“Nach frühestens sieben Jahren können Sie jemandem vorurteilsfrei begegnen”

Berufseinblicke Coaching

Die Serie “Berufseinblicke” präsentiert Interviews mit Menschen, die mit beiden Beinen fest im Berufsleben stehen. Mit dieser kleinen Serie bietet “whatelsen.work” wertvolle Einsichten und Einblicke in den beruflichen Alltag, fernab von Berufsinformationssystemen und allgemeinen Branchenbeschreibungen. Denn nichts ist spannender als der gelebte berufliche Alltag.


Der Coachingbegriff ist in aller Munde. Mittlerweile – so scheint es zumindest – keinen Bereich zu geben, in dem nicht gecoacht oder trainiert wird. Baucoaching, Energiecoaching, Laufcoaching, Life-Coaching uvm. ist auf dem Markt zu finden. Wir wollen ein wenig den Beruf des “klassischen” Coachs – also des Life-Coachs (wie man es im anglo-amerikanischen Raum im Unterschied zum Sport-Coach bezeichnet) vorstellen. Helga Blöchl – von der Praxis “Positiver Dialog” war so freundlich dieses kleine Interview mit whatelsen.work zu führen…

whatelsen: Danke, dass Sie sich bereit erklärt haben mit uns zu sprechen. Frau Blöchl… Wie kamen Sie zum Coaching? Waren Sie schon immer Coach?

Helga Blöchl, Coach und Mediatorin in Wien

Helga Blöchl: Meine beruflichen Wurzeln liegen in der Sozialen Arbeit. Ich habe auf der Sozialakademie studiert und war als Sozialarbeiterin im Bereich Beruf/Bildung und leitend in der Gewaltprävention tätig. 

Den Impuls in Richtung Coaching zu gehen, wurde durch die Bemerkung einer Trainerin in einem Seminar zur Persönlichkeitsentwicklung ausgelöst. Sie meinte, dass ich einen besonderen „Draht“ zu den Bedürfnissen der Menschen habe und doch Coaching als Tätigkeit in Betracht ziehen sollte.

Coaching ist neben Mediation und Training jetzt mein berufliches Betätigungsfeld. Ich schätze meinen Quellberuf, die Tätigkeit als Beraterin in der Sozialen Arbeit sehr – jedoch wird oft das Problem der KlientInnen von der Beraterin “geschultert” und auf diese Art die Lösungen gesucht. In der Sozialen Arbeit geht es in manchen Fällen auch um Unfreiwilligkeit im Beratungssetting und Machtgefälle zwischen BeraterIn/KlientIn.

In meiner Arbeit mit Menschen hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass ich meinen systemischen Ansatz in der Beratung sehr gut in das Coaching transformieren kann. Meinen KundInnen auf Augenhöhe zu begegnen und im lebendigen, offenen Dialog Lösungen für die präsentierten Anliegen zu erarbeiten, entspricht auch mehr meiner Wertehaltung und meinem Verständnis von sinnstiftender Tätigkeit.

whatelsen: Mit welchen Zielgruppen arbeiten Sie am liebsten? Welche Coaching- oder Trainingsanfragen würden Sie ablehnen?

Helga Blöchl:  Ich habe keine grundsätzliche Vorliebe hinsichtlich einer Zielgruppe. Jedenfalls keine nach einer einfachen Einteilung in „jung-alt“, „männlich-weiblich“, oder ähnliches.

Ich arbeite jedenfalls sehr gerne mit Menschen zusammen, die sich gerne Gedanken über sich selbst machen und mit einer wohlwollenden Haltung ihre beruflichen/privaten Anliegen reflektieren wollen. Am liebsten arbeite ich mit Menschen, die bereit sind, ein “Risiko” einzugehen”, indem sie dem Neuen eine Chance geben.

Anfragen, die ich fachlich nicht abdecken kann, lehne ich ab. Ich versuche, an eine für die fachliche Anforderung passende KollegIn zu verweisen. Ein anderes Beispiel: Vor kurzem erst wurde ich für eine Mediation mit den Auftrag kontaktiert, zwei vorliegende Scheidungsvergleiche nach Ausgewogenheit und Fairness zu beurteilen. Ich habe auf eine Rechtsberatung verwiesen. Für das Ausverhandeln von Bedingungen, die beide Seiten als fair empfinden, bin ich gerne Mediatorin. Auch für die Klärung der anstehenden Themen zur Vorbereitung der einvernehmlichen Scheidung stehe sehr gerne als Mediatorin zur Verfügung.

