrauen und Verkäuferinnen in Supermärkten verdienen nun einmal weniger als Mechaniker, Mechatroniker oder Monteure mit ihren Zulagen. Übrigens verdienen Frisöre, Bürokaufmänner und Verkäufer auch weniger als Mechanikerinnen, Mechatronikerinnen oder Monteurinnen. Was will ich damit sagen? Die Branchen entscheiden, ob viel oder wenig verdient wird. Innerhalb der Branchen sind die Verdienstmöglichkeiten gleich. Frauen wählen nach wie vor klassische Frauenberufe mit einem niedrigeren Einkommen. Die drei beliebtesten Lehrplätze bei Frauen – Einzelhandel, Bürokauffrau, Friseurin – stehenden besser bezahlten “männlichen” Berufen wie Mechaniker, Tischler oder Installateur gegenüber. Die neuen Bestrebungen des Handels verschlimmern dies noch. Etliche Unternehmen im Handel zahlen den Lehrlingen bewusst höhere Lehrlingsentschädigungen als Anreiz. Ein Lehrling bei großen Handelsunternehmen verdient im dritten Lehrjahr soviel wie ein ausgelernter Mitarbeiter. Danach steigt das Gehalt nicht mehr so stark.

(2) Teilzeit

Frauen wählen überdurchschnittlich oft Teilzeitjobs. Oder anders formuliert: In klassischen Frauenbranchen werden übermäßig viele Teilzeitjobs angeboten. Wenn Sie mir nicht glauben: Suchen Sie mal in Supermärkten oder im Trainingsbereich Vollzeitstellen. In diesen Branchen sind Frauen überrepräsentiert. Ich bearbeite viele Jobs aus dem Bereich Technik, Handwerk und Gewerbe. Vollzeit ist hier Standard. Teilzeitjobs kommen mir allenfalls in diesem Bereich bei Bürokräften und im Verkauf unter die Finger. Ein Beispiel: bei einem Reifenhändler sind alle KFZ-Mechanik-Positionen in Vollzeit ausgeschrieben, alle Verkaufsjobs jedoch in Teilzeit. Auch in den Human-Ressource-Abteilungen gibt es offenbar immer mehr Teilzeitjobs und auch hier sind die meisten Ansprechpartnerinnen Frauen. Insgesamt arbeiten laut Wiener Wirtschaftskammer 49,8 Prozent der Frauen in Teilzeit. Mit anderen Worten: Jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit. Bei den Männern sind es lediglih 9,8 Prozent – sprich jeder 10 Mann arbeitet Teilzeit. (Wiener Wirtschaft, Nr. 47/23.11.2017)

(3) Einkommensberichte

Seit 2011 müssen alle größeren Unternehmen anonymisierte Einkommensberichte vorlegen. Diese Berichte sollten dazu dienen, den Gender Pay Gap auch mit entsprechenden Zahlen zu illustrieren. Zur Überraschung aller musste die damalige Frauenministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) feststellen, dass es kaum Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau in den österreichischen Konzernen gab. Die Einstufungen wurden und werden genau vorgenommen. Das Anrechnen von Vordienstzeiten wird wohl immer weniger ein Argument für einen Einkommensunterschied sein, weil Kollektivverträge, wie der BABE, eine Deckelung mit maximal 5 Jahren vorsehen.

(4) Das West-Ost-Gefälle

Laut Genderatlas  herrscht in Österreich ein West-Ost-Gefälle. Die Spanne ist in den östlichen Bezirken (vor allem  im Grenzbereich zu Tschechien, der Slowakei und Ungarn) höher als in den westlichen Bezirken. Wien ist eine Ausnahme. Neben den bereits beschriebenen Faktoren wie Ausbildung etc. spielen natürlich auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Region eine Rolle. Darüber hinaus müsste man sich ansehen, wie viele KV’s ein Lohngefälle zwischen Osten und Westen bereits im Kollektivvertrag definieren. Bei der nicht unwichtigen Gruppe der Handelsangestellten verdienen Mitarbeiter*innen in Westösterreich mehr als in Ostösterreich.

