Daten zum Status “asylberechtigt” werden nicht erfasst…

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“Die Guten ins Töpchen, die schlechten ins Kröpfchen”… “Aschenputtel” von Alexander Zick – Märchen, Grot’scher Verlag, Berlin 1975, Gemeinfrei,

Ein kleiner Rückblick: Die Arbeitsmarktdaten  des Sozialministeriums für den Monat März 2018 weisen unter der Position “Vorgemerkte Arbeitslose” auch die Anzahl der sogenannten arbeitssuchenden “Ausländer*innen”, Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten auf. Die beiden letzten Positionen (Asyl und Schutzberechtigte) wurden noch im Februar unter einer gemeinsamen Position zusammengefasst. Die Gegenposition – nämlich die Anzahl der ausländischen, asylberechtigten und subsidiär schutzberechtigten Erwerbstätigen – fehlt zur Gänze! Auf Anfrage an das Sozialministerium, wie viele “ausländische” Menschen (aufgegliedert in besagte Gruppen) im März 2018 in Beschäftigung standen, bekam ich folgende Antwort:

“Daten zur unselbständigen Beschäftigung werden vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger (HV) immer zur darauffolgenden Monatsmitte veröffentlicht. Die Daten für März stehen also ab ca. Mitte April zur Verfügung. Bei den Daten zur unselbständigen Beschäftigung werden die Informationen zu den Status Asylberechtigt bzw. subsidiär Schutzberechtigt nicht erfasst, da diese nicht in vollständiger Form in den Versicherungsdaten enthalten sind (diese Kategorien betreffen inhaltlich den Aufenthaltsstatus sowie den Arbeitsmarktzugang).” (Quelle: E-Mail der Abt. VI/A/6a – Arbeitsmarktanalyse und Prognose des Sozialministeriums vom 06. April 2018)

“Können keine Auskunft geben”

Auch auf die Frage, wie viele  “geringfügige Beschäftige” sich selbst versichern würden, bekam ich eine Antwort. Ich zitiere aus demselben Mail.

“Daten zur geringfügigen Beschäftigung werden ebenfalls vom HV veröffentlicht. Leider kann das BMASGK zur Selbstversicherung dieser Personen keine Auskunft geben, hier wäre eine spezielle Anfrage und Sonderauswertung bei den Sozialversicherungsträgern erforderlich.”

Wieso eine derartige Sonderauswertung nicht automatisch gemacht wird, um jeweils alle Faktoren auf den Tisch zu legen, entzieht sich meiner Kenntnis. Allerdings bekam ich noch einen Tipp. Ich könne ja “das Online-Datenbankabfragesystem von Arbeitsmarktinformationen „BALI“” nutzen. “Dort haben Sie auch die Möglichkeit die unselbständig Beschäftigten nach Staatsbürgerschaft auszuwerten.” Da sagt man, dass das Service in den Ministerien nicht groß geschrieben werden würde!

Äpfel und Birnen – die alte Geschichte

“Die Daten für März stehen also ab ca. Mitte April zur Verfügung.” Mit anderen Worten: Man kann eigentlich nur eine konkrete Aussage für den Februar treffen. Und wie heißt es so schön: Man soll keine Äpfel mit Birnen vergleichen. Also keine Februar-Daten in eine März-Statistik! Leider ist es dann doch nicht ganz so. In der März-Statistik der Arbeitsmarktdaten finden wir auch Februar-Werte  (Selbständige und geringfügig Beschäftigte). Diese Daten sind für den März 2018 auch noch nicht vorrätig und sollten konsequenterweise nicht aufscheinen. Aber wer will schon Äpfel mit Birnen vergleichen?

Im Februar waren 2.940.295 Menschen mit österreichischer Staatsbürgerschaft beschäftigt. Dem gegenüber stehen 721.836 ausländische Beschäftigte. Spannend ist, dass der erste Platz dabei an die Bundesrepublik Deutschland mit 101.471 Beschäftigten geht, gefolgt von Ungarn mit 91.523 Beschäftigten. Auf Platz 3 finden wir die Türkei mit 56. 109 Beschäftigten. Bei den Arbeitslosenzahlen ist es so, dass 254.546 arbeitssuchende  sogenannten Inländer*innen, 110.104 Ausländer*innen gegenüberstehen (ohne Schulungsteilnehmer*innen). Eine weitere Unterteilung in Asylberechtigte ist mit BALI nicht möglich.