Ich lehne auch Anfragen ab, wo es bereits zu einer Vorwegnahme des Ergebnisses kommt – z. B. Mediation, die als “Tribunal” verwendet wird, die Ergebnisse nicht ausverhandelt werden, sollen sondern von vornherein feststehen. Auch bei einem Coaching-Auftrag für ein Unternehmen kann das Coaching nicht als “Korrektiv” für das Verhalten einer Führungskraft oder eines Mitarbeiters oder eines Teams eingesetzt werden – solche Aufträge lehne ich ebenfalls ab.

whatelsen: Sie haben Seminare von Friedrich Glasl (Konfliktforschung) und Richard N. Bolles (Bewerbung) besucht? Wie war das mit diesen herausragenden Persönlichkeiten und Speakern zu arbeiten?

Helga Blöchl: Was besonders prägend war, ist die Wertschätzung, mit welcher diese “Koryphäen” die SeminarteilnehmerInnen aufnehmen. Diese Haltung prägt auch die Arbeit in der Seminargruppe – ein freundliches, offenes Miteinander unterstützt den intensiven Lernprozess. Ich habe diese Vortragenden auch als unglaublich sicher und stark in der Sache erlebt, gleichzeitig freundlich und mit einer guten Prise Humor. Mit diesen Qualitäten wird Mut zum Ausprobieren, Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten und auch das Zulassen von Fehlern gemacht. Es waren einmalige Erlebnisse.

whatelsen: Was waren Ihre persönlichen Highlights bei diesen Seminaren?

Helga Blöchl: Friedrich Glas hat den populären Kinospielfilm „Der Rosenkrieg“ als Übungsbeispiel für das Erarbeiten der neun Eskalationsstufen von Konflikten verwendet. Dieser Film hat dabei unterstützt, die Stufen der Konflikteskalation nachvollziehbar zu machen und die abstrakten Inhalte in der Realität zu veranschaulichen. Diese Vorgangsweise hat auch das eigene Einschätzen von Konflikten und ihrer jeweiligen Konfliktstufe in der Mediation gestärkt und den jeweiligen Handlungsbedarf als Mediatorin verdeutlicht.

Bei Richard “Dick” Nelson Bolles war das ganze Setting einzigartig. Das Seminar hat bei Herrn Bolles in seinem privaten Wohnsitz in Danville, Kalifornien, stattgefunden. Die Gruppe war international (natürlich mit US amerikanischen Schwerpunkt) zusammengesetzt. Wir haben in der gemeinsamen Sprache Englisch miteinander gearbeitet, gemeinsam die Pausen verbracht, das Catering von Dick Bolles’ Frau Marcy genossen und es gab auch gemeinsame Abendessen.

Man hat viel gearbeitet und gleichzeitig gemeinsam Spaß gehabt – ein Erlebnis fürs Leben. Monate später hat sich ein Teilnehmer (aus Kanada) von einer gemeinsamen Kleingruppenübungen bei mir gemeldet und sich ausdrücklich bedankt für mein gutes Zuhören. Meine Kärtchen mit Ideen für seine neue berufliche Ausrichtung sind für Ihn und seine berufliche Zukunft sehr hilfreich. Dieses Feedback hat mich besonders gefreut!

whatelsen: Sie bieten ja unterschiedliche Seminare an: Wieso sollten potenzielle Teilnehmer*innen Sie buchen?

Sie haben Recht: Meine Angebote bilden einen „bunten Strauss“. Meine Schwerpunkte sind Coaching (Berufscoaching, Persönlichkeitscoaching und Teamcoaching), Mediation, Training mit den Schwerpunkten „Soziale Kompetenz“, „Konfliktmanagement“ und “Selbstwert und Kommunikation“.  Ich biete auch Supervision an und Firmen können meine Angebote im Bereich CSR (Corporate Social Responsibility) buchen.

Helga Blöchl: All der Vielfalt ist eines gemeinsam: Mein offenes Zugehen auf Menschen und das ehrliche Annehmen meines Gegenübers mit den präsentierten Anliegen schafft rasch eine Vertrauensgrundlage für die gemeinsame Arbeit. Hoffnung und Zuversicht zu vermitteln – auch wenn die Situation noch so “verzwickt” ist – und auf die Ressourcen, die die Menschen mitbringen, zu bauen… Die Perspektive, eine Verbesserung, ein klareres „Miteinander“ zu erreichen, unterstützt auf dem Weg zum (Lern)Ziel.