(5) Die Erwerbsquote

Entscheidend für den Gender Pay Gap ist auch die Beschäftigungsquote. Oft geht ein niedriger Gender Pay Gap auch mit einer niedrigen Frauenerwerbsquote konform. In Italien und auf Malta sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau im Gehaltsbereich deutlich geringer als in Österreich und in Deutschland. Österreich und Deutschland haben jedoch – im Gegensatz zu Malta und Italien – eine deutlich höhere Frauenerwerbsquote. Dies bedeutet, dass in Deutschland und Österreich wesentlich mehr Frauen in der Erwerbsarbeit tätig sind, als auf Malta oder in Italien. Mehr arbeitende Frauen führt natürlich auch zu mehr Teilzeitbeschäftigungen bei Frauen. Allerdings ist dies kein Gesetz. In den skandinavischen Ländern haben wir ebenfalls eine hohe Frauenerwerbsquote und einen Gender Pay Gap der unter dem EU-Durchschnitt liegt. Es ist also auch wichtig, ob Frauen übermäßig im Niedriglohnsektor arbeiten oder nicht.

Man kann also sehen, dass der Gender Pay Gap ein sehr dynamisches Thema ist. Was für den einen Staat richtig ist, muss für den anderen noch lange nicht gelten. Auf jeden Fall muss mit der Vorstellung aufgeräumt werden, dass Frauen bei gleicher Ausbildung und Praxis weniger verdienen. Die Einkommensunterschiede resultieren aus Faktoren, die wenig mit einer gehaltstechnischen Diskriminierung zu tun haben, als mit Faktoren wie Berufswahl, Ausbildungswunsch, wirtschaftliche Möglichkeiten der Region etc.

Allerdings bedeutet dies nicht, dass alles in Ordnung sei. Absolut gesehen, bleiben die Einkommensunterschiede bestehen. Um jedoch Lösungen zu finden, müssen die Strukturen geändert werden. Dies fängt bei der (Aus)bildung an, führt über ein Talente-Management, das diesen Namen auch verdient bis hin zu Unterstützungen an die Unternehmer, die es Ihnen leichter machen Frauen aufzunehmen (vor allem im gewerblichen Bereich).


Lesen Sie auch: Gender Pay Gap: Frauen verdienen weniger als Männer

Äpfel mit Birnen vergleichen – oder misstraut gelegentlich (Arbeitsmarkt)-Statistiken

Die Wissenschaft beweist…

Angeblich soll Winston Churchill das Bonmot geprägt haben, dass er nur jenen Statistiken Glauben schenke, die er selbst gefälscht habe. Mir gefällt der Satz des britischen Humoristen Lionel Strachey noch besser: “Die Statistik ist eine große Lüge, die aus lauter kleinen Wahrheiten besteht.”

Die österreichischen Tageszeitungen  “Die Presse” und “Heute” veröffentlichten am 28. Juli jeweils einen Artikel zum selben Thema. “Die Presse” präsentierte unter dem auflagenträchtigen Titel “Österreicher lieber arbeitslos als Billiglohnempfänger”  die neueste Ausgabe des Randstad Workmonitors. Der Lead weist dann auf ein zweites Thema hin: “Auch mit dem Auswandern könnten sich die Österreicher nicht so anfreunden, um in einen angestrebten Job einzusteigen. Nur 38 Prozent würden einer Umfrage zufolge vorübergehend ins Ausland ziehen.” Randstad – ein niederländischer Personaldienstleister, der 1960 gegründet wurde und seit 2013 auf dem österreichischen Markt ist – gehört zu den größten Personaldienstleistern weltweit. Das Unternehmen kaufte 2013 USG People. Der Konzern ist laut eigenen Angaben in 39 Ländern an 4.400 Standorten aktiv.

Noch pointierter präsentierte die Wiener Gratiszeitung “Heute”, die ja unterschiedlichen Berichten zufolge bald in den Genuss von Presseförderung kommen soll,  dasselbe Thema: “Österreicher lieber arbeitslos als unterbezahlt.  Eine neue Studie enthüllt: 72 Prozent der Österreicher wären lieber arbeitslos, statt einen Job mit niedrigen Gehalt oder einer niedrigen Position zu akzeptieren.”

Interessant ist der Vergleich dieser beiden Schlagzeilen mit Randstad selbst, die Ihre Studie über OTS mit dem Titel: “Umschulen, Weiterbilden, Auswandern – Wie viel Veränderung akzeptieren die Österreicher für den Job?” vorstellten und damit die wichtigsten Parameter der Umfrage gleich in den Titel ihrer Presseaussendung positionierten. Presseaussendungen folgen jedoch teilweise anderen Konzepten als publizierte Artikel.