“Freie Dienstnehmer*innen”

Auch die Frage nach den “freien Dienstnehmer*innen” kann über BALI genau beantwortet werden. Im Februar (auch hier liegen keine Daten für den März 2018 vor) arbeiten 14.213 Personen als “freie Dienstnehmer*innen”. Zum Vergleich: Im Februar 2008 waren noch 25.206 Menschen als freie Dienstnehmer*innen beschäftigt. 2013 waren es 18.682 Personen. Die Zahlen sind Jahr für Jahr rückläufig und die Frage muss gestellt werden, ob diese Form des Arbeitsverhältnisses überhaupt eine Zukunft hat.

Kaum Branchen, die von “Ausländer*innen” geprägt werden…

Interessant ist in unserem Zusammenhang auch noch eine Aufschlüsslung nach Branchen. Es gibt gerade einmal zwei Branchen in denen der Anteil an “ausländischen” Arbeitssuchenden  jenen an “österreichischen” übersteigt. Es handelt sich um den wahnsinnig beliebten Bereich: “Gebäudebetreuung; Garten- und Landschaftsbau”.  8102 sogenannte arbeitssuchende Inländer*innen stehen 9564 Ausländer*innen gegenüber (Wert: BALI März 2018). Dass “Gebäudebetreuung sowie Garten- und Landschaftsbau” nicht zu auf dem Karriere-Wunschzettel vieler österreichischer Jugendlicher steht, dürfte wenig überraschen. Die zweite Branche, die in absoluten Zahlen, ein ähnliches Verhältnis hat, ist jene der “Sonstigen”. Hier stehen 5.330 sogenannte inländische Arbeitslose mehr als 14.000 (14.829) sogenannten ausländischen Arbeitslosen gegenüber. Was genau unter “Sonstigen” zu verstehen ist, darüber gibt das System keine Auskunft.

Natürlich geziemt es sich auch hier den Gegencheck zu machen. In welchen Branchen arbeiten mehr “ausländische” Menschen als “inländische” Menschen? Trommelwirbel…. Traraa…

  • Landwirtschaft, Jagd und damit verbundene Tätigkeiten:  Inländer*innen: 6.128 – Ausländer*innen: 6.780
  • Beherbergung: Inländer*innen: 49.717 – Ausländer*innen: 57.497
  • Gastronomie:  Inländer*innen: 58.436 – Ausländer*innen: 61.710
  • Gebäudebetreuung; Garten- und Landschaftsbau: Inländer*innen: 32.112 – Ausländer*innen: 42.113

Also auch hier keine wirkliche Überraschung. Gastronomie und Tourismus sind ja schon sehr lang dafür bekannt, dass sie kein “einheimisches Personal” mehr anlocken. Ähnliches gilt für die anderen. Alle aufgelisteten Branchen stehen im Attraktivitätsindex nicht unbedingt ganz oben. Wenn man bedenkt, dass ein Beruf wie Koch oder Köchin fast schon als Mängelberuf gilt, muss der Ball eindeutig an die Branche zurück gespielt werden.

Viele Informationen:

Die Daten, die über das BALI-System abrufbar sind, sind vielfältig. Wie ich finde sind diese Daten hinsichtlich den üblichen Stammtischgesprächen doch sehr aufschlussreich. Mein Desideratum bleibt: Vorsicht ist geboten mit der Darstellung. Sie verleitet oft zu sehr schnellen Interpretationen.


Link: BALI – Online-Datenbank Arbeitsmarkt

Arbeitslosenstatistik: Ein Werkzeug mit dem sorgsam umgegangen werden soll…

Arbeitslosenstatistik: Ein Werkzeug mit dem sorgsam umgegangen werden soll…

Es ist schon fast ein Art Zeremoniell. Pünktlich zu Monatsbeginn werden die aktuellen Arbeitsmarktdaten veröffentlicht. Sie sind nicht nur ein wichtiger Gradmesser für die Arbeitsmarktpolitik, sondern auch für die Stimmung im Land. Sie sind das Futter für viele Stammtischdiskussionen und der Stoff aus denen Nachrichten gemacht werden.