Das ist auch meine innewohnende Triebfeder. Die KundInnen in die Lage zu versetzen, dass Sie einerseits sich selbst besser kennenlernen und mehr wertschätzen, und andererseits auf ihr soziales Umfeld empathisch zugehen können. Potentielle TeilnehmerInnen können gerne auch alternative Angebote buchen. Jeder Anbieter, jede Anbieterin setzt andere Schwerpunkte.

Mein USP (unique selling point – um die Sprache des Marketings zu verwenden) ist meine fast schon intuitive Art, sehr schnell den wahren Kern des Anliegens meines Gegenübers herauszufinden. Was mich besonders ausmacht, ist meine hohe Aufmerksamkeit und ein sehr starkes empathisches Gespür für meine Kundinnen und Kunden. Meine analytischen Fähigkeiten helfen beim Blick auf das Gesamte – und ich habe auch keine Angst vor schwierigen Konflikten. Diese Kompetenzen, gepaart mit langjähriger Erfahrung und solidem methodischen „Rüstzeug“, versetzt mich in die Lage, potentielle KundInnen bei Ihren Themen bestmöglich zu unterstützen.

whatelsen: Viele junge Menschen möchten ins Coaching. Wie schätzen Sie den Coaching-Markt in Wien ein?

Helga Blöchl: Mir stehen jetzt keine statistischen Werte zur Verfügung. Ich habe auch keinen richtigen „Marktüberblick“. Ich kann nur aus eigener Erfahrung folgendes berichten:

Der “Coaching-Markt” erscheint mir als völlig überlaufen. Ausbildungsinstitute scheinen gut zu florieren. Mit dem Resultat, dass die AbsolventInnen mit ihren Angebote auf gar nicht so viele potentielle Kundinnen und Kunden treffen – die Enttäuschung der “Neulinge” auf dem Markt ist nachvollziehbar. Es wirkt auf mich auch ein wenig so, als ob viele Anbieter keinen wirklich fundierten beruflichen Background für diese Tätigkeit besitzen. Eine Coaching-Ausbildung alleine ist meiner Meinung nach zu wenig an Wissen für diese anspruchsvolle Tätigkeit. Das verursacht auch, dass die gesamte Branche darunter zu leiden hat.

Es tummeln sich viele “Glücksritter” auf diesem Gebiet – das führt verständlicherweise zur Verunsicherung der KundInnen ob der Seriosität der AnbieterInnen. Außerdem “hypen” die Medien Themen wie „Führungskräftecoaching“, „Karrierecoaching“ und ähnliches mehr. Das läuft aber zumeist über renommierte Institute, sehr viel auch über direkte Beziehungen – BerufseinsteigerInnen haben es hier sehr schwer.

whatelsen: Welchen unerlässlichen Tipp würden Sie Leuten mit auf den Weg geben, die den Beruf des Coachs oder Trainers (m/w) ergreifen wollen.

Helga Blöchl:  

  • Sie benötigen auf jeden Fall eine fundierte Ausbildung.
  • Es muss ihrer persönlichen Neigung entsprechen – Coaching/Training ist kein Job wie jeder andere
  • Sorgen sie dafür, dass nicht ihre eigenen Probleme auf die KundInnen projiziert werden – ein hohes Maß an Selbsterfahrung schützt Sie und Ihre KundInnen
  • Viel Erfahrung sammeln und durch Supervision laufend begleiten lassen
  • Sie müssen sich vernetzen – zu Instituten, Firmen, Vereinen, Kongressen gehen – der sogenannte “Multichannel-Ansatz” – es geht darum, im Marktsegment bekannt zu werden

Auf der Sozialakademie hat uns einer der Lehrenden gesagt: “Nach frühestens sieben Jahren können Sie jemandem vorurteilsfrei – wie einem unbeschriebenen Blatt, einer weißen Leinwand – begegnen. Das hat natürlich niemand geglaubt, es ist aber meiner Erfahrung nach so. Diese sieben Jahre hat es zu meiner Entwicklung als offene, aufmerksame und wertschätzende Person gebraucht – und es ist ein laufender und sehr interessanter Reifungsprozess für mich als Coach, Mediatorin und Trainerin.

whatelsen: Herzlichen Dank für das ausführliche Interview und alles Gute.

Helga Blöchl: Danke auch.


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