Zum Inhalt

Aber zurück zu Lionel Strachey und den kleinen Wahrheiten. “Heute” und “Die Presse” zitieren vollmundig den Workmonitor-Report des 2. Quartals und behaupten, dass die Menschen in Österreich lieber arbeitslos wären, als einen schlechter bezahlten Job anzunehmen. Allerdings ist dies nicht ganz korrekt. Die offizielle Fragestellung des Personaldienstleisters lautete: “Ich würde ein niedrigeres Gehalt oder eine berufliche Degradierung akzeptieren, um meinen Job zu behalten.” 28 Prozent der Befragten konnten der Aussage zustimmen. 3 Prozent stimmten dieser Aussage sogar “voll und ganz” zu.  Allerdings suggerieren sowohl “Heute” als auch “Die Presse”, dass die Fragestellung von Randstad wie folgt lautete: “Ich würde lieber arbeitslos sein, als ein niedrigeres Gehalt oder einen berufliche Degradierung zu akzeptieren.” Inspiriert vom  Randstad-Ergebnis, startete”Heute” eine Umfrage, die den Akzent deutlich verschiebt. Wie repräsentativ das Ergebnis ist, kann nicht gesagt werden. “Heute” wird mehrheitlich in Wien gelesen und eine Alternativ-Fragestellung funktioniert ein wenig anders als eine Aussage, der man mehr oder weniger zustimmen soll und kann. Aber lesen Sie selbst:

Umfrage
Arbeiten ja, aber nicht um jeden Preis?
Ich würde auch unterbezahlt arbeiten, ich kann mich dann noch immer um einen neuen Job umsehen. 33 %
Zu wenig Geld? Dann lieber arbeitslos und ich suche, bis ich was Passendes habe. >67 %
Insgesamt 547 Teilnehmer

Gender Pay Gap

Eine genauere Darstellung der Zahlen aus dem “Workmonitor” von Randstad wäre im Rahmen der Berichterstattung wichtig gewesen. Laut Studie könnten sich 35 Prozent der männlichen Befragten vorstellen, eine schlechtere Bezahlung / Degradierung zu akzeptieren, um den Job zu sichern. Bei den Frauen seien es nur 22 Prozent. Mit anderen Worten: Frauen in Österreich wollten in weitaus geringerem Ausmaß Gehaltseinbußen zwecks Jobsicherung hinzunehmen, als ihre männlichen Kollegen. Woher kommt dieser Unterschied? Er wird weder von den Studienautor*innen erklärt, noch von den Medien thematisiert.

Als Blogger darf ich ein wenig über eine Antwort spekulieren. In Österreich verdienen Frauen im Schnitt noch immer ca. 21 Prozent weniger als Männer. Auch übernehmen Frauen deutlich öfters Teilzeitpositionen als ihre männlichen Kollegen. Mit anderen Worten: Die Einkommenssituation vieler Frauen in Österreich ist schlechter als jene der Männer. Dies könnte erklären, wieso deutlich mehr Frauen eine schlechtere Bezahlung / Degradierung nicht gerade als Option zur Jobsicherung ansehen.

Äpfel- und Birnenstatistik

Weiters sind die Vergleiche zwischen 33 sehr unterschiedlichen  Ländern nur bedingt aussagekräftig. Vor allem, wenn man Länder wie Indien, Luxemburg, die USA und Österreich nebeneinander stellt. Es sind halt Äpfel, die mit Birnen, Grapefruits und Nüssen verglichen werden. Nehmen wir beispielsweise Argentinien. Das Land in Südamerika verzeichnet mit über 8 Prozent Arbeitslosenquote eine deutlich höhere Arbeitslosigkeit als Österreich. Dennoch würden – Laut Studie –  noch weniger Menschen eine Degradierung/Schlechterstellung beim Gehalt in Kauf nehmen als in Österreich. Klingt komisch, ist aber so. Dafür würden 62 Prozent der Argentinier*innen für einen neuen Job ins Ausland abwandern. In Österreich seien es angeblich nur 36 Prozent (dazu später mehr). In Argentinien ist das Arbeitslosengeld ebenfalls anders geregelt als in Österreich. Es wird mit laufender Dauer gekürzt, um den Anreiz nach einer neuen Arbeit zu erhöhen. Die Dauer der Unterstützung hängt noch viel stärker als in Österreich von den vorhergehenden Versicherungszeiten ab.