Mit Statistiken kann man alles beweisen…

Ein altbekannter Spruch, der jedoch immer wieder dazu animiert, einen genauen Blick auf die Zahlen zu werfen. Einige  Medien geben sich zufrieden die Zahlen aus der Pressemitteilung des Sozialministeriums zu veröffentlichen. Nur selten werden die Zahlen hinterfragt oder weitgehend erläutert.

Die Arbeitslosigkeit sinkt. Ein relatives Novum ist es jedoch, dass die Arbeitslosenzahlen auch nach “Inländer*innen” und “Ausländer*innen” aufgeschlüsselt werden. Die Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten (also jene, denen vereinfacht formuliert, ein vorläufiges Bleiberecht zuerkannt wurde) werden sogar eigens aufgeführt. Was das Sozialministerium jedoch nicht anführt, ist, wie viele “ausländische” Menschen in einem geregelten Dienstverhältnis stehen – und somit ihre Steuern und Sozialabgaben zahlen.  Es werden zwar auch die “Unter-25-und-über-50”-Jährigen ausgewiesen, nur hier wird auf eine Differenzierung zwischen Aus- und Inländer*innen in der Darstellung verzichtet. Eine diesbezügliche Anfrage wurde an das Sozialministerium gestellt. Die Antwort finden Sie in meinem Beitrag: Daten zum Statusasylberechtigt” werden nicht erfasst…)

Beschäftigungslos / Langzeitarbeitslos

Diese beiden Werte bedürfen der Erläuterung. In Österreich sind laut aktueller Statistik 53.394 Personen langzeitarbeitlos (über 12 Monate) und 109.864 Personen langzeitbeschäftigungslos gemeldet.

Laut AMS “werden Personen, die über 365 Tage arbeitslos gemeldet sind, als langzeitarbeitslos gezählt. Unterbrechungen bis 28 Tage (zum Beispiel durch kurze Schulungen, Krankenstand oder kurze Beschäftigungsepisoden) werden nicht berücksichtigt.” Im Umkehrschluss werden längere Unterbrechungen sehr wohl berücksichtigt. Im Gegensatz zu den langzeitarbeitslosen Personen sind die langzeitbeschäftigungslosen Personen spannend. Hier werden auch die unterschiedlichen “Episoden” – wie das AMS sich ausdrückt – zusammengerechnet.  “Für deren Erfassung werden Episoden von sechs unterschiedlichen Arbeitsmarkt-Status, darunter Arbeitslosigkeit, Lehrstellensuche und Schulungen, zu einem „Geschäftsfall“ zusammengefasst, und dieser wird erst bei einer Unterbrechung (z.B. durch Arbeitsaufnahme, Auslandsaufenthalt, …-) von mehr als 62 Tagen beendet.” (Quelle).

Der Status der Langzeitarbeitslosigkeit lässt sich also leichter unterbrechen als jener der Langzeitbeschäftigungslosigkeit. Ein Mittel Langzeitarbeitslosigkeit zu unterbrechen besteht in Schulungen, kurzen Dienstverhältnissen, aber auch Aufenthalte im Ausland zählen dazu. Entsprechend interessant ist auch der Wert, dass 10.204 Langzeitarbeitslose (also knapp ein Fünftel) und 34.749 Langzeitbeschäftigungslose in Schulungen saßen, was nicht ganz  ein Drittel ausmacht. (Quelle)

Aus meiner Sicht ist es also spannender den Wert der Langzeitbeschäftigungslosigkeit zu betrachten, um herauszufinden, wie viele Personen, wirklich schon lange (1 Jahr und mehr) ohne Job sind.

Zahl der Beschäftigten

Der Orf-Online schreibt:  “Die Zahl der Beschäftigten erhöhte sich leicht um 2,7 Prozent auf 3,712 Mio. Personen.” Auch diese Zahl ist in dieser Darstellung zu hinterfragen. Bei den 3,712 Millionen sind die Zivildiener*innen, die Karenzbezieher*innen in einem aufrechten Dienstverhältnis und die freien Dienstnehmer*innen (die steuerrechtlich “selbständig” sind) mit eingerechnet.

Es ist zwar schön, dass diese Gruppen als “beschäftigt” im Sinne eines unselbständigen Dienstverhältnisses eingestuft werden, aber sauber ist es nicht. Die freien Dienstnehmer*innen sind zwar sozialversichert bei der jeweiligen GKK – nur eben steuerrechtlich sind sie “einkommenssteuerpflichtig”. Rechnen wir diese Gruppen heraus, bleiben nur mehr 3.629.000 Arbeitnehmer*innen.

Ein weiterer Wert, den ich noch etwas näher betrachten möchte, ist jener der “geringfügig Beschäftigten”. Bei “geringfügig Beschäftigten” handelt es sich arbeitsrechtlich gesehen um Arbeitnehmer*innen in einem geregelten unselbständigen Dienstverhältnis. Müsste man diese also als “arbeitend” berücksichtigen? Das ist die Frage: Geringfügige sind normalerweise nicht sozialversichert (mit Ausnahme der Unfallversicherung). Insgesamt 136.236 Männer und 216.850 Frauen (Summe 353.086 Personen) befinden sich in sogenannten geringfügigen Dienstverhältnissen: Interessant wäre nun zu wissen, wie viele “geringfügige Jobs” selbstversichert bei der GKK sind. Denn nur bei Personen, die sich selbst versichern, ist auszuschließen, dass sie nebenbei beim AMS gemeldet sind, sich in Karenz befinden oder bereits Pension beziehen. Mit anderen Worten: spannend wäre zu wissen, wie viele “Geringfügige” gleichzeitig beim AMS gemeldet sind. Die Antwort finden Sie in meinem Beitrag: Daten zum Statusasylberechtigt” werden nicht erfasst…)

Abgesehen davon, sind die Zahlen auch in anderer Hinsicht bedeutend. Thema Gender Pay Gap etc. Aber auch in Richtung “Vollbeschäftigung.” Wenn man bei einem geringfügigen Job im Durchschnitt von 10 Wochenstunden ausgeht, sieht man, dass sich etwa 80.000 bis 90.000 Vollzeitstellen auf alle geringfügigen Beschäftigten verteilen. Ich weiß, dass man dies nicht so rechnen kann, aber das Gedankenexperiment ist absolut spannend. Dies führt zum Arbeitsmarktpotenzial.

Das Arbeitskräftepotenzial

Hier zunächst einmal eine Erläuterung: “Das Arbeitskräftepotenzial ist laut nationaler Definition, beinhaltet die Anzahl arbeitsloser Personen und unselbständig Beschäftigter (laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger). Im Vergleich zum Arbeitskräftepotenzial (internationale Definition) ist die Anzahl der selbständig Beschäftigten in der nationalen Definition nicht enthalten.” (Quelle: WIBIS Stmk) Dies erklärt auch die unterschiedlichen Arbeitslosenquoten. Laut EU-Berechnung ist die Arbeitslosenquote niedriger als jene, die in Österreich berechnet wird. EuroSTAT rechnet Selbständige und Geringfügige als erwerbstätig. In Österreich berechnet man den Wert der Arbeitslosenquote aufgrund der arbeitslos gemeldeten Personen im Verhältnis zum Arbeitskräftepotenziel (=Summe Arbeitslose und Erwertstätige ohne Geringfügige und Selbständige). (Quelle)

Fazit

Arbeitslosenstatistiken sind sensibel. Sie müssen gut erklärt werden. Sie sind ein Werkzeug. Und wie wir wissen, kann jedes Werkzeug richtig oder falsch eingesetzt werden. Wenn Werkzeuge falsch eingesetzt werden, richten diese meist sehr viel Schaden an.


Links:

Aktuelle Arbeitsmarktlage März 2018

Übersichtsblatt AMS Schulungsteilnehmer nach Ausbildung März 2018

Daten zum Statusasylberechtigt” werden nicht erfasst…

Good News: 40.000 mehr Jobs in Wien bis 2022

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Gute Nachrichten sollte man schnell in Umlauf bringen. Laut Wirtschaftskammer werden die Wiener Betriebe bis ins Jahr 2022 rund 40.000 neue Jobs schaffen. Diese Zahlen basieren auf der Bildungsbedarfsanalyse 2017, die seit 2013 jedes zweite Jahr erhoben und präsentiert wird. Das Hauptaugenmerk der Untersuchung liegt auf der Frage, welche Bildungsabschlüsse in den kommenden fünf Jahren von den Wiener Unternehmen besonders nachgefragt werden. Die Untersuchung befragte mehr als 1500 Unternehmen in allen Branchen und Sparten. Die befragten Unternehmen repräsentieren zirka 100.000 Arbeitnehmer*innen.