 

Österreicher*innen wenig mobil – wirklich? Fehler in der Darstellung

Was in anderen Beiträgen in diesem Blog bereits festgestellt wurde, wird auf den ersten Blick auch durch die Randstad-Umfrage dokumentiert. Die Menschen in Österreich sind wenig mobil, wenn es um eine neue Stelle geht. So würden – wie bereits gesagt – nur 36 Prozent (“Heute” nennt aus unerfindlichen Gründen 38 Prozent sic!!!) der Befragten ins Ausland wechseln, wobei der Gender-Aspekt auch hier sehr interessant ist. Laut Umfrage könnten 55 Prozent der weiblichen Befragten und lediglich 40 Prozent der männlichen “Probanden” sich vorstellen ins Ausland zu wechseln… Wie war das?  Moment, da passt etwas nicht: Wenn 55 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer ins Ausland wechseln würden … wie kommen wir dann auf einen Durchschnittswert von 36 Prozent? Es müssten doch dann deutlich mehr als 40 Prozent der Befragten sich bereit erklären, bei fehlenden Jobangeboten, ins Ausland zu wechseln.

Die Studie listet auch unterschiedliche Altersgruppen auf. Machen wir die Gegenprobe beim Altersschnitt: Alle Altersgruppen weisen einen Wert von mindestens 50 Prozent (Altersgruppe der 35 – 40-Jährigen) auf. Nehme ich hier den Durchschnittswert müsste ich also ebenfalls über 50 Prozent an Zustimmung zur Aussage kommen. Betrachten wir die Ergebnisse nach Männern und Frauen, kommen wir auf einen Durchschnittswert von gerundet 48 Prozent (40 Prozent der Männer stimmen der Aussage zu und 55 Prozent der Frauen). Welchen Wert dürfen wir denn nun veranschlagen: ein Drittel (36 Prozent), knapp die Hälfte (48 Prozent) oder doch mehr als der Hälfte?

Dies sind nur einige Unschärfen, die ich entdeckt habe und die kommentarlos von den Medien übernommen wurden. Auf die Frage: “Ich muss mich laufend weiterbilden, um am Arbeitsmarkt vermittelbar zu bleiben bzw. noch besser vermittelbar zu werden” geben die meisten Befragten eine deutlich positive Antwort. Im internationalen Vergleich spricht Randstad von einer hohen Zustimmung und gibt im Ländervergleich als höchsten Wert 56 Prozent an. Österreich würde 18 Prozent erreichen. Wie kann man da von einer hohen Zustimmung sprechen? Des Rätsels Lösung: Die Balken stellen nicht die hohe Zustimmung dar, sondern die niedrigen Ablehnungswerte.

Es kann natürlich an meinen Rechenkünsten liegen, dass ich etwas übersehe und die Zahlen von Randstad stimmen. Aber soweit ich informiert bin, müssen Prozentangaben immer passen- Für mich gilt also der Satz von Erich Kästner immer mehr: “Misstraut gelegentlich euren Schulbüchern! Sie sind nicht auf dem Berg Sinai entstanden…” (Aus “Ansprache zum Schulbeginn”). Im Zeitalter von Copy & Paste gilt dies mehr denn je. Und gerade bei einem so wichtigen Thema, wie jenem der Erwerbsarbeit, sollte man schon genau sein. Egal ob bei “Randstad”, “Heute” oder “Die Presse”…


Fast ein Viertel der Wiener Lehrlinge fällt durch…

23,71 Prozent der Wiener Lehrlinge fielen 2016 bei der Lehrabschlussprüfung durch. Wien bekleidet damit im Bundesländerranking den zweiten Platz. Nur in Tirol fallen noch mehr Lehrlinge bei der LAP durch (24,71 Prozent). Die Lehrlingsstatistik, die von der WKO jährlich publiziert wird, wird von der Wiener Gratiszeitung gewohnt plakativ aufgegriffen. Bereits ein erster Blick in die Statistik zeigt, dass die Situation in Tirol und in Wien besonders dramatisch ist. In Ober-und Niederösterreich fällt „nur mehr“ jede/r Fünfte bei der Lehrabschlussprüfung durch. In Kärnten und in der Steiermark sind es knapp über 15 Prozent.