Wiens Unternehmen brauchen in den nächsten fünf Jahren zusätzliche 40.000 Mitarbeiter*innen. Besonders gefragt sind HTL- und Fachhochschulabsolvent*innen mit einem speziellen Augenmerk auf Fremdsprachenkompetenzen.

Auch österreichweit sei der Trend positiv: Der KURIER berichtete Anfang September, dass in ganz Österreich bis Ende 2021 228.000 neue Jobs geschaffen werden würden –  und die Arbeitslosigkeit fallen würde:

“Eine Prognose des Synthesis-Instituts im Auftrag des AMS, die dem KURIER vorliegt,  geht sogar bis einschließlich 2021 von einer sinkenden Arbeitslosigkeit aus. Bis 2021 dürfte die Quote demnach auf 8 Prozent sinken. Hauptgrund ist die anziehende Konjunktur in und um Österreich: Die Nachfrage der Unternehmen steige daher rascher als das Angebot an Arbeitskräften. So werde der Personalbedarf heimischer Unternehmen bis dahin um 228.000 Menschen zunehmen, was zu einem Rückgang der Arbeitslosen um 28.100 Personen führen könnte.”

Dauerbrenner: Lehrstellen

Der Bedarf an Lehrlingen wird laut der Bildungsbedarfsanalyse steigen. Dies liegt vor allem daran, dass Lehrstellen nicht besetzt werden können, da “geeignete” Lehrlinge fehlen. Insgesamt sind die Zahlen bei der Lehrlingsfrage sehr unterschiedlich. Knapp 10 Prozent der befragten Unternehmen sprechen sogar davon, dass es ein Überangebot an Lehrlingen gäbe, 34 Prozent sprechen von zu wenig passenden Lehrlingen. Dies erklärt vielleicht warum 2016  in Wien alleine 600 Lehrstellen nicht besetzt wurden. Den 600 unbesetzten Lehrstellen stehen 16.800 Lehrlinge in 4000 Betrieben gegenüber. In diesem Zusammenhang monieren die Vertreter*innen der Wirtschaftskammer, zum wiederholten Male, fehlende Kenntnisse bei den Basiskompetenzen wie Lesen, Rechnen etc. Auch das Polytechnikum wird in diesem Zusammenhang kritisiert.

Da verwundert es nur wenig, dass knapp 50 Prozent der befragten Betriebe glauben, dass Lehrlinge aus den Bundesländern besser seien, als jene in Wien. Diese These ist angesichts der Zusammenstellung der Nationalmannschaft der Jungfacharbeiter*innen für die diversen World und Euroskills nicht ganz von der Hand zu weisen.

Positiv ist noch zu vermerken, dass das Stichwort “Karriere mit Lehre” weit mehr ist als eine charmante Floskel. In 29 Prozent der Fälle würden ehemalige Lehrlinge Führungsaufgaben übernehmen.

Welche Lehrberufe werden nachgefragt?

Mit Ausnahme der Branche “Transport und Verkehr” steigt die Nachfrage nach Lehrlingen in allen Bereichen. Besonders erfreulich ist, dass man in den Sparten Industrie, Handel und Information resp. Consulting mit einem Plus von über 20 Prozent rechnet. In absoluten Zahlen ist das Gewerbe jener Zweig mit dem stärksten Anstieg. Immerhin rechnet man mit einem Plus von 143 Lehrlingen in den nächsten Jahren.

Quelle: Bildungsbedarfsanalyse 2017 / WKO

Karriere mit AHS-Matura?

AHS-Absolvent*innen haben nach wie vor ihre Chance auf dem Arbeitsmarkt. Überbewerten solle man die Matura allerdings nicht. Die AHS-Matura alleine reiche heute kaum mehr aus, um einen Job zu finden. Die Studie formuliert diesen Sachverhalt relativ drastisch:

“Absolventen von allgemeinbildenden höheren Schulen sollten nicht damit rechnen, dass sie in den Wiener Betrieben Arbeitsplätze vorfinden, die ihre Ausbildung voraus setzen und somit die Betriebe Arbeitsplätze ausdrücklich für sie vorgesehen haben. Lediglich 22% (2015: 16%) der Unternehmen geben an, dass es Posten gibt, deren Stellenbeschreibung explizit einen Absolventen dieses Schultyps vorsieht. 18% der Betriebe planen in 3 bis 5 Jahren mehr Absolventen von allgemeinbildenden höheren Schulen zu beschäftigen, 7% planen die Einstellung von weniger AHS Absolventen. Diese „Bilanz“ für AHS-Maturanten lässt sich aber aus Sicht der Personalisten der Betriebe durch ein Technikstudium verbessern.” (Bildungsbedarfanalyse 2017; Seite23)

Die Kombination aus AHS-Matura (aufgrund der vermittelten Allgemeinbildung) mit  einem anschließenden Technik-Studium seien eine gute Kombination und ein ziemlicher Jobgarant. Da die Matura alleine nicht reicht, denkt die Wirtschaftskammer laut darüber nach,  Maturant*innen den Zugang zu einer verkürzten Lehre zu erleichtern.  Somit würde die Lehre für Absolvent*innen einer allgemein höheren Bildungsanstalt sicherlich schmackhafter.

Hoffnung für ungelernte Kräfte – und hohe Nachfrage nach FH-Kräften

Aber auch für ungelernte Kräfte besteht Hoffnung. Die Bildungsbedarfsanalyse verzeichnet in den nächsten 5 Jahren ein Plus von 2,9 Prozent in diesem sehr speziellen Sektor. Dies würde bedeuten, dass ein Bedarf von knapp 3.300 zusätzlichen Kräften für ungelernte Tätigkeiten besteht. Bedenkt man, dass Flüchtlinge sehr oft zu den ungelernten Kräften gehören, kann man hier von einer sehr guten Nachricht sprechen. Es verwundert nicht, dass die FH-Absolvent*innen die am stärksten nachgefragte Gruppe sind. Hier rechnet man mit einem Plus von 20,2 Prozent, was 6.600 zusätztliche Mitarbeiter*innen mit FH-Abschluss bedeuten würde.

Macht uns die Automatisierung einen Strich durch die Rechnung?

Parallel zu diesen erfreulichen Berichten und Zahlen tauchen in letzter Zeit verstärkt Berichte und Studien auf, die nahelegen, dass eine zunehmende Automatisierung und Digitalisierung einen großen Einfluss auf den Arbeitsmarkt haben werden. Das Onlinemedium “Addendum” greift – wie viele andere – eine aktuelle IHS-Studie auf:

“Laut IHS wackeln 360.000 Arbeitsplätze. Eine Zahl, die nach unseren Einschätzungen womöglich zu niedrig angesetzt ist. Wendet man die Ergebnisse des IHS nämlich auf die Lohnsteuerstatistiken an, die alle Fälle auflistet, in denen im Jahr 2015 Lohnsteuer gezahlt wurde, zeigt sich, dass rund 432.000 Arbeitsplätze von Automatisierung bedroht sind. Zur Einordnung der Dimension: Im Oktober 2017 waren etwa 316.000 Personen in Österreich arbeitslos.” (addendum: Automatisierung)

Es ist natürlich interessant, dass die verstärkte Digitalisierung und Automatisierung ein Mehr an Informatiker*innen und Ingenieur*innen benötigt. Dies wird sowohl von IHS als auch von der Bildungsbedarfsstudie bestätigt. In den beiden genannten Bereichen herrsche schon jetzt ein Unterangebot von 36 Prozent (Informatik) respektive zirka 41 Prozent bei den Ingenieur*innen. Gerade das Thema Automatisierung zeigt, dass der Arbeitsmarkt in Wien, aber auch in Österreich, immer dynamischer wird. Neue Fragen zur Arbeitsplatzsicherung, zur Aus-und Weiterbildung, aber auch zur Arbeitslosigkeit und zum Thema Lohnarbeit an sich werden uns in den nächsten Jahren beschäftigen.