Ein genauer Blick auf die (Wiener) Statistik erscheint mir besonders wichtig. Tatsächlich ist es so, dass die Ergebnisse auch innerhalb der Branchen sehr stark auseinanderdriften. So weisen die „Überbetrieblichen Lehrausbildungen“ eine besonders hohe Durchfallquote auf. In Wien sind es immerhin 32,31 Prozent aller überbetrieblichen Lehrlinge, die bei der Lehrabschlussprüfung durchfallen. In der Sparte „Gewerbe und Handwerk“ sind es immerhin auch 32,67 Prozent (1.800 Lehrlinge wurden 2016 in Wien in dieser Sparte geprüft). Im Handel sind es hingegen „nur“ 18,24 Prozent und in der Sparte „Tourismus und Freizeitbetriebe“ lediglich 16,45 Prozent. Zusätzlich werden all jene, die zwar die Berufsschule absolvieren, jedoch nicht zur LAP antreten, erst gar nicht in der Statistik angeführt.

Die unterschiedlichen Ergebnisse zeigen, dass es gar nicht so leicht ist, eine eindeutige Antwort auf die Frage, wieso in Wien über 23 Prozent der Lehrlinge ihre LAP negativ benotet bekommen. Der Umstand, dass in einigen Branchen ein Drittel der Lehrlinge die Lehrabschlussprüfung nicht schaffen, zeigt, dass derzeit viele Dinge falsch in der dualen Ausbildung laufen. Der ÖGB sieht die Ursache in der schlechten Ausbildung durch die Betriebe, wo die Lehrlinge nur Kaffee kochen müssten, statt etwas zu lernen. Diese Ansicht wird jedoch durch das Angebot der überbetrieblichen Lehrausbildung alles andere als gestützt. Die „Überbetrieblichen“ mit ihren Stützkursen, Praktika und Lehrwerkstätten sollten ja geradezu der Garant für eine qualitativ hochwertige Lehre sein.

Woran liegt es also?

Die Ursachen sind komplexer. Eine Ursache für die vielen negativen Abschlüsse liegt vielleicht auch darin, dass in einigen Branchen die Gehaltsunterschiede zwischen gelernten und angelernten Kräften nicht allzu hoch sind. Man kann also auch „gutes“ Geld ohne LAP verdienen. Die Gründe liegen aber auch bei den Lehrlingen selbst. Viele sind einfach im falschen Job. Für etliche Lehrlinge ändern sich die Interessen während der Lehre. Man darf nicht vergessen, dass viele Lehrlinge als Teenager eine Lehre beginnen und als Erwachsene einen Lehrabschluss machen. Viele habe die Lehre aus den falschen Gründen begonnen („weil nichts anderes frei war…“, „weil die Eltern es so wollten…“) und einigen fehlt es am nötigen Talent. Viele Lehrlinge treten nur an, um einen Abschluss zu machen und sind eigentlich nicht mehr am Beruf interessiert. Und last but not least: Es gibt auch Betriebe, die ihre Lehrlinge schlecht ausbilden. Welche Gründe nun auch ausschlaggebend sind für das schlechte Abschneiden bei der LAP… Fakt ist: Zu viele Lehrlinge „verhauen“ ihren Lehrabschluss. Diese Lehrlinge fehlen als Fachkräfte in den Betrieben und ein Mangel an Fachkräften ist schlecht für die Unternehmen.

Aus all den genannten Gründen bringt es auch wenig den schwarzen Peter der einen oder der anderen Gruppe hinzuschieben. Mit einer besseren Orientierung der zukünftigen Auszubildenden und der Betriebe, einer genaueren Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen und einer guten Portion Aufgeschlossenheit für neue Wege im Lehrlingsrecruiting könnten wir den Trend, dass von Jahr zu Jahr immer mehr Lehrlinge ihre Abschlussprüfung sprichwörtlich in den Sand setzen, wieder umkehren.

 

dieser Artikel wurde zur Verfügung gestellt von der “Lehrlingsbox”