Gender Pay Gap: Ein paar Überlegungen

Die Meldung kam in den letzten Tagen fast schon lapidar. Offensichtlich hat man sich daran gewöhnt, dass in Österreich laut Statistik, Frauen im Schnitt 21,7 Prozent weniger verdienen als Männer.  Österreich gehört damit zu den üblichen Verdächtigen am Schluss des europäischen Rankings. In Estland, Tschechien und Deutschland (sic!) ist die Schere noch größer. Europäische Musterbuben und Mustermadeln in Sachen “Gender Pay Gap” sind Italien und Luxemburg mit jeweils nur 5,5 Prozent Unterschied. Der Schnitt in Europa liegt bei 16, 9 Prozent. Die europäische Union will nun einen Aktionsplan ausarbeiten. Soweit, so gut.

Was die Berichterstattung jedoch nicht beleuchtet, sind die Gründe für den Unterschied. Wie kann es sein, dass Deutschland, die Exportmilchkuh der europäischen Union, seine Töchter schlechter bezahlt als fast alle anderen EU-Staaten? Und die gleiche Frage lässt sich natürlich auf Österreich ummünzen…

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich ein paar Dinge anschauen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich gesteinigt werde. Aber Frauen verdienen bei gleicher Ausbildung, Berufserfahrung und gleicher Tätigkeit soviel wie die Männer. Die Kollektivverträge lassen es in Österreich nicht zu, dass man so leicht diskriminieren kann und die Berechnung von Eurostat vergleicht Äpfel mit Birnen. Vor allem muss man jedoch wissen, dass die Angaben von Eurostat “unbereinigt” sind. Das bedeutet, dass keine länderspezifischen Besonderheiten oder Eigenheiten der jeweiligen Beschäftigungsstruktur berücksichtigt werden – weil man andernfalls die einzelnen Länder wahrscheinlich gar nicht miteinander vergleichen könnte.

Einkommensunterschiede und Gender Pay Gap

Welche Gründe führen zum Gender Pay Gap?

(1) Die Berufswahl

Friseurinnen, Bürokauffrauen und Verkäuferinnen in Supermärkten verdienen nun einmal weniger als Mechaniker, Mechatroniker oder Monteure mit ihren Zulagen. Übrigens verdienen Frisöre, Bürokaufmänner und Verkäufer auch weniger als Mechanikerinnen, Mechatronikerinnen oder Monteurinnen. Was will ich damit sagen? Die Branchen entscheiden, ob viel oder wenig verdient wird. Innerhalb der Branchen sind die Verdienstmöglichkeiten gleich. Frauen wählen nach wie vor klassische Frauenberufe mit einem niedrigeren Einkommen. Die drei beliebtesten Lehrplätze bei Frauen – Einzelhandel, Bürokauffrau, Friseurin – stehenden besser bezahlten “männlichen” Berufen wie Mechaniker, Tischler oder Installateur gegenüber. Die neuen Bestrebungen des Handels verschlimmern dies noch. Etliche Unternehmen im Handel zahlen den Lehrlingen bewusst höhere Lehrlingsentschädigungen als Anreiz. Ein Lehrling bei großen Handelsunternehmen verdient im dritten Lehrjahr soviel wie ein ausgelernter Mitarbeiter. Danach steigt das Gehalt nicht mehr so stark.

(2) Teilzeit

Frauen wählen überdurchschnittlich oft Teilzeitjobs. Oder anders formuliert: In klassischen Frauenbranchen werden übermäßig viele Teilzeitjobs angeboten. Wenn Sie mir nicht glauben: Suchen Sie mal in Supermärkten oder im Trainingsbereich Vollzeitstellen. In diesen Branchen sind Frauen überrepräsentiert. Ich bearbeite viele Jobs aus dem Bereich Technik, Handwerk und Gewerbe. Vollzeit ist hier Standard. Teilzeitjobs kommen mir allenfalls in diesem Bereich bei Bürokräften und im Verkauf unter die Finger. Ein Beispiel: bei einem Reifenhändler sind alle KFZ-Mechanik-Positionen in Vollzeit ausgeschrieben, alle Verkaufsjobs jedoch in Teilzeit. Auch in den Human-Ressource-Abteilungen gibt es offenbar immer mehr Teilzeitjobs und auch hier sind die meisten Ansprechpartnerinnen Frauen. Insgesamt arbeiten laut Wiener Wirtschaftskammer 49,8 Prozent der Frauen in Teilzeit. Mit anderen Worten: Jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit. Bei den Männern sind es lediglih 9,8 Prozent – sprich jeder 10 Mann arbeitet Teilzeit. (Wiener Wirtschaft, Nr. 47/23.11.2017)

(3) Einkommensberichte

Seit 2011 müssen alle größeren Unternehmen anonymisierte Einkommensberichte vorlegen. Diese Berichte sollten dazu dienen, den Gender Pay Gap auch mit entsprechenden Zahlen zu illustrieren. Zur Überraschung aller musste die damalige Frauenministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) feststellen, dass es kaum Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau in den österreichischen Konzernen gab. Die Einstufungen wurden und werden genau vorgenommen. Das Anrechnen von Vordienstzeiten wird wohl immer weniger ein Argument für einen Einkommensunterschied sein, weil Kollektivverträge, wie der BABE, eine Deckelung mit maximal 5 Jahren vorsehen.

(4) Das West-Ost-Gefälle

Laut Genderatlas  herrscht in Österreich ein West-Ost-Gefälle. Die Spanne ist in den östlichen Bezirken (vor allem  im Grenzbereich zu Tschechien, der Slowakei und Ungarn) höher als in den westlichen Bezirken. Wien ist eine Ausnahme. Neben den bereits beschriebenen Faktoren wie Ausbildung etc. spielen natürlich auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Region eine Rolle. Darüber hinaus müsste man sich ansehen, wie viele KV’s ein Lohngefälle zwischen Osten und Westen bereits im Kollektivvertrag definieren. Bei der nicht unwichtigen Gruppe der Handelsangestellten verdienen Mitarbeiter*innen in Westösterreich mehr als in Ostösterreich.

(5) Die Erwerbsquote

Entscheidend für den Gender Pay Gap ist auch die Beschäftigungsquote. Oft geht ein niedriger Gender Pay Gap auch mit einer niedrigen Frauenerwerbsquote konform. In Italien und auf Malta sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau im Gehaltsbereich deutlich geringer als in Österreich und in Deutschland. Österreich und Deutschland haben jedoch – im Gegensatz zu Malta und Italien – eine deutlich höhere Frauenerwerbsquote. Dies bedeutet, dass in Deutschland und Österreich wesentlich mehr Frauen in der Erwerbsarbeit tätig sind, als auf Malta oder in Italien. Mehr arbeitende Frauen führt natürlich auch zu mehr Teilzeitbeschäftigungen bei Frauen. Allerdings ist dies kein Gesetz. In den skandinavischen Ländern haben wir ebenfalls eine hohe Frauenerwerbsquote und einen Gender Pay Gap der unter dem EU-Durchschnitt liegt. Es ist also auch wichtig, ob Frauen übermäßig im Niedriglohnsektor arbeiten oder nicht.

Man kann also sehen, dass der Gender Pay Gap ein sehr dynamisches Thema ist. Was für den einen Staat richtig ist, muss für den anderen noch lange nicht gelten. Auf jeden Fall muss mit der Vorstellung aufgeräumt werden, dass Frauen bei gleicher Ausbildung und Praxis weniger verdienen. Die Einkommensunterschiede resultieren aus Faktoren, die wenig mit einer gehaltstechnischen Diskriminierung zu tun haben, als mit Faktoren wie Berufswahl, Ausbildungswunsch, wirtschaftliche Möglichkeiten der Region etc.

Allerdings bedeutet dies nicht, dass alles in Ordnung sei. Absolut gesehen, bleiben die Einkommensunterschiede bestehen. Um jedoch Lösungen zu finden, müssen die Strukturen geändert werden. Dies fängt bei der (Aus)bildung an, führt über ein Talente-Management, das diesen Namen auch verdient bis hin zu Unterstützungen an die Unternehmer, die es Ihnen leichter machen Frauen aufzunehmen (vor allem im gewerblichen Bereich).


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